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Attrappe lenkt Angreifer ab

Statt des Stuttgarter Hauptbahnhofs wurde bei Lauffen Kopie bombardiert

"Brasilien" - so hieß ein Projekt des Militärs im zweiten Weltkrieg, das feindliche Bomber in die Irre führen sollte. Etwa mit einer Kopie des Stuttgarter Hauptbahnhofs, das auf Äckern bei Lauffen am Neckar stand.

21.02.2011
  • HANS GEORG FRANK

Lauffen am Neckar Ruth Steurer und Ruth Buchholz (beide Jahrgang 1928) können sich gut erinnern, wie sie mit Kuhgespannen eine merkwürdige Konstruktion auf den Äckern zwischen Lauffen am Neckar und Nordheim (Kreis Heilbronn) passiert haben. "Arg hoch" sei gewesen, was sie sahen, "Lichterketten, beleuchtete Weichen" fallen ihn ein, wenn sie über ein geheimes Kriegsprojekt sprechen. Was auf die Äcker gestellt wurde, sei nur gerüchteweise bekannt gewesen: "Stuttgarts Hauptbahnhof soll das gewesen sein." Nach dem Sinn sei nicht gefragt worden: "Man hatte nicht die Courage", sagt Ruth Steurer. "Man hat nicht viel denken dürfen, sonst hätten sie uns entfernt", pflichtet ihr Ruth Buchholz bei.

Die beiden Zeitzeuginnen tragen Puzzleteile zu einem Bild bei, von dem es nur vage Vorstellungen gibt. Es geht um "Brasilien", so hieß das Vorhaben bei den Militärs, die mit einer Kopie des Stuttgarter Hauptbahnhofs feindliche Bomberpiloten in die Irre führen wollten. Dieser Täuschung à la Potemkin geht die Künstlergruppe "Soup" - "Stuttgarter Observatorium Urbaner Phänomene" - nach, seit sie sich auch mit der Tieferlegung des Originals in der Landeshauptstadt beschäftigt. In den Lauffener Museumsmachern Volker Friebel und Eva Ehrenfeld haben sie engagierte Unterstützer gefunden, sie planen eine Ausstellung in ihrem Haus. Realschüler und Gymnasiasten wollen gleichfalls erforschen, was vor 70 Jahren ihrer Heimatstadt zu fataler Bedeutung in der deutschen Verteidigungsstrategie verholfen hat.

Auch wenn Lauffen von der Landeshauptstadt 40 Kilometer entfernt liegt, ließen sich die fliegenden Angreifer doch täuschen. Nicht nur die Neckarschlinge ähnelt jener bei Bad Cannstatt, auch der Verlauf der Gleise ist ziemlich identisch. Weil die Piloten anfangs nur nachts flogen und über kein Radar verfügten, waren sie bei ihrer Orientierung aus großer Höhe auf derlei Merkmale angewiesen.

Wie groß "Brasilien" war, lässt sich nur mühsam rekonstruieren. Pläne, Aufzeichnungen existieren offenbar nicht mehr. Die Angaben über die Dimension weichen stark voneinander ab, die einen glauben an eine 30 Meter lange Fassade, die anderen halten 100 Meter für möglich. Sicher ist, dass mit einfachsten Mitteln gearbeitet wurde: Auf ein Holzgerüst wurden Schilfmatten gelegt, drinnen brannten starke Lampen - fertig war das Gebäude mit Illusionscharakter. Auch zwei "Gaskessel" soll es gegeben haben. Lichtreflexe sollen fahrende Straßenbahnen vorgegaukelt haben.

Hilfreich sind die Angaben von Zeitzeugen wie Willi Eberbach (Jahrgang 1926), der sich an "viele Masten mit Lichtern" erinnert, die Straßenzüge vorgetäuscht hatten. Der Scheinbahnhof habe einen Turm gehabt. Die Familie von Gerhard Schäffer (Jahrgang 1937) war direkt betroffen von "Brasilien": Sie musste den Hof verlassen. "Höchstens für drei Wochen", sei versprochen worden, "dann wurden dreieinhalb Jahre daraus." Im Juli 1940 begannen demnach Soldaten aus Frankreich mit der Arbeit, dabei hätten sie die Maul- und Klauenseuche nach Lauffen geschleppt. Das kriegswichtig gewordene Areal durfte nur mit Spezialausweisen betreten werden. Rund um die Scheinanlage waren Flakstellungen postiert. Riesige Scheinwerfer schickten ihre Strahlen in den Himmel.

Was auf dem Feld wuchs, wo sonst Kartoffeln und Rüben gediehen, hat seinen Zweck sofort erfüllt. Paul Menold (Jahrgang 1923) berichtet über drei Bomben im August 1940. Die Schäden an den Häusern seien der Beweis für "den Erfolg der Anlage" gewesen. "Sie sind darauf reingefallen", sagt er über die irregeleiteten Briten. Den letzten von insgesamt 37 Angriffen habe es am 6. Mai 1942 gegeben. "Dann haben die Engländer gemerkt, dass sie reingelegt wurden", meint Eberbach.

In Lauffen starben 99 Menschen. "Wir mussten den Kopf hinhalten für Stuttgart", heißt es noch heute. Hunderte von Spreng- und tausende Splitterbomben sind auf die Kleinstadt und ihre Äcker niedergegangen. Stuttgarts Oberbürgermeister Arnulf Klett hat sich am 3. April 1958 mit einem Brief und einem Gemälde seiner Stadt "in treuem Gedenken" bedankt für "die Leiden der Stadt Lauffen im letzten Kriege". Geblieben ist von "Brasilien" kaum etwas. Nur manchmal kommt beim Pflügen noch ein Backstein zum Vorschein.

Statt des Stuttgarter Hauptbahnhofs wurde bei Lauffen Kopie bombardiert
Die zerstörte Stiftskirche und das Rathaus in Stuttgart: Lange Zeit fielen die für den Bahnhof gedachten Bomben auf eine Scheinanlage bei Lauffen am Neckar. Foto: dpa

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21.02.2011, 12:00 Uhr
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