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"Schlechtes Essen ist nicht gut für den Stil"

Starkoch Vincent Klink übers Genießen und Schreiben

Er ist einer der populärsten Köche Deutschlands, hat einen Michelin-Stern, ist aber auch ein saftig formulierender Autor, der ein Dutzend Bücher vorgelegt hat. Vincent Klink ist darüber hinaus ein brillanter Plauderer und ein dilettierender Musiker.

06.10.2015
  • HELMUT PUSCH

Mit seinem Buch "Ein Bauch spaziert durch Paris" spürt er dem Genuss in der Literatur nach.

Herr Klink, sind Sie ein schreibender Koch oder ein kochender Autor?

VINCENT KLINK: Ich bin in erster Linie Koch, aber einer, der etwas aus der Art schlägt, weil ich mich nicht nur für Sex und Fußball interessiere. Ich lese und schreibe in meiner Freizeit relativ viel. Und die ist lang. Zehn Stunden am Tag stehe ich in der Küche, aber da bleiben ja noch weitere 14 Stunden. Ich schaue kein Fernsehen, das beschert einem pro Tag vier Stunden mehr.

Dennoch: Sie kochen, schreiben, musizieren.

KLINK: . ich bin seit 45 Jahren Koch mit wachsender Leidenschaft, auch deshalb, weil ich es liebe, mit einem so tollen Team wie meinem in der Küche zu stehen. Deshalb mache ich so gut wie keinen Urlaub - und wenn dann höchstens ein paar Tage. Das Schreiben und die Musik sind meine Erholung.

Wo sehen Sie die Gemeinsamkeiten?

KLINK: Man muss in allen drei Disziplinen ein Ziel haben. Der Rest ist Freiheit. Auch wenn ich im Fernsehen koche, koche ich immer ein wenig anders, als es im Rezept steht, das man sich nachher runterladen kann. Überhaupt: Ich schreibe wahnsinnig ungern Rezepte, weil man da genau sein muss. Ich erzähle lieber Geschichten - nicht weil man sich da nicht so sehr an die Wahrheit halten muss, sondern weil man da variieren kann. Und in der Musik bin ich ja auch Jazzfan. Natürlich gibt es da die Melodie, die Harmonien, das ist quasi das Rezept. Aber die Improvisation dazu ist Freiheit pur. Ich hab's auch mal mit Klassik probiert. Aber Note für Note: Das kriege ich nicht hin.

Mag sein, dass der Eindruck täuscht, aber in der Literatur wird heute viel mehr gegessen, getrunken, aber vor allem sehr viel mehr gekocht. Welche Gründe sehen Sie dafür?

KLINK: Die Welt ist heute voller Regeln. Mit Kochen aus Leidenschaft kann man aus diesem Korsett ausbrechen. Wenn man exotische Rezepte kocht, kann man sich in andere Länder versetzen, umgekehrt kann man mit einem traditionellen Gericht nach dem Rezept der Großmutter ein Stück Heimat erzeugen. Und damit angeln sich Autoren auch ihre Leser. Ich tue das doch auch. Wenn ich eine CD mache, dann sind da auch immer Rezepte dabei. Salopp gesagt: Mit Rezepten fängt man Mäuse.

Steckt da also nur Kalkül dahinter?

KLINK: Nein, nein. Viele Autoren entwickeln da auch eine richtige Leidenschaft. Zudem ist das, was eine Figur isst oder kocht, auch ein wichtiger Bestandteil der Persönlichkeit. Damit lassen sich Personen wunderbar beschreiben. Was man isst, trinkt und kocht, sagt viel über den Charakter aus. Übers Essen definiert man sich. Das ist vielen nicht bewusst.

Gilt das nur fürs schreiberische Handwerk oder auch für den Autor als Person?

KLINK: Das gilt auch für den Autor als Person. Nehmen wir zum Beispiel Karen Duve. Die ist Hardcore-Vegetarierin, und so liest sie sich auch - beileibe nicht schlechter, aber eben anders. Dagegen Alain Claude Sulzer: Der Mann war auch mal Kellner, der kennt das Geschäft. Das merkt man auch an seiner Themenwahl. Wenn Sulzer ein französisches Gelage beschreibt, dann kennt er das, er hat es erlebt. Überhaupt ist es wichtig, dass Autoren sich dem Genuss hingeben können. Der Spruch, wer nicht genießen kann, ist ungenießbar, gilt auch für Schreiber.

Welche Autoren können sich dem Genuss hingeben?

KLINK: Peter Handke lässt gerne gut für sich kochen, Martin Walser ist ein ausgezeichneter Kenner von gutem Bordeaux und guten Burgundern. Aber vielen jungen Autoren geht diese Fähigkeit ab, vielleicht auch deshalb, weil man es sich als junger und noch erfolgloser Autor nicht leisten kann, in gute Gasthäuser zu gehen. Deshalb lese ich lieber Heinrich Heine als deutsche Gegenwartsliteratur. Eine saftige Sprache kann nur aus einem Mund kommen, der auch zu genießen weiß.

Der Titel Ihres jüngstes Buches ist "Ein Bauch spaziert durch Paris" - damit assoziiert man sofort Emile Zolas Werk "Der Bauch von Paris" .

KLINK: Ja, das ist klar, hat aber nichts miteinander zu tun. Zola beschrieb in seinem Roman ja eher den Hintergrund der Gastronomie, wo die Lebensmittel herkommen, wer sie verarbeitet. Ich schreibe über ein Paris, in dem sich Literatur, Kunst und Küche begegnet sind, ein Paris, dass es so auch gar nicht mehr gibt. Und der Bauch? Ich kokettiere ja gerne damit. Für andere ist es wichtig, dass sie keinen Bauch haben. Für mich ist mein Bauch aber eher ein Markenzeichen. Ich habe ja zuvor auch schon den kulinarischen Reiseführer "Immer dem Bauch nach" geschrieben.

Was raten Sie einem Autor?

KLINK: Auch ein Autor und sein Stil müssen reifen und da gilt: Schlechtes Essen ist nicht gut für den Schreibstil.

Starkoch Vincent Klink übers Genießen und Schreiben

Person Vincent Klink wuchs als Sohn eines Amtstierarztes in Schwäbisch Gmünd auf. Zunächst trug er sich mit dem Gedanken, Maler oder Grafiker zu werden, was ihm sein Vater aber als "brotlose Kunst" ausredete. Koch Klink ging bei einem Meisterkoch in Baden in die Lehre. Nach der Meisterprüfung machte er sich 1974 mit 25 Jahren selbstständig und eröffnete mit seiner Frau Elisabeth sein erstes Restaurant, das "Postillon" in Schwäbisch Gmünd. Bereits 1978 hatte er einen Michelin-Stern. Seit 1991 betreibt Klink in Stuttgart-Degerloch das Restaurant Wielandshöhe, das ebenfalls mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet ist. Autor Bereits der Name seines Stuttgarter Restaurants Wielandshöhe ist eine Reverenz an den schwäbischen Dichter Christoph Martin Wieland. Von 1986 bis 1992 war Klink Herausgeber und Autor der Zeitschrift "Rübe", einem Magazin für kulinarische Literatur im Haffmans-Verlag. Danach widmete er sich Cottas "Kulinarischem Almanach". Zusammen mit dem Schriftsteller Wiglaf Droste gab Klink von 1999 bis 2013 die vierteljährlich erscheinende Zeitschrift "Häuptling Eigener Herd" heraus. Ende 2009 veröffentlichte Klink seine Autobiografie. Er wurde auch selbst zum Gegenstand von Literatur, nämlich als Gefängniskoch in der Krimi-Satire "Der Mullah von Bullerbü" von Wiglaf Droste und Gerhard Henschel. Buch "Ein Bauch spaziert durch Paris" ist Vincent Klinks zwölftes Buch.

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06.10.2015, 12:00 Uhr
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