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Heißer Hass und kalter Frieden

Sri Lanka: Tiefes Misstrauen zwischen Tamilen und Singhalesen

Sie sollten bomben und morden. Die Rebellenorganisation Tamil Tigers in Sri Lanka hatte Kinder in Waisenhäusern zu Kämpfern abgerichtet. Heute kümmern sich Ordensleute um diese Kriegshypothek.

23.05.2012
  • ELISABETH ZOLL

Kala wartet nicht mehr. Nicht mehr auf den "guten Onkel" Vellupilai Prabhakaran und auch nicht mehr auf den Tag, an dem der Norden Sri Lankas unabhängig und in eine goldene Zukunft entlassen würde. Zerplatzt sind die Kinderträume, die ihr im Waisenhaus der Rebellenorganisation Tamil Tigers (LTTE) von Erwachsenen über Jahre in den Kopf gehämmert wurden - die Mär vom Kampf der Kinder für die scheinbar gute Sache und von ihren künftigen Heldentaten als Selbstmordattentäter. Am 18. Mai 2009 war der Spuk vorbei. Prabhakaran, der Chef der Aufrührer im Norden Sri Lankas, wurde getötet. Der 30-jährige Bürgerkrieg war zu Ende.

Doch was heißt "Ende" für die Kinderkämpfer Prabakharans? Von klein auf an ideologisch geschult und militärisch getrimmt waren die rund 400 Jungen und Mädchen trainiert im Schießen, Fährten suchen und Granaten werfen, doch völlig überfordert angesichts der Niederlage und des anbrechenden kalten Friedens. Heiß glühte der Hass auf die siegreichen Singhalesen. Hatten nicht diese die Eltern ermordet, Freunde getötet oder verstümmelt? Dieser Krieg war reich an Barbarei - auf beiden Seiten.

Staubiger Innenhof in einem Mädchen-Zentrum in Vanunya, einer quirligen Stadt, die heute den Übergang zum Norden Sri Lankas markiert. Die Stimmung ist aufgekratzt. Mädchen kreischen unter stechender Sonne im Hof oder versuchen einen Blick ins Verwaltungsgebäude zu erheischen. Vor einem Staatsbeamten versprechen sich die 24-jährige Vani und ihr Freund Yoga Sudharson die Ehe. Der Duft von Curry füllt den Raum. Für Vani und die Mädchen des Zentrums ist es ein Fest- und Abschiedstag. Die Braut muss sich in wenigen Stunden dem Leben außerhalb des Zentrums stellen. Die drei indischen Ordensfrauen - Schwester Mathilda, Schwester Mary und Schwester Imelda - haben sich zum Abschied aufgereiht. Ein letzter Segen, dann endet ihre Verantwortung für Vani. 105 Mädchen bleiben.

"Anfangs malten die Kinder nur Gräber." Mathilda, die Oberin der dreiköpfigen Don-Bosco-Gemeinschaft, erinnert sich. Hart war der Einstieg in die Arbeit mit ursprünglich 160 jungen Kämpferinnen. Die Kinder waren aggressiv und aufsässig. Keine staatliche Organisation wollte die Verantwortung für sie tragen und in Freiheit entlassen werden konnten die Kriegsgefangenen nicht. Nur der Salesianerorden bot Hilfe an. Er errichtete Zentren für Jungen und für Mädchen.

Doch wie bereitet man indoktrinierte Jugendliche auf ein Miteinander mit dem einstigen Feind vor, wo doch Ethnie, Sprache, Religion, Kultur und Geschichtsschreibung Tamilen und Singhalesen trennen? Lesen- und Schreibunterricht, die Unterweisung im Nähen und Kochen und eine Ausbildung als Schneiderin, Friseurin oder Verkäuferin gehören da zu den einfachen Aufgaben. Schwieriger sind die Neuausrichtung der Köpfe und der Umgang mit Wut und Angst.

Auch ganz im Norden Sri Lankas haben sich Ordensfrauen auf die Arbeit mit Traumatisierten spezialisiert. Nur wenn die Seelen heilen, kann ein verlässlicher Frieden kommen. Fahrt in die Stadt Jaffna zum "Counseling und Ongoing Formation", wie das Therapiezentrum des Oblatenordens heißt. Der Weg ist mühselig, zumal wenn man eine Alternative zur von Baustellen gesäumten Hauptverbindungsachse A 9 wählt. Auf Pisten mit rotem Sand geht es auf der A 35 nur langsam voran. Die Strecke gleicht militärischem Sperrgebiet. Die Armee aus dem Süden hat den Norden ganz im Griff. Headquarter schließt an Headquarter. Kein Meter auf dem Weg nach Mullaitivu im Nordosten des Landes entgeht dem Blick der Soldaten. Aus Holz und Sandsäcken sind in kurzen Abständen Gefechtsstände errichtet. Die Region, in der im Mai 2009 die Endschlacht tobte, wirkt als werde neue Gewalt nur durch die Militärpräsenz unterdrückt. Bis vor kurzem war der Norden noch gesperrtes Gebiet.

Im Puthukkudiyiruppu, dem Ort, der bis zuletzt von der LTTE gehalten wurde, zeugen die zerbombten Ruinen alter Stadthäuser von der auf Vernichtung geführten Entscheidungsschlacht. Vor grauem Stein heben sich roten Schilder ab, die vor Minen warnen. Kein Haus ist ohne Hinweis. Noch liegen Geröllhalden wo einst Mauern standen. Unter einer dicken Staubschicht verharren Friedhöfe ausgebrannter und zerbombter Busse und Lkw.

Wie können Seelen heilen, wenn die Spuren des Krieges noch so offensichtlich sind? "Unsere Aufgabe ist es, Perspektiven zu suchen in einer Region, die wenig Perspektiven hat", sagt Rina Rasia, Ordensfrau der Heilig-Kreuz-Schwestern in der Stadt Jaffna. Schüler, denen Albträume die Kraft zu lernen rauben, kommen in ihr Therapiezentrum; Frauen, die nach dem Krieg unter der Gewalt ihrer Männer leiden; Männer, denen die Sprache für das Erlebte fehlt. In Depressionen, Panikattacken, Wutausbrüchen oder lähmender Passivität zeigt sich inneres Leid. Rina Rasia hilft mit Körperübungen, therapeutischem Malen oder Gesprächen sich den seelischen Abgründen zu stellen "Wir suchen die Wurzeln der Angst." Erst nach der Konfrontation mit dieser könne neues Leben beginnen. "Wir helfen den Menschen, dass sie wieder Vertrauen finden in ihr eigenes Leben und lernen, auf eigenen Füßen zu stehen."

So wie die Mädchen von Vanunya. Ihre Ausbildung wird ihnen eines Tages ein Leben in Freiheit ermöglichen. Aber erst, wenn sie gelernt haben, mit Singhalesen zusammenzuleben. So lange die Regierung in der Hauptstadt Colombo nur in Militär und Straßen investiert, nicht aber in die Herzen der besiegten Tamilen, steht der Friede auf einem brüchigen Fundament.

Sri Lanka: Tiefes Misstrauen zwischen Tamilen und Singhalesen
Im Mädchen-Zentrum in Vanunya werden die Kinder auf ein Leben im Frieden vorbereitet (oben). Ordensschwestern kümmern sich um sie. Auch Schwester Rina Rasia (unten) arbeitet mit Traumatisierten. Mit Malen und Gesprächen will sie Tamilen im Norden Sri Lankas in ein Leben ohne Angst führen. Noch sind die Spuren des Bürgerkrieges im Norden der Insel allgegenwärtig. Fotos: Elisabeth Zoll(4)/afp (1)

Sri Lanka: Tiefes Misstrauen zwischen Tamilen und Singhalesen

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23.05.2012, 12:00 Uhr
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