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Musikfilm

Stefan Pauls Doku über Scherben-Sänger Rio Reiser

"Lass uns'n Wunder sein - Auf der Suche nach Rio Reiser". Der Dokumentarfilm des Tübingers Stefan Paul über den Frontmann der wohl wichtigsten deutschen Rockband der Siebziger, Ton Steine Scherben, läuft jetzt in den deutschen Kinos.

24.07.2009
  • Klaus-Peter Eichele

Stefan Pauls Doku über Scherben-Sänger Rio Reiser
Rio Reiser und R.P.S. Lanrue

Am Anfang sieht man Hölderlinturm und Stiftskirche – ein merkwürdiger Auftakt für einen Film über einen Berliner Anarchorocker, der Rio Reiser zumindest in der ersten Hälfte seiner Karriere war.

Aber immerhin: In Tübingen sind sich Stefan Paul, der heutige Kinobesitzer und Filmverleihchef, und Reiser vor fast 40 Jahren das erste Mal begegnet. Seine Band Ton Steine Scherben hatte sich damals für ein paar Wochen in Pauls Oberndorfer Landkommune einquartiert. Eine große Freundschaft wurde daraus zwar nicht – trotzdem steht der 1996 gestorbene Musiker seit fünf Jahren im Mittelpunkt von Pauls Schaffen als Teilzeit-Filmemacher. Drei Dokus sind in dieser Zeit entstanden: nach den entbehrlichen Mitschnitten des LTT-Musicals „König von Deutschland“ und einer Reiser-Hommage des Sängers Jan Plevka jetzt also die erste umfassende Filmbiografie Rio Reisers.

Ausgangspunkt von Pauls neu erwachtem Interesse war das erstaunliche Revival, das zu Reisers zehntem Todestag 2006 eingesetzt hat. In vielen Städten kamen Retro-Shows auf die Theater- oder Konzertbühnen, die vor allem ein gut bürgerliches Publikum anlockten. Zur Erinnerung: Anfang der siebziger Jahre lieferten Ton Steine Scherben mit Songs wie „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ und „Keine Macht für Niemand“ den Soundtrack für Hausbesetzungen und Straßenschlachten gegen das „Schweinesystem“. Auch in Tübingen ging der Besetzung des späteren Epplehauses ein Scherben-Konzert voraus.

Über die Ursache des neuzeitlichen Rio-Rummels unter völlig unpolitischen Vorzeichen kann Paul auch nach langjährigen Recherchen nur spekulieren. Manchen Älteren gebe es wohl einen nostalgischen Kick, sich für zwei Stunden die eigene Jugend in Erinnerung zu rufen. Andere wiederum treibe vielleicht eine unbestimmte „Sehnsucht nach Radikalität“ (so Daniel Cohn-Bendit im Film), die sich in den heutigen, zementiert dünkenden Verhältnissen nur noch indirekt ausleben lasse. Nicht zu unterschätzen ist sicher auch die wuchtige Musik, die hinter den geflügelt gewordenen Politparolen in den Scherben-Texten oft zu Unrecht verblasst.

Für Paul selbst hat auch seine eigene Verstrickung in die damalige linke Kulturszene eine Rolle gespielt. In den frühen siebziger Jahren organisierte der Germanistik- und Amerikanistikstudent in Tübingen bürgerschreckende Filmabende und „progressive“ Rockkonzerte, schrieb Aufsätze über Kultur im Kapitalismus, drehte einige Underground-Filme über Sex & Rock‘n‘Roll, ehe er 1974 das Arsenal als erstes Programmkino in Baden-Württemberg gründete. Insofern ist der Reiser-Film zum Teil auch ein Roadmovie in die eigene bewegte Vergangenheit. Rund 15 Stunden Material hat der Medienunternehmer in den letzten drei Jahren gedreht und in Archiven aufgestöbert.

Das 90-minütige Destillat besteht zum Großteil aus Interviews mit Weggefährten des Ausnahmemusikers: Bandmitgliedern, der Ex-Managerin und jetzigen Grünen-Chefin Claudia Roth, dem Bruder Gert Möbius bis hin zu Nachbarn des Reiser‘schen Elternhauses im Hessischen. Hauptgewährsmann ist Scherben-Gitarrist R.P.S. Lanrue, den Paul einsiedelnd in Portugal ausfindig gemacht hat und der den Tod seines Freundes offenbar bis heute nicht verwunden hat. In ihren Statements kommen Dutzende Facetten aus Rios Leben und Nachleben zum Vorschein: die Vereinnahmung durch die linke Szene, worauf die Scherben die Flucht aufs Land antraten; Reisers lange verheimlichte Homosexualität und der letztlich tödliche Alkoholismus; der erbitterte Streit zweier Fraktionen ums Erbe. Allerdings droht der Mensch Rio Reiser von dieser ungewichteten Materialmasse zuweilen schier erdrückt zu werden.

Eindeutig zu kurz kommt die Musik. Zudem stammen die meisten Schnipsel aus der Phase von Reisers wenig bemerkenswerter Spätkarriere als Schlagersänger. Den Kauf alter Scherben-Mitschnitte aus TV-Beständen konnte sich Paul für diese 200 00 Euro billige Produktion nicht leisten.

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24.07.2009, 12:00 Uhr
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