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„Krone“ spitzelte an der Uni

Stasi-Ausstellung mit Lokalbezug

Das Ministerium für Staatssicherheit der DDR hatte auch in Tübingen Zuträger. Das zeigt eine Ausstellung im Landratsamt.

15.09.2012
  • Ute Kaiser

Tübingen. „Rechtssicherheit spart Staatssicherheit“: Mit Losungen wie dieser begehrten Demonstranten im Herbst 1989 gegen die „Stasi“ auf. Das gelbe Transparent hängt im Foyer des Landratsamts und gehört zur Ausstellung „Feind ist, wer anders denkt“ – zusammengestellt vom Bildungszentrum des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik, kurz: BStU.

Roland Jahn, im Januar vergangenen Jahres vom Bundestag zum Chef der Stasiunterlagen-Behörde gewählt, konnte wegen eines anderen Termins am Donnerstag sein angekündigtes Grußwort nicht halten. Allerdings war seine Geschichte als Oppositioneller, der sechs Monate inhaftiert war und 1983 gegen seinen Willen aus der DDR gebracht wurde, als eine der exemplarischen Opfer-Biografien präsent.

Vom Entsetzten angesichts der Schicksale der Bespitzelten sprach Landrat Joachim Walter. Als Hausherr begrüßte er die rund 50 Eröffnungsgäste, einige davon mit eigener DDR-Vergangenheit. Die Ausstellung richtet sich aber auch an alle, die diesen Staat „nicht aus eigenem Erleben kennen“. Angesichts des „Unrechtsregimes“ war es Walter wichtig, dass auch junge Menschen Freiheit und Demokratie wertschätzen und für sie kämpfen.

Die Volkshochschule (vhs) als Mitveranstalter erreichte mit einer Stasi-Ausstellung vor vier Jahren innerhalb von vier Wochen rund 5000 Interessierte. Reiner Thede, der stellvertretende vhs-Vorsitzende, wies auf den besonderen Blickwinkel der neuen Schau hin. Sie stelle das Schicksal der Menschen, die ins Visier der Stasi geraten sind, in den Vordergrund. Als Vertreter einer Institution, die selbst Wissensvermittlung und politische Bildung als ihr „Kerngeschäft“ versteht, legte er hiesigen Schulen einen Besuch nahe: als „gute Gelegenheit, Gemeinschaftskunde-Unterricht einmal anders zu gestalten“.

Den Besucher(inne)n werden auf Wunsch von Roland Jahn als erstes lokale Bezüge zur Stasi angeboten. Beispielsweise Spitzelberichte aus der Uni mit Beobachtungen von politischen Aktionen oder dem abgefangenen Brief eines Dozenten an den Philosophen Ernst Bloch, der sich gegen das SED-Regime wandte.

Nachzulesen ist auch die Geschichte des ehemaligen DDR-Bürgers mit dem Decknamen „Krone“, der mit seiner Frau als inoffizieller Mitarbeiter (IM) einen Stimmungsbericht vom Vorabend des 17. Juni 1978 – dem 25. Jahrestag des Volksaufstands in der DDR – übermittelte. „Krone“ berichtete aber auch davon, wie der ultrarechte „Hochschulring Tübinger Studenten“ mit linken Studierenden aneinandergeriet.

110 Kilometer Schriftgut hat die Staatssicherheit hinterlassen. Sie sollte als „Schild und Schwert der Partei“ die Alleinherrschaft der SED sichern, wie Helge Heidemeyer sagte. Der Leiter der Bildungs- und Forschungs-Abteilung sprach davon, dass „die Arme der Krake“ bis weit ins Bundesgebiet reichten. Eine der Hauptaufgaben der Stasiunterlagen-Behörde sei, „einzelnen Zugang zu den über sie veröffentlichten Informationen zu ermöglichen“. Anträge auf Akteneinsicht liegen parat. 634 kamen schon aus Tübingen.

Die Ausstellung bietet – vor allem mit den Biografien – „Beispiele von Integrität und dem Bemühen, die Würde zu bewahren“, sagte der Referent. Auch unter den „schwierigsten Bedingungen“ in einer Diktatur, so Heidemeyers Botschaft ans Auditorium, „bleibt die Wahl“.

Stasi-Ausstellung mit Lokalbezug
Helge Heidemeyer (rechts) von der Stasiunterlagen-Behörde führte am Donnerstagabend in die Ausstellung „Feind ist, wer anders denkt“ im Landratsamt ein. Bild: Faden

Die Stasi-Ausstellung wird bis Donnerstag, 4. Oktober, im Foyer des Landratsamts (Wilhelm-Keil-Straße 50) gezeigt – montags bis freitags von 9 bis 18 Uhr. Seit 2008 geht sie auf Wanderschaft. Tübingen ist die 35. Station. Auf Stellwänden, in einer Zeitleiste mit ausgewählten politischen Ereignissen vom Kriegsende 1945 bis zur Wiedervereinigung 1990, anhand von Biografien, Hörbeispielen und Handakten können sich Besucher/innen über das Ministerium für Staatssicherheit, seine Entstehung, seine Aufgaben und Methoden informieren.

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15.09.2012, 12:00 Uhr
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