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Urteil

Späte Sühne für Srebrenica

Das Massaker von 1992 ist das schlimmste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Der angeklagte General Ratko Mladic bleibt vor Gericht uneinsichtig.

23.11.2017
  • NORBERT MAPPES-NIEDIEK

Den Haag. Nicht vom Befehl zum Massenmord, aber von einem Treffen unmittelbar davor gibt es eine Filmaufnahme. Am Nachmittag des 11. Juli 1995 empfängt General Ratko Mladic im Hotel Fortuna den Kommandanten der UN-Blauhelme von Srebrenica, den niederländischen Oberstleutnant Thom Karremans. Und brüllt zur Begrüßung gleich los: „Spinnen Sie nicht rum! Haben Sie befohlen, auf meine Armee schießen zu lassen?“ Der eingeschüchterte Niederländer fährt sich durchs Gesicht, antwortet kleinlaut: „Meine Soldaten sollten nur sich selbst verteidigen.“ „Haben Sie Kinder?“, fragt Mladic barsch. „Ja, zwei“, antwortet der UN-Kommandant. „Und wollen Sie sie wiedersehen?“ „Ja, natürlich.“ „Sehen Sie“, sagt Mladic und wechselt in die Pose mühsam gezügelter Erregung. „Die Kinder meiner getöteten Männer hätten den Vater auch gern wiedergesehen.“

Es ist ein reiner Bluff; die toten Serben gibt es gar nicht. Ratko Mladic versteht es, seine Auftritte effektvoll zu modulieren. Sein Talent, anderen ein schlechtes Gewissen einzuimpfen, sich selbst als den ewig ungerecht Behandelten darzustellen, durchzieht seine ganze Karriere – bis hin zu seinem Auftritt bei der Urteilsverkündung vor dem Strafgerichtshof in Den Haag, die zum Eklat gerät: Das Gericht verurteilt Mladic wegen Völkermordes zu lebenslanger Haft. Der Richter spricht von den „abscheulichsten Verbrechen“, die überhaupt verübt werden könnten. Kurz vor dem Urteilsspruch wird Mladic wegen seiner Zwischenrufe aus dem Gerichtssaal gebracht. „Sie lügen“, schreit der 74-Jährige an Orie gewandt während der Urteilsverlesung. Orie lässt den Angeklagten darauf aus dem Saal bringen.

Die Rolle des ehrlichen Raubeins besetzte Mladic einst am besten. „Haben Sie keine Angst“, ruft er im Kampfanzug den muslimischen Frauen zu, streichelt die Köpfe der Kinder und lässt sich dabei filmen. „Niemand wird Ihnen etwas tun.“ Die Busse stehen schon bereit. „Frauen und Kinder zuerst“, spricht der General. Zwei Tage später beginnt das Massaker von Srebrenica, bei dem wahrscheinlich etwa 7800 unbewaffnete muslimische Männer und Jungen im Alter zwischen 12 und 77 Jahren ermordet werden – die meisten erschossen, vor Gruben gestellt, in die ihre Leichen hineinfallen sollen.

Strategisches Motiv offen

Die UN-Schutztruppe für Bosnien hatte zuvor vergeblich versucht, die Belagerung der Stadt aufzuheben. Am 9. Juli 1995 erobern bosnisch-serbische Milizen mehrere UN-Posten, nachdem sie Dutzende niederländische Blauhelmsoldaten in ihre Gewalt gebracht hatten. Am 11. Juli greift die Nato-Luftwaffe ein, kann aber die Einnahme Srebrenicas nicht verhindern. Die niederländischen Blauhelmsoldaten ziehen sich in ihren benachbarten Stützpunkt in Potocari zurück. Sie werden später beschuldigt, die Einnahme der Enklave geduldet zu haben.

Die Entscheidung zum Massaker von Srebrenica fällt nach den Ermittlungen der Anklagebehörde zwischen Mladics zweitem und dem dritten Treffen mit den Blauhelmen, spät in der Nacht vom 11. auf den 12. Juli. Als am 14. Juli nahe der Stadt Zvornik die Liquidierungen beginnen, weilt Mladic mit Ehefrau Bosa in Belgrad bei einer Hochzeit – ein billiges Alibi.

Als er nach mehrjährigem Versteck im Mai 2011 verhaftet wird, ist Mladic ein Wrack. Nach zwei Schlaganfällen und einem Herzinfarkt erholt er sich erst im Gefängnis von Scheveningen einigermaßen. Mehr als ein Jahr vergeht, bis der erste von 377 Zeugen gehört wird. Wochen bringt das Gericht mit einem serbischen Mediziner zu, der sein Gutachten über die Leichen in den Massengräbern ausbreitet: Die Todesursache sei „nicht zweifelsfrei erwiesen“.

Elf Punkte umfasst die Anklage – von den „ethnischen Säuberungen“ des Jahres 1992 bis zur Geiselnahme an UN-Blauhelmen 1995. Zu allem gibt es inzwischen eine Jurisdiktion: Srebrenica ist Völkermord, das Geschehen des Jahres 1992 ist es nicht, heißt es in mehreren Urteilen. Das Verfahren gegen Mladic wirft kein neues Licht auf die Fälle. Ungeklärt lässt der Prozess auch die strategischen Motive für den Genozid. Der Angeklagte schweigt, politische Zeugen werden nur oberflächlich vernommen. (mit afp)

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23.11.2017, 06:00 Uhr
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