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Verfolgung

Starke Frau beendet den Wahn

Agnes Gotter aus Offenburg sollte als Zauberin verurteilt und verbrannt werden. Doch selbst unter schlimmster Folter gestand sie nicht. Das war das Ende der Hexenprozesse in der Ortenau.

08.09.2017
  • PETRA WALHEIM

Offenburg. Die junge Frau, die im Gotter-Nes-Weg in Offenburg wohnt, weiß mit dem Straßennamen nichts anzufangen. Gotter-Nes? Keine Ahnung, sagt sie. So oder so ähnlich antworten alle Anwohner, die an diesem trüben Nachmittag im Gotter-Nes-Weg unterwegs sind und nach dem Namen gefragt werden. Dabei wohnen sie in einer Straße, auf deren Namensgeberin sie unbedingt stolz sein sollten: Agnes Gotter, genannt Gotter Nes, lebte so ungefähr zwischen 1573 und 1654/55 in Offenburg. Genau weiß man es nicht. Am 12. November 1629 wurde sie unter dem Verdacht, eine Hexe zu sein, verhaftet. Doch selbst unter der härtesten Folter gestand sie nicht. Das beeindruckte und verunsicherte die Herren des Gerichts derart, dass alle Hexenprozesse zunächst ausgesetzt – und auch später nicht mehr aufgenommen wurden.

Die Informationen zu Agnes Gotter, zu ihrem Leben und Wirken, sind dünn gesät. Ein Bildnis von ihr fehlt. „Es gibt zu den Menschen aus dieser Zeit keinerlei Überlieferungen“, sagt Stadtarchivar Wolfgang Gall. Außer es sei etwas Besonderes vorgefallen, wie zum Beispiel ein Hexenprozess. Dann seien die Namen der Angeklagten, Verurteilten und Hingerichteten in Ratsprotokollen festgehalten worden.

Das Protokoll, in dem „die Gotter Nes“ genannt wird, ist im Stadtarchiv von Offenburg auf einem Microfiche-Film verewigt. David Boomers, Mitarbeiter des Archivs, findet die Zeilen, in denen es um Agnes Gotter geht. Am 3. Dezember 1629 wurde gemeldet: „Gotter Nes ist gar übel auf und vielmal schwach, daß man vermeine, sie werde sterben. Die ist wieder auf den Stuhl gesetzt, verharrt aber auf der Unschuld. Erkannt, daß man sie solle nach Hause lassen und den Kirchherrn zu ihr ordnen.“ Weiter heißt es: „Mit dem Hexenfang soll man einhalten bis Weihnachten nacher.“

„Heldenmütiges Weib“

Franz Volk hat die Zeilen, die im Ratsprotokoll in altertümlicher Schrift verfasst sind, in sein 1882 veröffentlichtes Buch „Hexen in der Landvogtei Ortenau und Reichsstadt Offenburg“ mit aufgenommen. Er war von 1875 bis 1887 Bürgermeister von Offenburg. In dem Buch untersucht er die Hexenprozesse in der Ortenau und in der Reichsstadt Offenburg unter anderem anhand der Ratsprotokolle. Er schreibt: „Der Beweis, den dieses heldenmütige Weib dafür geliefert, daß alles ,Geschrei' und alle ,Angaben' auf Hirngespinnsten beruhen können und daß auch Unschuldige den furchtbaren Schmerzen der Tortur bloß zur Erzwingung eines Geständnisses unterwerfe, muß auf die Richter und Bevölkerung einen erschütternden Eindruck gemacht haben.“

Aber nicht allein ihr Widerstand brachte den Hexenwahn in Offenburg zum Erliegen. Franz Volk schreibt, dass sich schon Ende 1629 „eine allmähliche Umwandlung in der Anschauung der Richter, der Gefangenen und des Volkes“ abgezeichnet habe. Die Frauen zeigten einen „bewunderungswürdigen Mut“, schreibt er.

Woher Agnes Gotter den hatte, ist nicht klar. In dem Band „Markante Frauen“, den die Frauengeschichtswerkstatt Offenburg 2006 zu ihrem 15-jährigen Bestehen herausgab, und in anderen Quellen wird sie als einfache Bürgersfrau beschrieben, die aufgrund des regionalen Sprachgebrauchs „Gotter Nes“ genannt worden sei. Demnach heiratete sie 1591/92 den Bäckermeister Hans Braun aus Offenburg und betrieb mit ihm im eigenen Haus eine Bäckerei. Vier Kinder hatte sie mit ihm. Doch der Mann starb früh. Im Mai 1600 heiratete sie Balthasar Erhardt. In die Ehe brachte sie die vier Kinder, das Haus und die Bäckerei mit ein. Drei weitere Kinder folgten, bevor auch der zweite Mann starb. Das war um 1616. Da war die Gotter Nes 43 Jahre alt und schon zum zweiten Mal Witwe.

Vielleicht war das ein Grund, warum sie am 12. November 1629 gefangen genommen und eingesperrt wurde. Angaben über die Hintergründe ihrer Verhaftung gibt es nicht. Belegt ist aber in mehreren Quellen, dass sie brutal gefoltert wurde. Dafür wurde sie auf den „Hackerschen Stuhl“ gesetzt. Auf einen Stuhl, dessen Sitzfläche mit metallenen Stacheln ausgestattet war und der erhitzt werden konnte.

„Die Schrauben an den Knöcheln der Hände und Füße ließen das Blut herausspritzen, und Agnes schrie laut auf.“ So beschreibt es der Druckereibesitzer und Journalist Franz Huber in dem Buch „Offenburg. Aus der Geschichte einer Reichsstadt“, das 1951 veröffentlicht wurde. Im Kapitel „Offenburger Köpfe – Offenburger Gestalten“ erklärt er, dass dieser Schrei als Geständnis gewertet worden sei. Doch als die Agnes vom Stuhl herunter war, „protestierte die Frau mit allen Kräften: Nein, nichts ist wahr, ich habe nichts getan. Ich habe keine Gemeinschaft mit dem Teufel“, soll sie gerufen haben. Dafür wurde sie erneut auf den Stuhl gesetzt. „Kein Mann hatte bis jetzt dieser Qual widerstanden, die Gotter Nes hat es vermocht“, schreibt Franz Volk dazu.

Dass Agnes Gotter für ihre Zeit eine Heldin war, ist unbestritten. 1951, sagt Stadtarchivar Wolfgang Gall, sei im „Galgenfeld“ in Offenburg die kleine Stichstraße „Gotter-Nes-Weg“ getauft worden. Das Gebiet etwas außerhalb von Offenburg heißt so, weil dort früher Menschen hingerichtet wurden – auch auf dem Scheiterhaufen. So steht das Schild der Gotter Nes dort wie eine ständige Mahnung.

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08.09.2017, 06:00 Uhr
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