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Magische Nächte

Stark: Vincenzo Bellinis Belcanto-Oper "La Sonnambula" in Stuttgart

Erstmals hat Jossi Wieler als Intendant an der Oper Stuttgart inszeniert: Bellinis "Nachtwandlerin". Ein Triumph - auch weil Gabriele Ferro den Belcanto als leidenschaftsvolles Kammerspiel zelebrierte.

24.01.2012
  • JÜRGEN KANOLD

Stuttgart Belcanto-Oper? Das bedeutet zumeist: Das Personal trifft sich an der Rampe in teuren historischen Kostümen und singt - im Idealfall - schöne Kantilenen und akrobatische Koloraturen. Die Handlung ist nicht so wichtig, weil sie sowieso keiner versteht. Oder? Dass es anders geht, zeigten Jossi Wieler und Sergio Morabito in Stuttgart schon mit "Norma", jetzt erzählen sie eine weitere fesselnde Operngeschichte Vincenzo Bellinis: "Die Nachtwandlerin" (La Sonnambula).

Filmrealistisch hat Anna Viebrock dafür eine großartige Kulisse gebaut: die rustikale Gewölbehalle einer Wirtschaft auf dem Lande, sagen wir in der italienischen Schweiz. Ein von Riesenschränken gerahmter Dorfmittelpunkt; eine Bühne mit Tiefenwirkung. Dort treten keine Opern-Typen auf, sondern Menschen. Man weiß in dieser detailbesessenen Inszenierung nicht nur, was diese Menschen tun, sondern auch, warum.

Gutsbesitzer Elvino hat Geld und meint, dass man damit alles kaufen kann. Er hält sich für den Ortsschönsten, ist heißblütig und heiratet die tollste Frau: nicht Gastwirtin Lisa, mit der er schon verbandelt war, sondern das Waisenmädchen Amina. Deren Adoptivmutter Teresa (umwerfend als gestrenge Mama: Helene Schneiderman) ist ganz froh, sie unter die Haube zu bringen, doch Amina, dieses herzensgute Wesen, ist eigentlich überfordert mit dem, was mit ihr passiert. Und sie wandelt im Schlaf - unter irgendeinem Wahnsinn leiden Bellinis liebende Frauen stets.

Dummerweise landet Amina in der Nacht vor der kirchlichen Trauung unbewusst, von Elvino träumend, im Bett des Grafen Rodolfo, der nachmittags schon mit eindeutigen Blicken den Bräutigam zur Eifersucht getrieben hatte. In besagtem Bett allerdings hatte Übernachtungsgast Rodolfo sich zuvor eindeutig die Wirtin Lisa vorgenommen. Im Eifer des Gefechts verschüttete Rodolfo auch ein Glas Rotwein. . . Als Elvino und das Volk Amina entdecken, sieht das rotfleckige Bettlaken sehr nach vorhochzeitlicher Entjungferung aus.

Mit klarer Bildsprache, psychologisierend, aber nie plakativ gehen Intendant Wieler und Chefdramaturg Morabito vor. Sie lassen etwa eine gespenstische Frau als Figur durch die Szene irren - noch eine Nachtwandlerin. Die hyperrealistische Unschärfe in dieser Inszenierung hat etwas Magisches. Gleichzeitig gelingt dem Regie-Duo in aller Leichtigkeit auch eine komödiantische Note. Nach dem Drama im Zimmer aber herrscht ein Gefühlschaos, da mag dann Rodolfo dem Volk - der ausgezeichnete Staatsopernchor hat eine Hauptrolle in dieser Oper - zwar laienhaft das Schlafwandeln erklären, aber erst, als Amina nächtens wieder einen solchen Auftritt hat, wird ihre Unschuld akzeptiert.

Schuldhaft aber haben sich die anderen verstrickt, nein, fürs Happy End ist diese Frau zu tief verletzt worden. Das alles glaubt man der fabelhaften Ana Durlovski in der Titelpartie. Koloraturen, das ist bei ihr nicht Kunstgewerbe, das sind extreme Lust- oder Verzweiflungsäußerungen. Die neu aus Mainz nach Stuttgart verpflichtete Sopranistin sang in der bejubelten Premiere eine beseelte Amina, und zwar mit sehr fokussierter Stimme. Luciano Botelho gab den Elvino darstellerisch als ideal wankelmütigen Charakter, in der Höhe wurde für den Tenor allerdings die Luft etwas dünn. Mitreißend Catriona Smith als lebenshungrige, aber ziemlich frustrierte Lisa hin, und bestaunenswert der Bassist Liang Li mit der kolossalen Rodolfo-Arie.

Ovationen erntete zu Recht auch Gabriele Ferro mit dem klein besetzten, aus dem Graben hochgefahrenen Staatsorchester. So farbenvoll, aber gleichzeitig auch so weich und intim ist lange in Stuttgart nicht musiziert worden. Unvergleichlich reißt Bellini die Kavatinen, die Arien meist bläserumspielt auf. Ferro gestaltete das unaufgeregt, ohne jede Schärfe, zu romantischen Minidramen, dabei die große Melodien im Fluss haltend. Ein großer Belcanto-Abend: für das Ohr - und für das Auge.

Stark: Vincenzo Bellinis Belcanto-Oper "La Sonnambula" in Stuttgart
In der Gewölbehalle der Dorfwirtschaft: Ana Durlovski als Amina (Mitte) und Catriona Smith als Lisa am Tisch mit Liang Li, der den Graf Rodolfo singt (rechts). Foto: A. T. Schaefer

Stark: Vincenzo Bellinis Belcanto-Oper "La Sonnambula" in Stuttgart
A. T. Schaefer fotografierte die Inszenierungen des Regie-Duos Wieler/Morabito.

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24.01.2012, 12:00 Uhr
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