Folk-Rock

Spaziergang mit den alten Helden

Das neue Album der Fleet Foxes ist opulent und schön wie immer, doch es fehlen die herausragenden Songs.

28.09.2020

Von MARCUS GOLLING

Das Cover des Albums "Shore" von der Band Fleet Foxes. Foto: Anti-digital/dpa

Ulm. Robin Pecknold gehört in die Reihe der großen Zweifler des Pop. Schon vor Jahren landete angeblich eine ganze Albumaufnahme in der Schublade, weil der Kopf der Fleet Foxes unglücklich war. Er legte die Band sogar jahrelang auf Eis, um zu studieren. Wer „Shore“, das vergangene Woche pünktlich zum Herbstanfang überraschend digital veröffentliche Werk der Folk-Rock-Band aus Seattle, hört, bekommt den Eindruck: Pecknold hat ein neues Selbstbewusstsein gewonnen.

Ganz stimmt das wohl nicht, denn auch „Shore“ wäre beinahe nicht aufgetaucht. Nachdem die Musik seit Monaten im Kasten war, haderte der 34-Jährige noch mit den Texten, erst im Lockdown machte er seinen Frieden mit den Songs – und so friedlich klingen sie jetzt auch. Versteckte der Wahl-New-Yorker Pecknold seine opulenten Harmonien und sakralen Melodien zuvor noch in komplizierten Strukturen mit verschlüsselten Titeln, regiert nun Pop-Leichtigkeit. Pecknold liebt nicht nur Crosby, Stills & Nash, sondern auch Simon & Garfunkel und die Beach Boys.

Überhaupt, die Vorbilder: Auf „Sunblind“ verneigt sich der Sänger vor den verstorbenen Größen der vergangenen Monate, singt von der Last der Legenden, die sich für ihn in einen See verwandelt hat, auf dem er befreit schwimmt. Das klingt gar nicht mehr nach dem einsamen Haderer. Das zeigt auch die lange Liste der Mitwirkenden: Bekannte Kollegen wie Kevin Morby, Daniel Rossen (Grizzly Bear) oder Aaron Dessner (The National) arbeiteten an „Shore“ mit. Die Fleet Foxes sind inzwischen ein offenes Kollektiv um Pecknold, keine abgeschlossene Band mehr.

Die Klasse der drei früheren Alben erreicht „Shore“ nur stellenweise, vor allem auf der zweiten Hälfte, wenn musikalisch dunklere Wolken aufziehen. Die Songs setzen der Angst vor dem Tod Lebensmut entgegen, statt die Wiederholung zu fürchten, entdeckt Pecknold die Unbeschwertheit frühen Fleet-Foxes-Jahre wieder.

„Shore“ ist eher ein Schritt zurück als eine Weiterentwicklung, nur wenige Stücke stechen heraus. Man kann sich aber von der Feierlichkeit dieser Musik auch einfach aufsaugen lassen, sich in ihrer Schönheit baden. Die Fleet Foxes erzeugen eine Weite, die zur Flucht aus der Corona-Realität einlädt, zum Spaziergang in der Natur. Vielleicht genügt das derzeit. Marcus Golling

Info „Shore“ (Anti / Indigo) ist nur als Download und auf den gängigen Streaming-Plattformen erhältlich. CD- und Vinylversionen sollen 2021 erscheinen.

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Erstellt:
28. September 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
28. September 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 28. September 2020, 06:00 Uhr

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