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Vor zehn Jahren sind die Soldaten vom Truppenübungsplatz in Münsingen abgezogen

Spazieren statt marschieren

Im Jahr 2005 ist der Truppenübungsplatz in Münsingen geschlossen worden. Dort, wo früher scharf geschossen worden ist, wandern heute Besucher, fahren Rad und genießen die Flora und Fauna.

29.12.2015
  • JOACHIM LENK

Münsingen. Drei Männer haben vor zehn Jahren etwas gewagt, was es zuvor in Deutschland in dieser Form noch nicht gegeben hat: Die Landräte Thomas Reumann (Reutlingen) und Heinz Seiffert (Alb-Donau-Kreis) und der ehemalige Vorstand der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, Dirk Kühnau, öffneten einen ausgemusterten, stark munitionsverseuchten Truppenübungsplatz auf 13 ausgewiesenen Wegen für die Bevölkerung. Kühnau, Reumann und Seiffert setzten sich dafür ein, dass das Areal in Münsingen (Kreis Reutlingen) nicht scheibchenweise, sondern als Ganzes vermarktet wird.

Dass die Menschen diese Kulturlandschaft, das Herzstück des heutigen Biosphärengebietes, inzwischen allein und rund um die Uhr betreten dürfen, geht also vor allem auf das Engagement dieser drei Männer zurück. Dazu beigetragen haben aber auch die umliegenden Städte und Gemeinden, die dieses Konzept bis heute nachhaltig unterstützen.

Entlang der Grenze des elf Kilometer langen und sechs Kilometer breiten Schießplatzes wurden 300 "Betreten Verboten"-Schilder aufgestellt. Und zwar überall dort, wo der Aufenthalt lebensgefährlich ist. Es folgten Ruhebänke, Toiletten, Parkplätze und mehrsprachige Hinweistafeln. Außerdem brachten die Verantwortlichen den stillgelegten Kalkofen und ein ehemaliges Maschinenhaus wieder in Schuss. Der Schwäbische Albverein übernahm vier Beobachtungstürme der Bundeswehr und öffnete sie für Wanderer, die jetzt in bis zu 42 Metern Höhe die Sicht über das Areal und die Region genießen können.

Rückblick: Ende 2005 verließen nach 110 Jahren die letzten Soldaten die Garnisonsstadt Münsingen und den Truppenübungsplatz. Bereits vier Monate später durften an Ostern die ersten Menschen ohne Uniform das 6500 Hektar große Areal auf den ausgewiesenen Wegen offiziell betreten.

Die Öffnung des Platzes betrachtete man damals im baden-württembergischen Justizministerium gar mit Argwohn. Aus Sicherheitsgründen wollte die Behörde in Stuttgart einen meterhohen Zaun rund um das stark munitionsbelastete Gelände aufstellen lassen. Zudem sollten nur geführte Wanderungen mit einer zuvor unterschriebenen Haftungsverzichtserklärung genehmigt werden.

Die Vorsichtsmaßnahmen kamen nicht von ungefähr. Noch heute liegen auf dem ehemaligen Militärareal mehr als eine halbe Million scharfe Blindgänger im Boden. "Die Entscheidung war, aus heutiger Sicht gesehen, goldrichtig", sagt Dietmar Götze vom Bundesforstbetrieb Heuberg in Meßstetten (Zollernalbkreis), Hausherr der 6500 Hektar großen Fläche. Der Bundesforstbetrieb hat mehrere Hunderttausend Euro in die Sanierung der Wege und das Aufstellen der Schilder gesteckt. Auch aus dem Plenum-Topf flossen Gelder in fünfstelliger Höhe. Ein Dutzend Menschen, vom Förster bis zur Biologin, kümmern sich um den Platz.

Die ehemalige Panzerringstraße, die 38 Kilometer um den Platz führt, ist nach wie vor Eigentum der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben. Den für die Öffentlichkeit gesperrten Rundkurs mieten seit Jahren namhafte Auto- und Lkw-Bauer aus dem In- und Ausland für Test- und Präsentationszwecke.

Inzwischen spricht man bundesweit vom "Modell Münsingen", das überall dort kopiert wird, wo die Bundeswehr oder die alliierten Streitkräfte einen Schießplatz geschlossen haben. Immer wieder schauen die zuständigen Behörden auf der Schwäbischen Alb vorbei, um sich zeigen zu lassen, "wie man es richtig macht", sagt Münsingens Bürgermeister Mike Münzing.

Die angrenzende Soldatensiedlung "Altes Lager", in der die Soldaten während ihrer Aufenthalte auf dem Schießplatz schliefen, ist nach fast zehn Jahren Dornröschenschlaf inzwischen verkauft. Seit Anfang vergangenen Monats gehört das 70 Hektar große Areal mit den 136 Gebäuden dem ehemaligen Münsinger Nudelproduzent Franz Tress. Er plant, dort in den nächsten zehn Jahren eine "Wohlfühlwelt" mit dem Namen "Albgut" zu schaffen.

Das "Modell Münsingen" und dessen Erfolg ist auch den vielen Besuchern zu verdanken. Die meisten Wanderer verhalten sich "sehr diszipliniert", nur wenige verließen die vorgegebenen Wege, weiß Ordnungsdezernent Claudius Müller vom Landratsamt in Reutlingen. Und das ist gut so, denn nach wie vor werden pro Jahr bis zu 500 Blindgänger auf dem Gelände gefunden. Manche müssen direkt an Ort und Stelle gesprengt werden.

Es gibt keine verlässlichen Zahlen darüber, wie viele Besucher jährlich den Ex-Truppenübungsplatz besuchen. Tourismusexperten gehen davon aus, dass es inzwischen mehrere Hunderttausend sind. Allein an den geführten Touren mit den so genannten TrÜP-Guides und Mitgliedern des Vereins Traditionsgemeinschaft Truppenübungsplatz nehmen pro Jahr bis zu 13 000 Menschen teil, sagt Müller. Nach wie vor ist das verlassene Dorf Gruorn, das 1939 wegen der Vergrößerung des Schießplatzes aufgegeben worden ist, eine der Hauptattraktionen auf dem Gelände.

Ab und zu sind auf der Münsinger Alb noch immer Schüsse zu hören. Die stammen aber nicht von Soldaten, sondern von Förstern des Bundesforstes, die dort jagen. Geschossen wird auch am westlichen Rand des Platzes. Mitarbeiter der baden-württembergischen Zolldienststellen sind nach wie vor Gäste der Standort-Schießanlage, die über einen 300 Meter langen Gewehrschießstand und zwei 25-Meter-Schießstände für Pistolen verfügt.

Erst sanieren, dann flanieren

Projekt Gastronomie, Ferienwohnungen, Streichelzoo und Manufakturen mit gläserner Produktion – das alles soll es in Franz Tress‘ Wohlfühlwelt „Albgut“ am „Alten Lager“ geben.

Probleme Zuvor muss die Infrastruktur instand gesetzt werden. Die Wasser- und Abwasserkanäle sind marode, die Sanierungskosten liegen bei 8,2 Millionen Euro – zu viel für die 14 500-Einwohner-Kommune. Unklar ist, wie das Geld aufgebracht wird. Diskutiert wurden Finanz- und Umweltministerium.

Präsenz Weitere Infos zum ehemaligen Truppenübungsplatz, geführte Touren und die militärhistorische Wanderkarte gibt es im Netz: www.Muensingen.de und www.Garnisonsstadt.de . Franz Tress‘ Albgut-Projekt wird auf www.albgut.de vorgestellt. eb

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29.12.2015, 08:30 Uhr
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