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Interview mit Adalbert Winkler zur Geldpolitik

„Sparer sind meist auch Steuerzahler“

Finanzprofessor Adalbert Winkler empfindet die Kritik am Niedrigzins-Kurs der Europäischen Zentralbank als ungerecht. Unter anderem profitiere auch der Staat von der Strategie.

07.09.2017
  • ROLF OBERTREIS

Frankfurt. Die Europäischen Zentralbank (EZB) gibt heute möglicherweise erste Signale für den Ausstieg aus den Anleihekäufen von derzeit 60 Mrd. EUR im Monat. Adalbert Winkler, Professor an der privaten Frankfurt School of Finance, gehört zu den wenigen Experten, die den Kurs der EZB unterstützen.

Zu viel Geld heißt in der klassischen Lehre, die Gefahr einer Inflation nimmt zu. Gilt diese Aussage noch?

Adalbert Winkler: Die Geldmenge ist wegen der Anleihekäufe nur wenig gestiegen. Denn die EZB erwirbt die Anleihen vor allem von Banken. Damit ändert sich die Geldmenge nicht. Das ist nur der Fall, wenn die EZB von Nicht-Banken kauft.

Was beabsichtigt die EZB?

Sie kauft die Anleihen vor allem, um die langfristigen Zinsen zu drücken, um damit letztlich Anreize für mehr Investitionen und mehr Konsum zu setzen.

EZB-Chef Mario Draghi beharrt auf der Inflationsvorgabe von knapp 2 Prozent. Hat er Recht?

Es war und ist richtig, dass die EZB 2003 ein Inflationsziel von knapp 2 Prozent formulierte. Denn man braucht einen Puffer: Läge das Inflationsziel bei Null und die Wirtschaft würde in eine Rezession geraten, gäbe es keinen zinspolitischen Spielraum. Die EZB müsste sofort mit unpopulären Sonder-Maßnahmen die Deflation bekämpfen, vermutlich in noch stärkerer Dosierung.

Die Debatte kreist auch darum, ob man nur die Kerninflation betrachtet, und Energie- und Nahrungsmittelpreise außen vor lässt?

Eine Notenbank kann die Inflationsrate kurzfristig nicht immer nahe bei der Zielgröße halten. Energie- und Nahrungsmittelpreise schwanken aufgrund von politischen Krisen und Wetterkapriolen. Daher ist der Blick auf die Kerninflation, die die Preisentwicklung dieser Güter vernachlässigt, durchaus sinnvoll. Mittelfristig sollte sich die EZB aber an der Gesamtinflationsrate orientieren. Es gibt ja niemanden, der nicht isst, und nur wenige, die nicht Auto fahren. Daher sollten Energie- und Agrarpreise geldpolitisch berücksichtigt werden.

Sie beklagen, dass zu viel über negative Wirkungen und zu wenig über positive Effekte gesprochen wird.

Es geht weniger um Nebenwirkungen. Es geht um das Mandat der EZB. Und das lautet: Preisstabilität. Seit mehr als vierzig Jahren herrscht Konsens darüber, dass der beste Beitrag, den eine Notenbank für Wachstum und Beschäftigung leisten kann, darin besteht, Preisstabilität zu sichern, auch wenn dies Nebenwirkungen hat. Anfang der 80er Jahre, bei sehr hohen Zinsen, bestanden diese in Rezession und Arbeitslosigkeit. Aber wir waren uns einig, dass die Notenbank diese ignorieren soll, wenn ihr primäres Ziel verfehlt wird. Bisher hat kein EZB-Kritiker erklären können, warum dies nicht mehr gelten soll.

Sind gute Konjunktur und weniger Arbeitslose die Folgen der lockeren Geldpolitik?

Natürlich. Das ist auch erwünscht. Und es bietet die Grundlage, über den Ausstieg aus den unkonventionellen Maßnahmen zu diskutieren, aber nicht wegen Nebenwirkungen oder gar Verteilungseffekten.

Sondern?

Aktuell profitiert der Finanzminister, weil er fast keine Zinsen für Staatsschulden zahlen muss. Das kommt dem Steuerzahler zugute, während der Sparer leidet. Aber der Sparer ist meist auch Steuerzahler. Mich erstaunt, wenn manche Experten von negativen Verteilungseffekten sprechen. Diejenigen, die viel sparen und gespart haben, sind meist diejenigen, die wohlhabender sind. Entsprechend gibt es, wenn überhaupt, sehr überschaubare Verteilungseffekte. Aber primär geht es um Preisstabilität. Nebenwirkungen gibt es, aber sie sind laut Mandat der EZB nicht in den Fokus zu rücken.

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07.09.2017, 06:00 Uhr
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