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Ein Konzertsaal light?

Stadt prüft Standort im Museum / Lichtspiele investieren groß ins Kino 1

Die Tübinger Stadtverwaltung will überprüfen lassen, ob ins größte Kino der Museumsgesellschaft ein Konzertsaal passen könnte. Das Problem dabei: zumindest die kommenden anderthalb Jahrzehnte steht dieser Saal wohl kaum zur Verfügung. Denn die Lamm-Lichtspiele wollen ihn jetzt komfortabel umbauen.

24.09.2016

Von Wilhelm Triebold

Zumindest einmal im Jahr ist das Kino 1 im Museum garantiert bis auf den letzten Platz voll: Wenn die Französischen Filmtage eröffnet werden. Archivbild: Metz

Tübingen. Es kam die Idee auf, das Kino Museum 1 „zweigleisig als Konzert- und Kinosaal“ zu nutzen, bestätigt Kulturbürgermeisterin Christine Arbogast. Nach Gesprächen mit dem Kinobetreiber erwies sich eine „Doppelnutzung als nicht darstellbar“: Filmkunst und Musik würden zu stark konkurrieren, gerade an den Wochenenden.

Um den Schillersaal (so heißt der größte Tübinger Kinoraum eigentlich) ausschließlich fürs Tübinger Musikleben herzurüsten, müsste das Kino irgendwann ausziehen. Daran denkt freilich niemand. Der laufende Vertrag zwischen Lichtspielen und Museumsgesellschaft geht bis Ende 2020, er wird noch in diesem Jahr sogar bis 2030 (mit einer weiteren Option für fünf Jahre) verlängert. Nun allerdings mit einer Ausstiegsklausel, die gegebenenfalls eine Entschädigung durch die Stadt nach sich zöge.

Denn der Kinobetreiber will jetzt erstmal kräftig investieren. 300 000 Euro steckt er nächstes Jahr in seine wichtigste Abspielstätte: In bequemere Kinosessel mit Wohlfühl-Standard und mehr Beinfreiheit („wie im Flugzeug“, schwärmt Geschäftsführer Martin Reichart), in eine zwei Meter breitere Leinwand und in noch besseren Dolby-Sound. Dafür fallen viele der 642 Plätze weg – 400 werden es danach sein.

„Wir sind seit 1950 Mieter und wollen das gerne bleiben“, bekräftigt Reichart. In all den Jahren habe die Betreiber-Familie Lamm dort schon Millionen investiert. Auch für die zahlreichen Tübinger Filmfestivals ist das Museum eine verlässliche Bleibe, und das, so Reichart, „soll so bleiben.“ Eine Kino-Krise scheint auch nicht heraufzudämmern. Die Tübinger Lichtspiele stehen gut da: „Es gibt bundesweit drei Kinos, die permanent mit Bundespreisen ausgezeichnet werden – die anderen beiden sind in Hamburg und Köln.“

Der Vermieter sieht ebenfalls „keine Veranlassung, den Kinopächter loszuwerden“, bestätigt Prof. Wolfgang Rosenstiel. Im Gegenteil, das Kino sei ein „treuer Mieter“, sagt der Vorsitzende der Museumsgesellschaft, „wir pflegen sehr gute Beziehungen“. Mit den Einnahmen aus der Vermietung finanziert die Museumsgesellschaft die Klassikkonzerte im Festsaal. „Wir müssen unsere Einnahmen langfristig sichern“, sagt Rosenstiel, man sei selber noch verschuldet von der eigenen Renovierung. „Da gibt es keine Reserven.“

Ein Konzertsaal-Neubau nebenan wäre Rosenstiel sowieso immer noch am liebsten. Schon damals, als die Stadt vorübergehend den Unternehmer Karl Schlecht als Konzertsaal-Investor an der Angel zu haben schien, versprach sich die Museumsgesellschaft davon die besten Synergie-Effekte. „Der Standort ist prädestiniert“, glaubt er auch weiterhin.

Anderseits sei man immer „offen für Gespräche“, so Rosenstiel. „Wir wollen nicht die sein, die einen Konzertsaal verhindern. Nun sei „wichtig, den Vertrag zu verlängern, ohne langjährige Dinge zu verhindern“. Doch „das Kino geht erstmal weiter.“

Das weiß eigentlich auch Tübingens Kulturbürgermeisterin. „Es muss aber nicht heißen, dass dort für alle Zeiten ein Kino ist“, darauf beharrt Christine Arbogast. Zuerst gelte es „zu klären, ob sich der Saal umrüsten lässt“. Damit soll, wenn der Gemeinderat zustimmt, das Büro ICG Culturplan betraut werden, das im vergangenen Jahr schon eine Machbarkeitsstudie für einen Neubau-Standort erstellt hatte. Dabei wurde an erster Stelle der Europlatz genannt.

Es gehe bei der „kleineren Variante“ nur um „eine weitere Option“, beteuert Arbogast. Es gelte „abzuklopfen, ob das geht“. Schließlich sei ein Neubau keineswegs eine kurzfristige Perspektive und auch „finanziell nicht hinterlegt“, etliche andere Bauprojekte in der Kultur stünden noch vorher an. Es handle sich jetzt aber um „keine Verzögerungstaktik“, so Arbogast.

So stattlich sah der Festsaal der Museumsgesellschaft 1890 aus.

Kapital und Monopol: die wechselvolle Geschichte des Schillersaals im Museum

Das Gebäude der Museumsgesellschaft entstand 1821. Der Festsaal wurde Ende 1886 eingeweiht, mit immerhin 1150 Sitzplätzen bei Konzerten. Er wurde „gegen Miete den örtlichen Vereinen überlassen“, aber auch dem Wintertheater des Schauspieldirektors Julius Heydecker.

Der einzige größere Veranstaltungsraum sicherte der einstigen Lesegesellschaft praktisch ein Monopol in Tübingen und das Überleben. Ein Vertrag mit der Stadt festigte dieses Alleinstellungsmerkmal noch, als 1914/1915 der Festsaal umgebaut und in den Schillersaal umgetauft wurde. Danach trat auch das Stuttgarter Hoftheater dort regelmäßig auf. Bereits für 1928 ist ein „städtisches Vorführgerät für Filmveranstaltungen“ im Museum dokumentiert. Um weiter zu existieren und die Schuldenlast zu mindern, gab die Museumsgesellschaft Ende 1932 einem Kinobetreiber den Zuschlag („Lichtspiele im Museum“). 1937 beschloss die Gesellschaft, den Saal auch für Kinozwecke umzubauen.

Im Krieg war der dortige Kinobetrieb die einzige regelmäßige Einnahmequelle. Nach Kriegsende kam das neugegründete Städtetheater (später als Landestheater) bis in die 1980er-Jahre im Schillersaal unter.

Inzwischen wird der Saal außer mit dem laufenden Kinobetrieb auch noch mehrmals in der Saison mit Tourneetheater („Theater im Museum“) bespielt.wit

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Erstellt:
24. September 2016, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
24. September 2016, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 24. September 2016, 01:00 Uhr

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