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Südwestumschau

Sozialverbände: Pflegereform nur Kosmetik

Der VdK und der "Paritätische Wohlfahrtsverband" kritisieren die geplante Pflegereform des Bundes. Sie sei nicht viel mehr als Kosmetik.

07.02.2012

Von RAIMUND WEIBLE

Stuttgart Adolf Nefzger bekennt: "Ich war schon öfters am Rand meiner Kräfte." Der 78-jährige ehemalige Bahnbedienstete reibt sich bei der Pflege seiner demenzkranken Frau auf. Rund um die Uhr kümmert er sich liebevoll um seine verwirrte Gattin, kann aber dadurch kein selbstbestimmtes Leben mehr führen. Er lebt seit fünf Jahren den ganzen Tag in Anspannung. So muss er etwa aufpassen, dass seine Frau trinkt und als Zuckerkranke nicht das Falsche isst. Nefzger ist an die Wohnung gebunden, seine sozialen Kontakte gehen verloren.

Entlastung kann sich das alte Ehepaar nicht leisten, weil die an Alzheimer erkrankte Frau trotz zusätzlicher Diabetes im Sinne der Pflegeversicherung nicht pflegebedürftig ist. Das, was die Versicherung zahlt, reicht gerade für den Dienst der Kirchlichen Sozialstation am Ort - für drei Stunden pro Woche. Diese Stunden nutzt Nefzger, Besorgungen und Einkäufe zu erledigen. Freizeit erhält er dadurch nicht.

"Demenzkranke und ihre Angehörigen werden in der Pflegeversicherung erheblich benachteiligt", sagt Nefzger. Und an dieser Benachteiligung wird auch die vorgesehene Pflegereform, deren Entwurf kommenden Montag im Bundestag in die Anhörung geht, nach Ansicht der Sozialverbände VdK und Paritätischer Wohlfahrtsverband nur wenig ändern. VdK-Landesvorsitzender Albert Sing und Landesgeschäftsführer Hansjörg Böhringer (Der Paritätische) erkennen an der Novelle "nicht viel mehr als ein wenig Kosmetik". Um dem tatsächlichen Betreuungs- und Pflegebedarf Demenzkranker Rechnung zu tragen, müsse ihre Einstufung in eine Pflegestufe ermöglicht werden. Die beiden Sozialverbände fordern die Landesregierung auf, im Bundesrat auf eine Pflegereform hinzuwirken, die den 140 000 Demenzkranken in Baden-Württemberg wirklich hilft.

Was Sing besonders erbost: Der damalige Gesundheitsminister Philipp Rösler habe 2011 das "Jahr der Pflege" ausgerufen. "Geschehen ist nichts." Sing verlangt von der Bundesregierung, die Pflegeversicherung auf Jahrzehnte hinaus "wetterfest" zu machen. Um für die künftige stärkere Beanspruchung der Pflegeversicherung gewappnet zu sein, müssten andere Einkommensarten zur Finanzierung herangezogen werden. Bisher stützt sich die Pflegeversicherung nur auf Einnahmen aus den Löhnen und den Renten. Eine private Eigenvorsorge, wie sie Röslers Nachfolger Daniel Bahr (FDP) vorschlägt, lehnt Sing ab. Dadurch würde die Gesellschaft gespalten.

Bei einem zufälligen Treffen hat Nefzger an Bundeskanzlerin Angela Merkel appelliert: "Machen Sie Ihrem Gesundheitsminister Beine!"

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Erstellt:
7. Februar 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
7. Februar 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 7. Februar 2012, 12:00 Uhr

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