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Sozis in der Hand von Frauen
Soll die SPD aus dem Sinkflug holen: Andrea Nahles . Foto: Xanderx Heinl/Imago Foto: xXanderxHeinl/photothek/Imago
SPD

Sozis in der Hand von Frauen

Andrea Nahles wird am Sonntag voraussichtlich an die Spitze der ältesten Partei in Deutschland gewählt. Doch sie hat eine Konkurrentin – und nicht nur Sympathisanten.

20.04.2018
  • MATHIAS PUDDIG

Berlin. Geübt hat Andrea Nahles schon. Im niedersächsischen Bad Fallingbostel gab die 47-Jährige auf dem Landesparteitag der dortigen SPD am vergangenen Wochenende eine Idee davon, wie sich die Partei unter ihrem Vorsitz entwickeln soll. Kurz und heftig war ihre Rede, in der sie die SPD als Friedenskraft charakterisierte und die Genossen auf die Herausforderungen der Digitalisierung für die Arbeitswelt einschwor. Zudem sprach Nahles von dem Respekt, mit dem sie ihrem – voraussichtlich – neuen Posten begegne. Mit Blick auf ihre Vorgänger meinte sie: „Uijuijuijui – lauter ernste Männer.“

Damit ist ab Sonntag Schluss. Denn egal, ob nun Nahles die Delegierten überzeugt oder ihre Konkurrentin Simone Lange: Zum ersten Mal in mehr als 150 Jahren Parteigeschichte führt eine Frau die SPD. Neben all den Umbrüchen, vor denen die Partei außerdem steht, verblasst diese historische Neuerung allerdings. Denn die SPD ist auf der Suche nach sich selbst. Sie muss mit der schweren Wahlniederlage vom vergangenen Herbst umgehen. Sie muss den begonnenen Generationswechsel an der Spitze über die Bühne bekommen.

Sie muss abstreifen, was ihr Ex-Parteichef und Ex-Kanzlerkandidat Martin Schulz ein „Scheißjahr“ genannt hat. Genau zwölf Monate nachdem der Schulz-Hype in einen ausdauernden Umfragen-Sinkflug überging, muss die SPD anfangen, sich ernsthaft programmatisch und strukturell zu erneuern. Was bislang vorliegt, sind höchstens Ansätze. Das Erneuerungsprogramm, das Lars Klingbeil in der vergangenen Woche vorgelegt hat, gibt es bislang vor allem auf dem Papier.

Zudem muss die Partei mit der Situation umgehen, dass die 600 Delegierten zwischen zwei Kandidatinnen auswählen können. Das hat es erst einmal gegeben. 1995 war das, als Oskar Lafontaine nach einer Kampfkandidatur Rudolf Scharping von der Parteispitze verdrängte. Doch zumindest für diesen letzten Punkt haben die Spitzengenossen Lösungen gefunden: Beide Kandidatinnen werden sich und ihre Ziele am Sonntag in jeweils 30-minütigen Reden vorstellen. Nach einer Fragerunde wird dann über den Chefposten abgestimmt. Auf Stimmzetteln aus Papier übrigens – bei aller Erneuerung ist die Digitalisierung hier dann doch noch nicht angekommen.

Für Nahles ist die Gegenkandidatin eine Bürde. Zwar beteuert Generalsekretär Lars Klingbeil, dass die Abstimmung ein „Zeichen einer lebendigen Partei“ ist. Der Publizist und Politologe Albrecht von Lucke glaubt jedoch: „Simone Lange ist für eine Überraschung gut. Sie wird wahrscheinlich mit einer sehr offensiven Rede antreten und kenntlich machen, dass das Verhältnis zwischen Parteibasis und -führung gestört ist. Darauf zielt sie ab.“

Damit werde sie vielen in der Partei aus der Seele sprechen, sagt der Redakteur der „Blätter für deutsche und internationale Politik“. Nahles müsse in ihrer Bewerbungsrede gegenhalten. „Sie muss kenntlich machen, dass eine Erneuerung auch mit einem altgedienten Alphatier beginnen kann und beginnen muss.“ Für sie gehe es am Sonntag um sehr viel. Schon weniger als 80 Prozent hält von Lucke für einen schlechten Start. Einige in der Partei halten aber sogar 30 Prozent für Lange für möglich. Als die SPD-Delegierten über die Aufnahme von GroKo-Verhandlungen abstimmten, versagten immerhin 44 Prozent von ihnen der Parteispitze die Gefolgschaft.

Nahles selbst stapelte deshalb schon diese Woche etwas tiefer: „Ich erhoffe mir eine klare Mehrheit, die mir Rückendeckung gibt“, sagte sie der „Rheinischen Post“. „Aber nach den vergangenen turbulenten Monaten erwarte ich ein ehrliches Ergebnis.“

Dabei geht Andrea Nahles gut vorbereitet – und vor allem alternativlos – in den Parteitag. Seitdem sich Sigmar Gabriel aus der Spitzenpolitik verabschiedet hat, gibt es für sie innerparteilich keinen Gegner von Rang mehr. Das Willy-Brandt-Haus baut sie zur Zeit nach ihrem Gusto um. Man solle doch nur mal schauen, wer wo sitzt, klagen Kritiker aus der Fraktion schon jetzt: „Überall Nahles und ihre Freunde.“ Verkehrt ist das nicht: Eine Menge Politiker aus Nahles' Juso-Zeit sitzen schon auf einflussreichen Posten; nach dem Parteitag soll auch noch der Nahles-Vertraute Thorben Albrecht die Geschäftsführung des Willy-Brandt-Hauses übernehmen.

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20.04.2018, 06:00 Uhr
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