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Maike Gerstenkorn lehrt die Kunst des Comics

Spezialistin fürs Dunkle, Unheimliche, Alptraumhafte, aber: Unverwundbarkeit ist unerwünscht

Als wir uns treffen, ist gerade ein Bericht über das größte europäische Comicfestival in Frankreich in der Süddeutschen Zeitung. Das wundert sie gar nicht, sagt Maike Gerstenkorn, Frankreich sei hier führend – und schon ist man in einem Gespräch über Comics französisch-belgischer Provenienz, dann über den japanischen Manga.

07.02.2016

Von Peter Ertle

Tübingen.   Wir sitzen im Landratsamt, ab und zu ertönt ein Signal, erscheint eine Nummer, dann steht jemand auf und geht zum Schalter 9, weil er dort sein neues Nummernschild bekommt. Die Bilder an der Wand beachtet vorläufig niemand, sie stammen aus dem Comic-Zeichenkurs des Zeicheninstituts. Maike Gerstenkorn ist Kursleiterin, die jüngste Kursleiterin jemals an diesem Institut, 25 Jahre jung, selbst noch Studentin im Masterstudiengang Literatur- und und Kulturtheorie. Jetzt steht sie vor den Werken ihrer Schüler, staunt noch einmal: „Er kann meisterhaft schattieren!“ Oder: „Sie hat einen ganz lieblichen Strich.“ Oder: „Können Sie sich vorstellen, dass das der erste Comic ist, den er gezeichnet hat?“

Sie sollen erst mal an den Bildaufbau denken, das sagt sie ihnen oft. Denn man kann sich leicht verrennen. Wer mit Text oder Sprechblasen arbeitet, muss zum Beispiel den dafür nötigen Raum von vornherein einplanen. Auch beginnen manche, mit größter Akribie ein Gesicht zu zeichnen und wenn sie dann zu den Schultern kommen, geraten sie ins Stocken, weil sie Schultern nicht so gut können. Wer vorausplant kann sich vielleicht an der Schulter vorbeimogeln oder weiß zumindest, dass er sich ihr irgendwann stellen muss und das Gesicht nicht alles ist. „Wissen Sie, was Comic-Zeichner am wenigsten können: Autos und Hände“, sagt sie und lacht.

Einige Kursteilnehmer wollen sich unbedingt einen Stil aneignen, von dem sie fasziniert sind, zum Beispiel die Zeichensprache von Asterix und Obelix. Aber da rät sie ab. Gilt also: „Der Stil erwählt dich – oder du wirst eben nicht erwählt?“ „Ja, der Stil wählt einen“, wiederholt sie die erste Hälfte der Frage, mit der zweiten Hälfte ist sie nicht einverstanden: „Jeder hat einen eigenen Stil.“ Und der wird durch Unterricht und zunehmende Praxis besser. Alle machen Fortschritte, „ich entwickle mich auch weiter“, sagt die Kursleiterin.

Auch einige ihrer eigenen Arbeiten sind im Landratsamt ausgestellt. Gerstenkorn liebt den Schauereffekt, ist Spezialistin für die dunkle, unheimliche, alptraumhafte Seite, gerne auch surreal. Allerdings sind es keine ausweglos düsteren Welten. Dafür sorgen Einschüsse von Humor, Lichtblicke des Positiven oder polyvalente Deutungsmöglichkeiten.

Zum Beispiel: Ein Wandersmann, der auf ein drolliges Hündchen trifft – so suggeriert es das erste Bild – aber rasch mutiert es zu einem Wolf-ähnlichen Tier, das sich dem Mann um den Hals wirft, aus Anhänglichkeit, als Attacke, man weiß es nicht, es hängt dort jedenfalls wie ein zu schwerer Rucksack oder tödlicher Virus, der einen Wirt gefunden hat. Am Ende ist es eine kleine niedliche Katze, die das Ungeheuer verscheucht. Eine einfache Geschichte, ein Minimärchen, so elementar, so symbolisch, gleichzeitig so rätselhaft, dass man sie nicht mehr vergisst.

Unverwundbarkeit unerwünscht

Was Maike Gerstenkorn an Comics nicht mag: Wenn die Helden nur als unverwundbare Krieger dargestellt werden und die Frauen sich darin erschöpfen, als Trägerinnen primärer und sekundärer Geschlechtsmerkmale durch die Gegend zu laufen, der Comic also zur reinen Vorlage eigener Macht- und Lustbefriedigung dient statt Geschichten zu erzählen.

Sie gehe davon aus, dass durch die Entwickung im Digitalen in naher Zukunft Berufsmöglichkeiten für Zeichner entstünden, von denen wir heute noch nichts wüssten, sagt sie einmal. Es ist klingt sehr unaufgeregt und selbstverständlich und ist einer dieser Sätze, bei denen man staunt, weil einem plötzlich wieder einfällt, dass sie gerade mal Mitte Mal zwanzig ist. Bisher sei in ihrem beruflichen Leben eher mal das, womit sie gerechnet habe, nicht passiert, dafür habe sich immer wieder eine Tür aufgetan, von der sie vorher gar nichts wusste. Das sei so mit dem Zeicheninstitut gewesen, aber auch mit dem ZAK, dem Zollern- Alb-Kurier, für den die zwischen ihrem Wohnort in Rosenfeld und ihrem Studienort Tübingen pendelnde Illustratorin seit Jahren als Karikaturistin arbeitet, nie hätte sie gedacht, dass ihr das so Spaß machen könnte.

Ein erster Platz für Porträtzeichnung

Auch für die Homepage des Uniradios sind viele Karikaturen über die Wirrnisse des Studienalltags entstanden. Darüberhinaus gibt sie den mittlerweile schon vierten Band der Horror-Comic-Anthologie „Schattenspiele“ heraus, war sie als Buch-Illustratorin tätig, waren ihre Arbeiten in diversen Comic-Ausstellungen zu sehen. Auch für das Social Innovation Camp des Weltethos-Institut hat sie gezeichnet, für das Tübinger LebensPhasenHaus die Homepage illustriert, für den Film hat sie storyboards erarbeitet. Vor zwei Jahren wurde sie beim Studium Professionale, der Auszeichnung der besten Studierendenleistungen des Semesters, in der Kategorie Porträtzeichnung mit dem 1. Platz geehrt.

Momentan bastelt sie mit Maria Trofimova am Comic-Projekt
„Veitstanz“. Worum es da geht? Also: In Choreomania, einem fiktiven Fürstentum Deutschland im 16. Jahrhundert haben Krieg, Krankheit, Vampire, Dämonenen, Werwölfe und Feen das Land in einen Abgrund getrieben. Aber der rechtmäßige Fürst zieht aus, das Land wieder aufzubauen. Nach allem, was wir mittlerweile wissen, versteht es sich, dass er nicht der Typus unbesiegbarer Titan ist, sondern ein klassischer Antiheld. Weshalb er auch keinen kompromisslos einsilbigen Namen wie etwa Thor oder was in der Richtung trägt, sondern einen umständlich witzigen: Maria Sekundus Adalhardt von und zu Veitstanz.

Ins Landratsamt ist Maike Gerstenkorn mit einem ausnehmend schönen Mantel und einem Miniroller gekommen, den sie auf dem regenbedingt unterm Schirm angetretenen Rückweg zusammengeklappt unterm Arm trägt. Und man ist sich auf einmal sehr sicher, dass bei ihr weiterhin Dinge passieren werden, mit denen sie kein bisschen rechnet – die aber passgenau für sie vorgezeichnet sind.

Info: Die Arbeiten aus dem Comic-Zeichenkurs des Zeicheninstituts sind noch bis zum 19. Februar im Landratsamt zu sehen.

Selbstporträt der Künstlerin als Horrormädchen mit gut beleuchtetem Flausenspuk im Kopf.

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Erstellt:
7. Februar 2016, 09:00 Uhr
Aktualisiert:
7. Februar 2016, 09:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 7. Februar 2016, 09:00 Uhr

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