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Spiel mit vielen Feuern
Von vielen Süchten zugrunde gerichtet: Ingeborg Bachmann. Foto: epd-bild / Keystonedpa
Literatur

Spiel mit vielen Feuern

Zerbrochene Diva, Erotomanin und intellektuelle Netzwerkerin: Eine neue Ingeborg-Bachmann-Biografie zeichnet ein differenziertes Porträt.

27.11.2017
  • GEORG LEISTEN

Es ist fast unausweichlich, ihre Biografie vom Ende her zu erzählen. Mit dem Tod zu beginnen, in dem sich ihr Leben verdichtet. Am 26. September 1973 wird Ingeborg Bachmann in ein römisches Krankenhaus eingeliefert. Vermutlich war sie mit brennender Zigarette eingeschlafen. Jahrelange Tabletten- und Alkoholabhängigkeit erschwert die Behandlung der Brandverletzungen, einige Wochen später stirbt die österreichische Dichterin, erst 47 Jahre alt.

Als jemand, der mit vielen Feuern spielte, erscheint die Namenspatin von Österreichs wichtigstem Literatur-Preis, denn auch in einer neuen Biografie von Ina Hartwig. „Wer war Ingeborg Bachmann?“ fragt die frühere Kulturredakteurin der „Frankfurter Rundschau“ und heutige Kulturdezernentin der Stadt Frankfurt. Hartwig nähert sich der Klassikerin des weiblichen Schreibens zwar voller Bewunderung für das mehrdeutige Werk, aber auch mit klarem kriminalistischen Spürsinn für Ungereimtheiten in der offiziellen Darstellung. Gestützt auf Nachlassdokumente und Aussagen von Zeitgenossen, gelingt dem Band ein differenziertes Porträt, das Bachmanns intellektuelle Netzwerke offenlegt.

Ausführlich finden die Lebens- und Lieblingsmenschen der Dichterin bei Hartwig Gehör. Darunter solche, mit denen man nicht gerechnet hätte wie der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger. Während eines Studienaufenthalts in Harvard lernte Bachmann ihn kennen. Und muss ihm den Kopf verdreht haben. Mit den Worten, er brauche „eine bizarre Dichterin“, bat der Politiker später um ein Treffen mit ihr.

„Sie ging wie eine Fee herum“

Man könnte Ingeborg Bachmann als eine Art Marilyn Monroe der ernsten Literatur bezeichnen, von vielen Süchten zugrunde gerichtet, nicht nur von Tabletten und Alkohol. Sie ging „wie eine Fee herum“ (so Klaus Wagenbach) und trank „wie eine Bäuerin“ (Peter Härtling). Der verstorbene Marcel Reich-Ranicki wird mit den Worten zitiert, „die Bachmann“ habe immer alle Aufmerksamkeit auf sich lenken wollen.

Begonnen hat sie damit als Mitarbeiterin eines amerikanischen Besatzungssenders, wo sie als Hörspielautorin hervortrat. Ein einziger, schmaler Gedichtband reichte dann aus, um die junge Schriftstellerin 1953 aufs Cover des Spiegels zu katapultieren: als neue, empfindsame Stimme der deutschen Nachkriegsliteratur. Doch dem raschen Aufstieg folgte ein langsamer Niedergang. Ihre späteren Prosaarbeiten fanden wesentlich weniger Beifall.

Das Rampenlicht der Medien war der eine Fixpunkt im Leben dieser zerbrochenen Ikone, Männer der andere. Eine frühe Affäre mit Paul Celan und die Amour fou mit Max Frisch hinterließen hässliche Brandlöcher in ihrer Seele, der späte Roman „Malina“ erzählt davon. Doch Hartwig taucht noch tiefer in Bachmanns erotomanische Seele ein. Nicht nur in Texten malte sich die Autorin private Pornos von exotischen Orgien aus. Zeitzeugen berichten, wie sie sich auf Männersuche unter römische Prostituierte mischte – bis sie von einem Zuhälter, der um seinen Umsatz fürchtete, verprügelt wurde.

Nicht zuletzt die Drogensucht brachte die abgestürzte Literaturdiva mit der Unterwelt in Kontakt. Nach ihrem Tod stellten Freunde Anzeige bei der italienischen Polizei, weil sie weder an Selbstmord noch an Unfall glauben wollten. Womit sie diversen Verschwörungstheorien den Boden bereiteten. „Es war Mord.“ – der berühmte letzte Satz aus „Malina“ schien von der Realität eingeholt. Hartwig indes vermutet etwas anderes. Dass die Freunde, darunter eine Arztgattin, mit ihrer Tötungshypothese davon ablenken wollten, dass sie selbst es waren, die Bachmann jahrelang Barbiturate besorgt hatten. Also kein Mord, nur das tragische Ende eines selbstzerstörerischen Lebens.

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27.11.2017, 06:00 Uhr
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