Nachruf: Christo

Spektakuläre Volksfeste

Verhüllter Reichstag, schwimmende Stege: Christo gehörte zu den populärsten Künstlern unserer Zeit. Im Alter von 84 Jahren stirbt der Bulgare in New York.

02.06.2020

Von Jürgen Kanold

Christo und Jean-Claude stehen 2009 in einer Ausstellung Ausstellung im Würth Museum in Rioja vor einem Modell des verhüllten Reichstags. Foto: Raquel Manzanares/dpa

Dass ein Politiker öffentlich zugibt, sich geirrt zu haben, kommt eher selten vor. Wolfgang Schäuble tat es, als er – ausgerechnet er – als Laudator im vergangenen Jahr für die Konrad-Adenauer-Stiftung den Künstler Christo ehrte. Schäuble war der Wortführer jener Abgeordneten gewesen, die im Februar 1994 in einer denkwürdigen Debatte gegen das Projekt „Verhüllter Reichstag“ zu Felde zogen (und mit 223 zu 292 Stimmen unterlagen). „Der Ort, an dem der Versuch, in Deutschland eine Demokratie zu errichten, buchstäblich in Flammen aufgegangen war, schien mir keine geeignete Spielwiese für ein Kunstprojekt“, blickt Schäuble zurück, der heutige Bundestagspräsident. Ein Frevel? Er sei dann eines Besseren belehrt worden: „Es war auch ein unglaubliches ästhetisches Vergnügen.“

Und es war ein Volksfest gewesen im Sommer 1995. Zwei Wochen wurde Berlin von Touristen überschwemmt. „Zum ersten Mal seit dem Fall der Mauer sechs Jahre zuvor fokussierte sich die Stadt nicht auf ein Symbol des Alten, sondern auf ein Symbol des Neuen“, schreibt Matthias Koddenberg im Katalog zur Ausstellung „Christo und Jeanne-Claude“, die derzeit im Berliner Palais Populaire der Deutschen Bank mit Arbeiten aus der Sammlung Ingrid & Tomas Jochheim auch an dieses Ereignis erinnert.

Fünf Millionen Menschen kamen damals nach Berlin, das wieder seinen Platz als lebendige Weltstadt einnahm. Junge Euphorie: Der „verhüllte Reichstag“ (noch ohne die Kuppel Norman Fosters) wurde zum „Wahrzeichen für die Veränderung“, für die Öffnung der Stadt. Ein erstes Sommermärchen.

2016 tummelten sich in zwei Wochen 1,3 Millionen Menschen auf den „Floating Piers“ auf dem Iseosee. Foto: Marco Bertorello/afp

120 Montagearbeiter, 100 000 Quadratmeter Polypropylengewebe mit einer aluminisierten Oberfläche und 15,6 Kilometer blaues Seil. 70 speziell zugeschnittene Gewebebahnen bedeckten die Fassaden, die Türme, das Dach. Ein gigantischer Aufwand. Ein wunderbar verpacktes Geschenk. Raus aus den elitären Museen: Kunst für die Massen – aber nicht für die Ewigkeit, denn alles wurde bei Christo wieder abgebaut, das Material receycelt. Seine Kunst lebte vom Reiz des Unwiederholbaren. Ein Spiel mit der Vergänglichkeit.

Und, typisch, mit unfassbarer Hartnäckigkeit hatten Christo und Jeanne-Claude, die seit den 90er als Duo auftraten, für den „Wrapped Reichstag“ geschuftet – vor allem Politiker bearbeitet, schon seit Anfang der 70er Jahre. Für den Bulgaren, der vor dem kommunistischen Regime geflohen war, in Paris als Staatenloser jahrelang Angst vor Inhaftierung und Abschiebung hatte, war Berlin „ein Mikrokosmos der politischen und sozialen Zustände“ gewesen, beispielhaft für die Trennung von Ost und West. Als politischer Künstler ist der jetzt im Alter von 84 Jahren in New York verstorbene Christo freilich eher selten bezeichnet worden – eher, wie damals beim Reichstagsprojekt, als „Kunstscharlatan“ oder „Künstler-Clown“, der „Schindluderspiele mit der deutschen Geschichte“ treibe.

Freundschaft mit Würth

Was man ihm aber nie vorwerfen konnte: Geldmacherei. Im Gegenteil: Staatliche Subventionen lehnte er ab, auch Sponsoren aus der Wirtschaft. Was er freilich verkaufte: Skizzen, Zeichnungen, Objekte, die Studien zu seinen Projekten, signierte Dokumentationen. Der Unternehmer Reinhold Würth gehörte zu den größten Sammlern (und damit Finanziers). Und vor dem Reichstag hatten Christo und Jeanne-Claude im Januar 1995 noch in Künzelsau die Räume des Museums Würth und Teile der Firmenzentrale verhüllt. Eine Skulptur, die mehr als 80.000 Besucher anlockte: „Wrapped floors and stairways and covered windows“.

Christo und Jeanne-Claude 2009 in einer Ausstellung im Würth Museum in Rioja vor einem Modell des verhüllten Reichstags. Am 23. Juni 1995 hatten Gewerbekletterer die Planen am historischen Gebäude entrollt. Foto: dpa

„Wir machen die Dinge für uns selbst“, sagten Christo und seine schon 2009 gestorbene Frau Jeanne-Claude. „Wenn es jemand mag, ist es nur ein Bonus.“ Da kam einiges an Aktionskunst und Mehrwert fürs Volk zusammen: etwa die verhüllte Pont Neuf in Paris (1984), die blauen und gelben Schirme in Japan und den USA („Umbrellas“, 1991), die gelben Stoffbahnen im New Yorker Central Park („The Gates“) oder zuletzt, 2016, „The Floating Piers“ auf dem norditalienischen Iseosee. Mehr als 1,3 Millionen Menschen wanderten in zwei Wochen über die mit orangefarbenem Stoff überzogenen Stege. Dann war alles schöne Erinnerung. Kunst? Ja, aber spektakulär.

Die Verhüllung des Arc de Triomphe ist für Herbst 2021 geplant

Mehr als 7500 Fässer: Die Skulptur „The London Mastaba“ (2018). Foto: Niklas Halle'n/afp

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und die Bundesregierung haben den gestorbenen Christo gewürdigt. Steinmeier nannte Christo einen „großartigen Künstler“. Mit dem verhüllten Reichstag in Berlin habe er den Deutschen vor 25 Jahren ein Kunstwerk geschenkt, das immer unvergessen bleiben werde, erklärte der Bundespräsident am Montag in Berlin. „Als Symbol für ein weltoffenes Deutschland hat es sich in unsere Herzen eingebrannt. Schöner und freier konnte Kunst nicht wirken.“

Am 13. Juni wäre der aus Bulgarien stammende Künstler Christo Vladimirov Javacheff 85 Jahre alt geworden. Sein letztes großes Projekt, die Verhüllung des Triumphbogens in Paris, soll trotz seines Todes zwischen dem 18. September und 3. Oktober 2021 umgesetzt werden, wie Christos Büro ankündigte. Der Sohn eines Chemiefabrikanten war Ende der 50er nach Paris gekommen. Dort entstanden seine ersten Projekte und Ideen, bald zusammen mit seiner Frau Jeanne-Claude Denat de Guillebon, die 2009 in New York starb. Mit der Französin bildete Christo eines der bekanntesten Künstlerpaare der Gegenwart. - dpa

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Erstellt:
2. Juni 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
2. Juni 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 2. Juni 2020, 06:00 Uhr

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