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Ökostrom für 5000 Haushalte

Stadtwerke kaufen für zehn Millionen Euro zwei Windräder im Odenwald

Die Suche nach einem eigenen Windpark führte die Tübinger Stadtwerke schon auf viele Holzwege, aber jetzt sind sie fündig geworden: Auf einem Hochplateau im Odenwald wachsen derzeit zwei Windräder in den Himmel, die schon bald den Strom bedarf von fast 5000 Tübinger Haushalten abdecken sollen.

16.08.2013

Von Sepp Wais

Tübingen. Ohne Navigator hätte SWT-Chef Wilfried Kannenberg, der am Mittwoch den Kleinbus in den Odenwald steuerte, die jüngste, im Juli per Kaufvertrag gesicherte Errungenschaft der Stadtwerke kaum gefunden. Wie für seinen Geschäftsführer-Kollegen Achim Kötzle war das Ziel der Pressefahrt, bei der sie ihren Windpark vorstellten, Neuland. Deshalb bedurfte es schon der Orientierungshilfe ihres Projektleiters Julian Klett, um unter den vielen Windrädern auf den Anhöhen über dem unterfränkischen Neunkirchen die Tübinger Türme zu finden.

Die ersten 80 Meter sind geschafft: Demnächst werden die zwei Betontürme im unterfränkischen Neunkirchen mit Stahlsegmenten um weitere 60 auf die Nabenhöhe von 140 Metern erhöht. Nach der Montage der Gondeln und Rotoren gehören die ersten „Tübinger Windräder“ mit einer Gesamthöhe von 199 Metern zu den höchsten Windkraftanlagen, die je in Deutschland gebaut wurden. Grund genug, jedwede Überflieger mit roten Bauchbinden vor den Superspargeln zu warnen.

Die Bauern im strukturschwachen Landstrich an der badisch-bayerischen Grenze wussten die Energiewende früh für sich zu nutzen. Auf der Suche nach zusätzlichen Einnahmequellen haben sie so viele Solarmodule auf Äcker und Dächer gepflanzt, dass Wolfgang Seitz, der Bürgermeister der 1600-Seelen-Gemeinde, am Mittwoch stolz verkünden konnte: „Wir produzieren in unserem Dorf bereits das Vierfache unseres eigenen Strombedarfs.“

Von einer solchen Solarquote kann Tübingens OB Boris Palmer, der auf dem Rad zum Vorort-Termin eintrudelte, „bislang nur träumen“. Noch mehr „Neid“ kam in ihm angesichts der zahlreich und munter rotierenden Windräder im Odenwälder Hügelland auf. Auch das laut Seitz eine frühe Antwort auf die Strukturschwäche der Region. Um die Dorfkasse mit etwas Gewerbesteuer aufzubessern und den Bauern lukrative Pachteinnahmen (bis zu 20.000 Euro pro Windrad und Jahr) zu bescheren, wies der Neunkirchener Gemeinderat bereits 2004 einen Standort für die Windkraft aus.

2011 griff die Green City Energy (GCE) zu. Die Münchener Beteiligungsfirma, die sich wenige Kilometer weiter bereits einen Bauplatz für fünf Windräder besorgt hatte, packte das kleinere, für zwei Windräder ausgelegte Baufeld von Neunkirchen auf ihr Projekt drauf. Das war dann doch etwas zu viel, wie die GCE-Projektleiterin Mariella Schubert am Mittwoch einräumte. Weil sie Mühe hatte, genügend private Investoren für das Gesamtprojekt mit einem Volumen von etwa 35 Millionen Euro aufzutreiben, gab die Münchner Firma die beiden Windräder auf Neunkirchener Markung im Juli für rund zehn Millionen Euro an die Tübinger Stadtwerke ab.

Bislang streicht der Wind noch ungenutzt über die 400 Meter jenseits der Landesgrenze liegenden Kornfelder hinweg, aber das soll sich bis Ende Oktober ändern. Ein Gutteil der dafür nötigen Vorarbeiten ist bereits erledigt, wie die Tübinger Delegation am Mittwoch zufrieden zur Kenntnis nahm. Über den mächtigen Fundamenten mit einem Durchmesser von 21 Metern ragen zwei Stahlbeton-Röhren 80 Meter hoch in den weiß-blauen bayerischen Sommerhimmel. Als nächstes werden die beiden Türme mit Stahlsegmenten um 60 Meter erhöht. Die „Hochzeit“, also die Montage der Gondeln und der 60 Meter langen Rotoren, ist für Ende September geplant. Ende Oktober, nach mehrwöchigem Testbetrieb, sollen die ersten beiden „Tübinger“ Windräder dann regulär in Betrieb gehen: Dank des steifen und stetigen Winds auf dem Plateau über dem nahen Maintal versprechen sich die Stadtwerke von den beiden jeweils 2,4 Megawatt starken Anlagen eine jährliche Stromausbeute von 12 Millionen Kilowattstunden. Zum Vergleich: Sämtliche Fotovoltaik-Anlagen in Tübingen brachten es im Jahr 2012 auf 800.000 Kilowattstunden.

Die Tübinger Stadtwerke haben auch noch andere Eisen im Feuer, um ihr 50-Millionen-Budget für Erneuerbare Energien bis 2016 auszuschöpfen. Weit gediehen ist inzwischen das mit fünf Partner-Stadtwerken angepackte Vorhaben, auf dem Falkenberg bei Heidenheim einen Windpark mit vier Anlagen zu entwickeln. Den Wettbewerb um den Standort im Landesforst haben die Kommunalpartner bereits gewonnen, jetzt muss geklärt werden, ob dort tatsächlich Windräder errichtet werden dürfen. Eine weitere Kooperation gingen die Stadtwerke mit einem der größten deutschen Projektentwickler im Bereich der Erneuerbaren Energien ein – mit der in Wörrstadt bei Mainz residierenden JuWi Gruppe. Dabei sicherte die 1800 Mitarbeiter starke Firma den Stadtwerken zu, ihnen jeden greifbaren Windkraft-Standort in Baden-Württemberg zuallererst und exklusiv anzubieten. Unabhängig davon setzen die Stadtwerke ihre eigene Suche nach geeigneten Standorten im Land fort – vor allem im Schwarzwald, in Hohenlohe und auf der Schwäbischen Alb. Kommentar: Der Knockout mit dem Rotmilan 16.08.2013 Ökostrom für 5000 Haushalte: Stadtwerke kaufen für zehn Millionen Euro zwei Windräder im Odenwald 16.08.2013 Tübinger OB spricht von "faktischem Windkraftverbot": Boris Palmer kritisiert die Genehmigungsbehörden 15.08.2013

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Erstellt:
16. August 2013, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
16. August 2013, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 16. August 2013, 12:00 Uhr

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