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Zwischen Fan und Chefkritiker

Statistiker Rainer Klein gibt seine Internetseite nach Zoff mit dem SSV Reutlingen auf

Es soll ein ziemlich kalter Herbsttag gewesen sein. 1980, als ein 16-Jähriger zum Auswärtsspiel seines SSV Reutlingen in der Amateurfußball-Oberliga beim FC Tailfingen aufbrach. Von Orschel-Hagen, auf dem 50-Kubikzentimeter-Kleinkraftrad der Marke Hercules, etwas mehr als 50 Kilometer – einfache Strecke. Dieser Junge war Rainer Klein.

18.11.2015

Der wohnt heute in Talheim, hat über den SSV schon seit Ende der 70er-Jahre ein Archiv geführt. Und im Internet auf www.statistik-klein.de alles festgehalten. Bis zum 2. November 2015. „Es ist mir zu viel geworden“, sagt Klein. Auch, weil ausgerechnet sein SSV Reutlingen ihm gerichtliche Schritte androhte. Es geht um Einträge auf Kleins Seite rund um das DFB-Pokalspiel gegen Eintracht Braunschweig. „Er hat ein Foto von unserer Homepage ohne Bildrechte abgebildet“, verteidigt SSV-Präsident Karsten Amann, im Hauptberuf Rechtsanwalt, seinen Anruf bei Klein. Und bezichtigt diesen, falsche Behauptungen aufgestellt zu haben: „Da stand, dass wir unsere Stadionmiete nicht mehr bezahlen können – das ist einfach falsch!“ Die Einträge verschwanden. Amann bestätigt, auch früher schon mit Klein telefoniert zu haben: „Aber ich habe ihn niemals zur Abschaltung seiner Seite gedrängt.“ Durch die Zankereien hat Klein einfach die Lust verloren. „Ich würde es begrüßen, wenn er wieder anfängt“, sagt Amann. Kritik zu üben sei Kleins gutes Recht.

Den aktuellen Weg des SSV hat Klein auf seiner Seite deutlich kritisiert. Der neue Sportdirektor Maurizio Gaudino sei für ihn der „Autoschieber“, das Stadion bezeichnete Klein stets als die „Vermächtnis-Arena“ des später wegen Geldveruntreuung inhaftierten ehemaligen Präsidenten Dieter Winko. Personen, die Klein nicht mochte, bekamen dies ungehemmt auf dem Bildschirm serviert: wie Armin Veh, den wegen „seiner Arroganz“ verhassten Ex-Trainer. Früher jahrelang mit einer Dauerkarte für die Kreuzeiche ausgestattet, verlieh Klein zuletzt seiner Unzufriedenheit in aller Öffentlichkeit und Schärfe Ausdruck.

Am 26. Juli 2001 ging die Homepage online. Bis zum Ende zählte Klein eine Million und 363 892 Besucher. Aber: „Gelöscht ist nichts“, sagt Klein. Er könnte jederzeit wieder anfangen. „Ich glaube aber nicht, dass ich das machen werde“, sagt der 51-Jährige. Klein schrieb nicht nur über den SSV Reutlingen. Auch mit den Fußballerinnen des TV Derendingen sympathisierte er, reiste ihnen zuletzt gar zum Auswärtsspiel nach Augsburg hinterher. Oder mit denen der SGM Öschingen/Belsen, bei denen Kleins Tochter Melanie spielt. Nicht zuletzt fand jeder Torschütze der A- und B-Liga seinen Namen auf Kleins Seite. Auch EM- und WM-Tippspiele gab’s.

Beim traditionellen Elfmeterturnier des ASV Pfäffingen war Rainer Klein sowieso immer dabei. Um das nach ihm benannte Team zu unterstützen; den „Rainer Klein Supporters Klub“ (RKSC), gegründet vor mehr als zehn Jahren von einigen damaligen ASV-Kickern. Einer davon ist Stefan Möllers. Der berichtet, dass das Verhältnis zu Klein anfangs gar nicht so gut gewesen sei, als der noch für den TSV Talheim Berichte schrieb. „Damals haben wir uns eher über die Berichte aufgeregt, weil sie nicht wirklich objektiv waren.“ Kleins Seite sei nach dem Pfäffinger Training ein Dauerthema gewesen. „Sowas findet man vermutlich in Deutschland nur sehr selten nochmal, wenn es das überhaupt gibt“, sagt Möllers. Der erinnert sich an ein AH-Turnier in Trochtelfingen vor einigen Jahren, als auf dem Rückweg der Durst hochkam. Nach einem Halt bei Klein in Talheim „sind wir fünf Minuten später mit sechs Bier weitergefahren“, erzählt Möllers.

Immer wieder besuchten alte Bekannte Klein in dessen heimischen vier Wänden. „Da bin ich richtig aufgelebt“, sagt der Talheimer. „Wenn ich jemanden in meinem SSV-Keller begrüßen konnte, das hat mich immer richtig gefreut.“ Wie Jörg Goldmann, heute 75. Der legte Klein sogar nahe, er solle ein Buch über die damalige Amateur-Oberliga schreiben. Oder die ehemaligen SSV-Trainer Wilfried Gröbner, Ralf Rangnick und Rainer Adrion, sie kannten und schätzten den Statistiker – Rangnick hatte ihn einst sogar gebeten, SSV-Spiele auf Video mitzuschneiden. Weshalb Klein sagt: „Ich habe für den SSV auch viel Gutes getan.“

Das Spiel in Tailfingen verlor der SSV damals mit 1:3. Überragend beim FC: Gerd Wizemann mit zwei Treffern. Der hinterließ im September den letzten Eintrag im Gästebuch von statistik-klein.de – und schrieb über das Archiv: „Mir ging eine Gänsehaut hinunter, denn es erinnert mich an frühere schöne Fußballzeiten.“ Jetzt ist auch das Geschichte. MORITZ HAGEMANN

Statistiker Rainer Klein gibt seine Internetseite nach Zoff mit dem SSV Reutlingen auf

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18.11.2015, 12:00 Uhr
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