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Sozialminister Manne Lucha über AfD, Flüchtlinge und Krankenhäuser
Als Bayer ordentlich im Südwesten integriert: Sozialminister Manne Lucha. Foto: Lars Schwerdtfeger
„Die Seele redet immer mit“

Sozialminister Manne Lucha über AfD, Flüchtlinge und Krankenhäuser

Mehr als 30 Jahre hat Manne Lucha im sozialen Bereich gearbeitet. Nun ist er Sozialminister im Südwesten und will dort im Verbund Akzente setzen.

03.08.2016
  • TOBIAS KNAACK

Ulm. Nach zehn Minuten muss Manne Lucha erstmal raus aus dem Sakko: „Darf ich bei euch den Kittel ausziehen?“. Dazu ein herzhaftes Lucha-Lachen. Der baden-württembergische Sozial- und Integrationsminister mit den unüberhörbaren oberbayerischen Wurzeln, Manfred „Manne“ Lucha (Grüne), hat sich im Gespräch in der Redaktion der Südwest Presse in Ulm gerade warm geredet. Nun muss der feine Stoff über die Lehne des Stuhls. Lucha krempelt die Ärmel seines weißen Hemdes hoch.

Es geht um die Alternative für Deutschland (AfD) im Landtag. Eigentlich, sagt Lucha, konzentriere man sich auf die eigene Arbeit, aber das muss er dann doch sagen, denn „die Seele redet immer mit“: „Hasserfüllung“ und „Respektlosigkeit“ nimmt er aus den Reihen der Rechtskonservativen im Landtag wahr: „Da läuft es mir mehr als kalt den Rücken runter.“ Das regt ihn, der mehr als 30 Jahre in der Krankenpflege und der psychiatrischen Versorgung gearbeitet hat, auf. Die Hände kneten, gestikulieren, „sprechen“ mit. Von „ultrakonservativ“ bis „stramm rechts“ versammele sich dort alles. Das Ziel sei eine „restaurative, kapitalistische Elitengesellschaft“. Gegen diese Aus- und Abgrenzungstendenzen müssten sich die demokratischen Parteien stellen: „Das ist eine gemeinsame Verantwortung.“

Überhaupt: Das Zusammenstehen, das Gemeinsame, das sind die Leitmotive des Exil-Bayern, der seit mehr als 30 Jahren in Ravensburg wohnt und dort bei der vergangenen Landtagswahl das erste grüne Direktmandat jemals holte. Sei es, wenn es um das ehrenamtliche Engagement im Land geht, um die Gleichberechtigung von Homosexuellen und Behinderten oder aktuell um die Integration von Flüchtlingen.

Die Frage der Integration ist für ihn elementar – nicht zuletzt aufgrund seiner eigenen Vita, wie der in Altötting geborene 55-Jährige mit einem Augenzwinkern sagt: „Ich integriere mich seit 34 Jahren in Baden-Württemberg jeden Tag neu.“

Wieder ernst: Man habe in diesem Bereich in den vergangenen Jahren deutliche Fortschritte gemacht, den „Riegel“, die „Abwehrgesetze“ aufgebrochen und etwa mit dem Pakt für Integration gemeinsam mit den Kommunen gute Grundlagen geschaffen. Dennoch bleibe für ihn die Kernfrage: „Was fördert das Zusammenleben?“ Vier Kernbereiche hat er ausgemacht: Schule, Wohnen, Ehrenamt und Sprache.

Hinzu komme der leichtere Zugang zum Arbeitsmarkt für Flüchtlinge. Dort sieht er aktuell noch Hemmnisse, perspektivisch aber „große Chancen“. Auch um diese Prozesse geschmeidiger zu machen, werde man im kommenden halben Jahr alle aktuell laufenden Integrationsprogramme überprüfen und „systematisieren“. Ziel müsse es sein, Sprach- und Integrationskurse mit Arbeit besser zu kombinieren.

Sein anderes „Leib- und Magenthema“ ist die Pflege. Er lehnt sich im Stuhl nach vorne, eine Kette mit grünem Anhänger baumelt am geöffneten obersten Hemdknopf leicht nach vorne. Er wolle eine verbindliche Krankenhausplanung. Allerdings sei das eine „sehr filigrane Angelegenheit“ angesichts der Schuldenbremse, die ab 2020 greift. Deshalb müsse man „bedarfsgerechte Angebote“ gemeinsam mit den Kassen und Trägern schaffen. Aber eines sei auch klar: „Ich will keine Kürzungen dort, wo Strukturen gefährdet sind.“

Insgesamt dürfe man bei der Krankenhausplanung nicht immer nur auf Quantität, sondern auch auf Qualität achten. Das gelte insbesondere mit Blick auf das Personal: zu kurze Verweildauer in Pflegeberufen (im Schnitt seien es nur 12,7 Jahre), zu geringe Attraktivität für junge Menschen – das bereitet ihm Sorge. Auch hier setzt er auf das Gemeinsame im Zusammenspiel von Politik und Krankenhausträgern, aber: „Ein gutes System gibt es nicht zum Nulltarif.“

Den Start der grün-schwarzen Regierung hält er für gelungen, die Kollegialität für gut. Natürlich gebe es bei den Christdemokraten manchen, der gelegentlich „CDU pur“ verkaufen wolle. Doch auch bei sich in der Partei gebe es schließlich die eine oder andere „innerparteiliche Pluralität“, etwa wenn Rot-Rot-Grün auf den Tisch komme. Da könne er dann auch schon mal „aus den Schuhen fallen“. Die Seele redet eben immer mit.

Bajuwarischer Baden-Württemberger

Altötting Manne Lucha wurde am 13. März 1961 im Landkreis Altötting geboren und wuchs dort auf. Dort begann auch seine politische Karriere: Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Grünen in Altötting und war Mitorganisator der ersten Anti-Atom-Demo.

Ravensburg Der Zivildienst führte ihn nach Ravensburg. Nach einer Ausbildung zum Chemiewerker lernte er Krankenpflege, studierte Sozialarbeit und später Management im Sozial- und Gesundheitswesen. Er arbeitete mehr als 30 Jahre in der psychiatrischen Versorgung.

Stuttgart Seit 1994 war der zweifache Familienvater im Gemeinderat der Stadt sowie später im Kreistag des Landkreises Ravensburg tätig. 2011 zog er per Zweitmandat in den Landtag. In diesem Jahr holte er sogar das Direktmandat – als erster Grüner im Kreis. ⇥tk

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03.08.2016, 06:00 Uhr
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