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Spritsparender Stinker
Smart fällt im Test mit hohen Stickoxid-Emissionen durch - Daimler: Prüfung unseriös

Spritsparender Stinker

Ein halbes Jahr nach dem DieselSkandal schweigt Bundesverkehrsminister Dobrindt. 56 Pkw hat er testen lassen, Ergebnisse kennen nur die Hersteller. Die Deutsche Umwelthilfe liefert: Ein Smart fällt glatt durch.

22.03.2016
  • MARTIN HOFMANN

Pierre Comte kontrolliert noch einmal alle Meßgeräte und Computerprogramme. Dann nimmt er auf dem Fahrersitz Platz. Die Augen fixieren den Bildschirm vor der Windschutzscheibe. Dort startet der NEFZ. Das Kürzel steht für Neuer Europäischer Fahrzyklus. 20 Minuten volle Konzentration. Zwei dünne Linien kurz oberhalb und unterhalb eines roten Strichs markieren einen schmalen Korridor. Er darf nicht verlassen werden. Ziffern tauchen auf. Sie zeigen an, in welchem Gang zu fahren ist.

25,1 Grad Celsius zeigt das Thermometer in der Fahrzeughalle. Sie steht im Gewerbegebiet der Schweizer Kleinstadt Nidau, zwei Steinwürfe vom Ufer des Bielersees entfernt. Der Diplomingenieur ist stellvertretender Leiter der Abgasprüfstelle der Berner Fachhochschule für Technik und Informatik. Wie ein Uhrwerk spult er die elf Kilometer des NEFZ herunter - vier Stadtzyklen, eine Überlandfahrt, Durchschnittsgeschwindigkeit 34 km/h. Auf dem Zwei-Rollenprüfstand steht ein schwarz-weißer Smart fortwo Coupé CDi, Baujahr 2013, Tachostand 27 071 Kilometer. Comte beherrscht das Spiel mit Pedalen und Halbautomatik. Das Prüfzentrum fungiert nicht nur als Testlabor der Hochschule, es ist die Pkw-Typzulassungsstelle der Schweiz.

Sieben Fahrzyklen absolviert Comte im Auftrag der Deutschen Umwelthilfe (DUH) mit dem Smart. Der Zweisitzer hält bei Spritverbrauch (3,4 Liter) und Kohlendioxidausstoß (90 Gramm CO2/Kilometer) weitgehend ein, was die Daimler AG als Hersteller verspricht. Bei den gesundheitschädlichen Stickstoffoxiden (NOx) erfüllt er allenfalls bei einem Kaltstart die Euro-5-Norm. Die Schweizer haben den als "trendigen Stadtflitzer" beworbenen Kleinwagen zuvor "konditioniert", also auf den Test mittels zwei NEFZ-Überlandfahrten vorbereitet. Bei betriebswarmem Motor reißt er den Grenzwert von 180 Milligramm pro Kilometer deutlich. Die Emissionen erreichen knapp 300 Milligramm NOx. Die Daimler AG warb damals: "Ab dem Modelljahr 2010 erfüllen alle Varianten des Smart fortwo die strengen Abgasgrenzwerte der EU-5-Norm." Bloße Sprüche?

Die Umwelthilfe hat den Smart in der Schweiz auch realitätsnäheren Fahrzyklen unterzogen. Den CADC (Common Artemis Driving Cycle) hat die EU in einem Projekt entwickelt. Er enthält eine simulierte Autobahnstrecke und realistischere Beschleunigungen bei der Stadtfahrt. Ergebnis: Die Stickoxid-Emissionen schnellen auf knapp 600 Milligramm/Kilometer in die Höhe. Mit 450 Milligramm nicht ganz so stark schwillt der Wert im WLTC (Worldwide hamonized light vehicles test cycle) an. Er sollte den NEFZ auch in der EU ersetzen, wurde aber nach Einspruch der Bundesregierung zugunsten der Autobauer etwas abgeändert. Der Test dauert 30 Minuten, die Strecke beträgt 23 Kilometer, die Durchschnittgeschwindigkeit liegt bei knapp 50 km/h.

Die Schweizer Prüfer merken zu den Ergebnissen an: "Das Fahrzeug meldete während oder nach den Tests keinen OBD-Fehler über die Warnlampe MIL an." Der Bordcomputer des Smart diagnostizierte auch bei erheblichen Überschreiten der Abgas-Grenzwerte keinen Fehler und meldete dies auch nicht über die zuständige Kontrollleuchte - einen stilisierten Motor.

"Vereint" der Smart also "Mobilität, Ökologie und Lebensfreude auf einzigartige Weise", wie Daimler 2010 verkündete? Stellt das Ignorieren des Schadstoffausstoßes durch den Bordcomputer eine Manipulation dar? DUH-Geschäftsführer Jürgen Resch sagt: Für die Untersuchung mussten wir beim Kraftfahrtbundesamt um die relevanten Eckdaten kämpfen, haben sie aber erhalten. Die Schweizer Experten haben sie in ihr System eingepflegt."

Der Stuttgarter Konzern bezeichnet die DUH-Ergebnisse als "gewohnt unseriös". Der "Verein" verwende Messprogramme, die "nicht vollumfänglich den gesetzlichen Vorgaben entsprechen" und stelle "Behauptungen auf, die nicht bewiesen werden können".

Bei letzterem Vorwurf geht es um Hinweise aus dem Hause von Alexander Dobrindt (CSU), das Bundesverkehrsministerium oder das ihm unterstellte Kraftfahrtbundesamt habe ein förmliches Anhörungsverfahren gegen die Daimler AG eingeleitet. Grund: Auffällige Messergebnisse bei mehreren Fahrzeugen des Autoherstellers. So hatte die niederländische Prüforganisation TNO bei Straßentests eines Mercedes C-Klasse 220 CDi BlueRec das bis zu 28-fache des zulässigen NOx-Grenzwerts für Euro-6-Pkw gemessen. In seinem Intranet erläuterte Daimler, "Es finden Anpassungen an die jeweiligen Betriebsbedingungen statt, die den Wirkungsgrad (des Abgasreinigungssystems) beeinflussen." Die Untersuchung fand bei sieben bis zehn Grad Celsius statt. Resch: "Da räumt Daimler doch selbst ein, die Motorsteuerung zu manipulieren."

Zur förmlichen Anhörung erkklärt Daimer nun: "Ein offizielles Verfahren zur Vorbereitung einer behördlichen Entscheidung gegen Daimler findet nicht statt." Dobrindts Ministerium teilt zu konkreten Fragen der SÜDWEST PRESSE mit: "Minister Dobrindt hat umfangreiche und strenge Nachprüfungen angeordnet - von betroffenen Dieselmodellen sowie von Fahrzeugen anderer Hersteller aus dem In- und Ausland. Die Tests finden sowohl im Labor ,auf der Rolle als auch unter realen Bedingungen auf der Straße statt. Ein Gesamtergebnis wird nach Abschluss der Untersuchungen veröffentlicht." Daimler betont, alle Fragen im Zusammenhang mit offiziellen Tests des Kraftfahrtbundesdamtes "zufriedenstellend" beantwortet zu haben.

Jürgen Resch wirft Dobrindt vor, er verweigere dem Bundestag und der Öffentlichkeit die Auskunft über die seit November vorliegenden Straßenmessungen der 56 untersuchten Diesel-Pkw. Eine Liste der Autos und die Ergebnisse ihrer Tests nach dem völlig unrealistischen NEFZ ist aus Versehen an Greenpeace gegangen. Dort emittierte ein Diesel-Smart fortwo 195 Milligramm/Kilometer NOx - bei kaltem Motor. Er erzielte den höchsten Wert aller 19 Euro-5-Fahrzeuge.

Grenzwerte sind einzuhalten

Rechtsstreit Dass Autos fast aller Hersteller im Straßenbetrieb die EU-Abgasnormen nicht erfüllen, ist ein halbes Jahr nach dem VW-Skandal klar. Der Rechtsstreit, wann ein Verstoß gegen die EU-Verordnung vorliegt, ist noch nicht ausgestanden. Zunehmend beziehen sich Autobauer auf die Ausnahme in Artikel 5. Dort steht als Grund für eine sonst verbotene Abschaltvorrichtung des Abgassystems, sie sei erlaubt, „um den Motor vor Beschädigung zu schützen und den sicheren Betrieb zu gewährleisten“.

Prüfung Die Verordnung verpflichtet die Hersteller in § 4 aber zusätzlich dazu, „dass die Auspuff- und Verdunstungsemissionen während der gesamten normalen Lebensdauer eines Fahrzeugs bei normalen Nutzungsbedingungen wirkungsvoll begrenzt werden“. Vorgabe sind die Grenzwerte oder Euro-Normen. Den Autobauern wird auferlegt, „die Dauerhaltbarkeit emissionsmindernder Einrichtungen über eine Laufleistung von 160 000 Kilometer zu prüfen“. fm

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22.03.2016, 08:30 Uhr
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