Mauer, wo keine sein sollte

Sondierungsgrabung stößt auch auf Unerwartetes

Bis spätestens Jahresende tummeln sich Ausgräberinnen der Denkmalbehörde auf dem Zwickel zwischen Sülchenfriedhof und Osttangente. Der kleine Dreier-Trupp führt dort aber keine Rettungsgrabung durch, sondern sondiert lediglich das Terrain.

06.11.2009

Von willibald Ruscheinski

Rottenburg. Dem anstehenden Bau der Bundesstraße 28 neu durchs Neckartal verdankt es Mittelalter-Archäologin Beate Schmid, dass sie schon jetzt hinter der Sülchen-Friedhofsmauer graben lassen konnte. Bis vor einem Jahr ging die Straßenbauabteilung des Regierungspräsidiums nämlich davon aus, dass der Sülchen-Knoten dann mit einer zweiten Auffahrt zum Halbkleeblatt aufgerüstet werden soll. Inzwischen ist zwar klar, dass es eine Ampel auch tun wird, aber das beantragte Geld für eine Sondage des Areals war da bereits genehmigt.

So können die Archäologen in diesem Winkel eine Arbeit fortsetzen, die 1982 begann und seither in einem halben Dutzend Rettungsgrabungen Stück für Stück neue Erkenntnisse über die früh- bis hochmittelalterliche Vorgängersiedlung Rottenburgs zutage förderte. Geblieben ist, samt dem Friedhof, von ihr einzig die Kirche. Dass sie ursprünglich dem Heiligen Martin geweiht war, verweist laut Schmid nicht nur auf einen frühen Vorgängerbau aus dem 6. Jahrhundert, sondern auch auf dessen Nähe zu einem Herrenhof.

Mit an die 48 Hektar Fläche war die umgebende Siedlung viermal größer als ihre Nachfolgerin, die spätmittelalterliche Hohenberger-Neugründung Rottenburg. Sülchen reichte – wenn auch nicht unbedingt in allen acht Jahrhunderten seines Bestehens gleichzeitig – von der heutigen Jahnstraße bis hinunter zum heutigen Sülchgauer Hof der Familie Wiedmaier.

Dank Luftbildern hat man auch umrisshafte Vorstellungen von der Bebauung: Weil die frühmittelalterlichen Grubenhäuser, zumeist landwirtschaftliche Nebengebäude, in den Boden eingetieft waren, reicht die Humusschicht dort bis heute tiefer, so dass Gräser höher wachsen und sich die Standorte aus der Vogelschau halbwegs deutlich abzeichnen.

Als die Archäologinnen die Ernte im Zwickel zwischen Sülchen und der Osttangente abgewartet hatten und vor drei Wochen mit ihrer Sondage begannen, konnten sie auch auf geophysikalische Untersuchungen zurückgreifen. Die sind exakter und bilden sogar die einstigen Pfostenlöcher ebenerdiger Holzbauten noch punktgenau ab.

Weil solche Befunde für Sülchen aber normal wären, konzentrierte sich Beate Schmid mit ihren Grabungsfenstern auf ungewöhnlichere Strukturen. Und hat inzwischen, wie sie schmunzelnd gesteht, „mit den Geophysikern gleich zwei Hühnchen zu rupfen.“ Zum einen entsprach einem weißen Streifen, der eine Straße hätte darstellen können, im Boden rein gar nichts. Und zum anderen grub Gundel Born-Wirth, die an sämtlichen Sülchen-Grabungen beteiligt war, mit ihren zwei studentischen Helferinnen eine Mauer, wo eigentlich eine ungewöhnlich dichte Reihung von Pfosten erwartet wurde.

Die Größe der verbauten Steine erinnert an römische Handquader, die in der Mauer aber auch lediglich recycelt worden sein könnten. Das wäre nichts Außerordentliches, sagt Born-Wirth: Gleich in der benachbarten Friedhofsmauer sind so genannte römische Spolien zu finden, also wiederverwendete Architekturteile wie Türstürze und Halbsäulen. Erhalten ist der unverhofft entdeckte Mauerzug in Teilen vierlagig, in Teilen ist er aber auch eingestürzt und mit neuzeitlichem Zivilisationsmüll bedeckt. Warum verläuft er parallel zur Außenwand des Sülchenfriedhofs? Auch das ist eine Frage, die sich derzeit noch nicht beantworten lässt.

Sind das römische Handquader? Und wurden sie beim Bau dieser Mauer bereits recycelt? Fregen, die den drei Ausgräberinnen Steffi Brose, Kerstin Zintz und Gundel Born-Wirth (von links) bei ihrer derzeit meist nasskalten Arbeit vor der Sülchenfriedhofsmauer durch den Kopf gehen. Bild: Mozer

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Erstellt:
6. November 2009, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
6. November 2009, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 6. November 2009, 12:00 Uhr

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