Auf sicherem Fundament

Sprachalltag und Mundartarchiv: Der Dialekt wird wieder erforscht

Bei seiner 18. Arbeitstagung der alemannischen Dialektologie präsentierte das Ludwig-Uhland-Institut den Mundartforschern am Mittwochabend eine Besonderheit: das neu aufgestellte Arno-Ruoff-Archiv.

09.10.2014

Von Fred Keicher

Tübingen. Es kommt wieder Leben in die Außenstelle des Ludwig-Uhland-Instituts in der Biesingerstraße. Mit der Berufung von Professor Hubert Klausmann wird die Dialektforschung mit dem Projekt „Sprachalltag in Nord-Baden-Württemberg“ fortgesetzt.

Beim Empfang, bei dem sich 50 Menschen in dem engen ehemaligen Wohngebäude drängten, erinnerte Institutsdirektor Reinhard Johler an mancherlei Hürden, die es zu überwinden galt: Klausmann musste umhabilitiert werden, von Bayreuth nach Tübingen, von der Philosophischen Fakultät in die Sozialwissenschaftliche. Sogar einen neuen Innenanstrich hat das Gebäude spendiert bekommen.

Drei Zimmer beansprucht die Mundartforschung. Eines belegt das Ruoff-Archiv mit Magnet-Tonbändern, Abschriften und zur Datensicherung hergestellten CDs. Im mittleren Zimmer ist die Technik immerhin schon zum Kassettenrekorder fortgeschritten, in Klausmanns Arbeitszimmer mit Neckarblick ist alles Tonmaterial auf einer Computer-Festplatte gespeichert.

Arno Ruoff ist 2010 im Alter von „genau 80 Jahren“ gestorben erinnert sich seine Witwe Ines Ruoff, die jetzt auch seine Handbibliothek übergeben hat. Sie hätten ja sowas wie „eine Außenstelle Wolfenhausen“ betrieben, sagte sie, die „mit Leib und Seele“ die Arbeit ihres Mannes unterstützte.

Angefangen habe alles, erzählt Ines Ruoff, als Deutsches Spracharchiv auf Anregung des Psychiaters Eberhard Zwirner aus Münster. Archiviert werden sollten alle Gebiete Deutschlands – inklusive der Gebiete im Osten, deren Menschen jetzt als Vertriebene im Westen wohnten. Mit dem Tod dieser Menschen wäre ja auch ihre Sprache verschwunden, davon war man damals überzeugt.

Die ganze Bundesrepublik sei mit einem Gitter von zehn auf zehn Kilometer überzogen worden. Drei Einheimische und drei Vertriebene seien zu befragen gewesen. Technisch habe man einen großen Aufwand betrieben, ein Aufnahmewagen und ein Toningenieur standen zur Verfügung. Hermann Bausinger war anfangs auch dabei. Zu Hause in Wolfenhausen hätten studentische Hilfskräfte die Tonbänder dann in die Lautschrift Teuthonista „verschriftlicht“.

„Es war immer aufregend“, sagte Ines Ruoff – auch deswegen, weil Jahr für Jahr Anträge an die Forschungsgemeinschaft zu stellen waren, die die Fortsetzung der Arbeit möglich machte und die Existenz der Familie sicherte. „Ich bin sehr bewegt und sehr glücklich, dass das Archiv ein Zuhause gefunden hat. Die Tonbänder enthalten unglaublich viel Stoff.“ Hubert Klausmann verdeutlichte die Dimensionen: „Auf den Tonbändern sprechen Leute, die um 1880 geboren sind. Wenn die vom Krieg reden, meinen sie in der Regel den Ersten Weltkrieg.“ Er ist hocherfreut, dass die Forschung jetzt auf sicheren Fundamenten steht. „Sonst arbeitet man noch an den Langvokalen und muss die Arbeit einstellen.“

Als Ruoff in den Ruhestand ging, gab es niemanden mehr, der an der Universität Mundart erforschte. Der Förderverein Schwäbischer Dialekt sprang in die Bresche, erinnerte der Vorsitzende Hubert Wicker. Auch die Digitalisierung der Ruoffschen Tonbänder hat der Verein finanziert.

Bei Heilbronner Riesling, Remstäler Lemberger und Mössinger Bier ergab sich ein lebhafter Austausch von Geschichten. Anthony Rowley kam vor 40 Jahren als Student nach Deutschland, heute arbeitet er in München am Bayrischen Wörterbuch. Die Frauenfeindlichkeit des Dialekts wundert ihn gar nicht: „Es gibt eine Konstante: Alle Dialekte haben 15 Mal mehr Schimpfwörter für Frauen als für Männer.“

Weil Dialekte der Abgrenzung dienen, helfen sie auch bei der Identifizierung. So beschäftigt das BKA zwei Dialektforscher. Klausmann wurde dieser Tage um Hilfe gebeten bei der Ehrenrettung Ravensburgs. Auf Youtube kursiert ein Katzenquälervideo. Ob er anhand des Unterschieds von (hier vereinfacht wiedergegeben) „dahoim“ und „daheim“ bestätigen könne, dass die Täter keine Ravensburger seien? Klausmann konnte nicht, weil sich die konkret gefragte Lautung über einen großen Raum erstreckt. Mit zwei, drei mehr Merkmalen sei eine Ortung aber möglich.

Prof. Hubert Klausmann im neu aufgebauten Arno-Ruoff-Archiv inmitten Hunderter von Tondokumenten. Bild: Sommer

Zum Artikel

Erstellt:
9. Oktober 2014, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
9. Oktober 2014, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 9. Oktober 2014, 12:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Inhalt nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen
Facebook Sport      Faceboook      Instagram      Twitter      Tagblatt-App