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Kinder vor Armut bewahren

Stadtverwaltung will bedürftige Familien besser beraten

Es ist gut, dass die Stadt Tübingen das Thema Armut von Kindern und Familien aufgreift. Dieser Aussage in einer Studie stimmten fast 100 Prozent der Befragten zu. Die Ergebnisse der Erhebung sollen Folgen haben: etwa bessere Beratung über Hilfen oder neue Regelungen für die Kinder-Card.

03.04.2014

Von Ute Kaiser

Tübingen. Die Studie unter dem Titel „Gute Chancen für alle Kinder – mit Familien aktiv gegen Kinderarmut“ ist ein Anstoß. „Kinderarmut zu thematisieren“, bezeichnete Tübingens Erster Bürgermeister Michael Lucke gestern bei einem Pressegespräch als „eins der zentralen Projekte der Tübinger Kommunalpolitik“. Die von Prof. Susanne Schäfer-Walkmann vom Institut für angewandte Sozialwissenschaft (IfaS) in Stuttgart geleitete Untersuchung sei eine „exzellente Grundlage“.

240 Erwachsene, Jugendliche und Kinder haben von Dezember 2013 bis Januar dieses Jahres mitgemacht. Etwa die Hälfte hat eigene Erfahrungen mit Armut, die andere beruflich oder durch private Kontakte einen Bezug dazu. Es sollten ausdrücklich „Experten in eigener Sache“ befragt werden, so Schäfer-Walkmann. Außerdem machten IfaS-Mitarbeiter vertiefende Einzelinterviews.

Die Befragten stuften besonders die Wohnsituation und die Freizeitgestaltung – beispielsweise den Zugang zu Kulturangeboten – als problematisch ein. „Das größte finanzielle Problem ist, dass fast das ganze Geld in die Miete geht“, heißt es in einem Fragebogen. Mehr als 80 Prozent der Befragten sprachen sich für mehr Sozialwohnungen aus. „Wenn Tübingen kinderfreundlich sein will, muss es Wohnraum für Familien mit Kindern schaffen“, lautet eine der Hypothesen der Wissenschaftlerin.

Die verschiedenen Angebote zur Bekämpfung von Kinderarmut, so ein weiteres Ergebnis der Erhebung, sind kaum bekannt. Mit 109 Nenneungen schneiden die Kreisbonus- und die Tübinger Kinder-Card noch am besten ab. Allerdings ist vielen nicht klar, welche Ermäßigungen sie damit bekommen. Den Tübinger Arbeitslosentreff kannten nur sechs Befragte. Weit über 60 Prozent von ihnen wünschten sich daher auch bessere Informationen zu den Angeboten und Leistungen.

Besonders vermissten die Studienteilnehmer in Tübingen, dass sie den Öffentlichen Nahverkehr günstiger nutzen können. Aber auch kostenlose Nachhilfe für alle, kostenlose oder ermäßigte Sportangebote, Unterstützung bei der Arbeitssuche und Entlastung für Alleinerziehende stehen obenan auf der Mängelliste.

Tübingen habe gute Chancen, die Chancen für alle Kinder zu verbessern, fasste Susanne Schäfer-Walkmann zusammen. Dazu nannte sie bestimmte Ansatzpunkte. Einer ist, das Abgleiten in Armut zu verhindern. Indem etwa auch Familien an der Armutsschwelle, die bisher von der Kinder-Card ausgeschlossen waren, sie nutzen können. Dass es in Tübingen viele Menschen gibt, die bereit sind, sich zu engagieren, wertete die Wissenschaftlerin als Potenzial, das genutzt werden soll.

Wie viele Kinder in Tübingen arm sind, konnte nicht genau beziffert werden. Die städtische Familienbeauftragte Elisabeth Stauber sprach von 1431 Kindern, die Leistungen nach dem Bildungs- und Teilhabepaket bekommen. Sie war „überwältigt“ von der großen Beteiligung an der Studie. Eine positive Nebenwirkung: Es fanden sich neue Partner für die Tübinger Kinder-Card.

Was tun? Eine Projektgruppe hat im Februar Vorschläge entwickelt, die ein Runder Tisch konkretisieren soll, sagte Stauber. Beispielsweise Ansprechpartner in Sportvereinen, Schulen, Kindertageseinrichtungen und Kirchengemeinden, die sich mit Hilfsangeboten auskennen. Sie brauchen eine zentral gelegene Anlaufstelle „Wer hilft weiter“, die sie betreut, mit Informationen versorgt, auf sie zugeht und täglich erreichbar ist.

Matthias Hamberger, Geschäftsführer der Martin-Bonhoeffer-Häuser, plädierte für dezentraleBeratungsangebote in Stadtteil- oder Familientreffs. Initiativen wie „Lernen im Tandem“ oder „Rock your Life“, die schon jetzt Kinder unterstützen, bräuchten Ressourcen, langfristige Planungssicherheit und Räume.

Familien und Alleinerziehende, die an der Schwelle zur Armut sind, müssten in die Kinder-Card einbezogen werden, sagte auch Silvia Hall von der Caritas. Weil arme Familien sich den Öffentlichen Nahverkehr nicht leisten können, sollte es für sie den TüBus umsonst geben. Außerdem müsse bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden. Und nicht zuletzt geht es auch um Beratung und Unterstützung auf dem Weg zu einer existenzsichernden Arbeit.

Die Ergebnisse der Studie zur Kinderarmut werden am Samstag, 5. April, beim Familienfest vorgestellt. Es ist von 14 bis 17 Uhr in der Tübinger Hermann-Hepper-Halle (Westbahnhofstraße 23). Junge Streicher und Trommler der Musikschule, Artisten des Zirkus Zambaioni und die Clownin Mimi unterhalten die Gäste. Sie können sich außerdem Tanz- und Märchenvorführungen, American Football und Fußball-Tricks ansehen. Für kleine und größere Kinder gibt es eine betreute Krabbelecke sowie Mal-, Bastel- und Spielangebote im Freien.

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Erstellt:
3. April 2014, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
3. April 2014, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 3. April 2014, 12:00 Uhr

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