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Daheim in der prallen, bunten Welt

Sommer-Gespräch (1): Ali Mitgutsch über Wimmelbilder, Kindheitstage und Sittenwächter

Klassiker, wie sie im Bilderbuche stehen: Mit Ali Mitgutschs Wimmelbildern wachsen Kinder seit 40 Jahren auf. Mit Neugierde, Beobachtungsgabe, Humor und Farbe fängt der Bayer das Leben ein.

12.08.2010

Von MAGDI ABOUL-KHEIR

Ihre Sommerbilder - ob am Strand oder in der Stadt - drücken pure Lebensfreude aus. Empfinden Sie den Sommer als inspirierend?

ALI MITGUTSCH: Er erinnert mich an die Kindheit, als ich mit möglichst wenig Kleidung durch die Gegend gehüpft bin. Im Sommer ist man daheim in der Welt, sie steht einem schon körperlich viel offener als im Winter. Man kann sich überall hinsetzen, hinlegen, einfach draußen schlafen. Oder Baden gehen - dabei hab ich erst mit 14 schwimmen gelernt.

Ihre Bilder sind vital, hell, farbenfroh. Sind Sie ein sonniges Gemüt?

MITGUTSCH: Ich bin ein Optimist. Einer, der an die positive Veränderbarkeit der Welt glaubt.

Sitzen Sie im Sommer im Cafe und beobachten Menschen?

MITGUTSCH: Das tue ich wahnsinnig gern. Ich habe auch gar nichts dagegen, wenn ich lange in einem Warteraum sitzen muss. Leute zu beobachten, wie sie sich aufführen, um anderen Leuten einen Menschen vorzuspielen, der sie gar nicht sind - das ist doch großartig.

Würden Sie einen reinen Erholungsurlaub überhaupt aushalten?

MITGUTSCH: Meine Arbeit ist für mich keine Arbeit, sondern Erholung. Ich habe das Glück, das ich mein Hobby als Beruf habe: Leute beobachten, Geschichten erfinden und mit dem Pinsel weitererzählen.

Mit Ihren Wimmelbildern sind Sie bekannt geworden. Stimmt es, dass Sie den Begriff gar nicht mögen?

MITGUTSCH: Das ist ein Irrtum! Ich hab den Ausdruck ja damals erfunden, 1968, als wir überlegt haben, wie man das überhaupt nennen kann. Ich wollte immer noch eine witzigere Bezeichnung finden. Aber mir ist nichts Besseres eingefallen. "Sich selbst erzählende Bilderbücher"? Das hat ja keinen Pep.

Auf Ihren Bildern kann man immer wieder Neues entdecken - und doch geht der Betrachter nicht verloren.

MITGUTSCH: Kinder sehen ohnehin selektiv, sie picken sich raus, was ihnen wichtig ist. Anfangs haben mich aber einige Pädagogen als Beispiel dafür verwendet, wie ein Bilderbuch nicht sein darf. Denen wars zu wirr. Ich habe aber Kniffe entwickelt, dass die Bilder eben nicht wirr sind: mit vielen Sachen drauf, aber doch überschaubar. Das Simpelste ist, die Figürchen nicht durch allzu verschiedenfarbige Kleidung optisch in mehrere Teile zerfallen zu lassen. Das sind Techniken, die meine Konkurrenten und Nachahmer noch nicht begriffen haben.

Auf jedem Ihrer Bilder sind Dutzende Geschichten zu sehen. Sind Sie ein guter Beobachter oder ein guter Ausdenker?

MITGUTSCH: Eines lässt sich vom anderen nicht trennen. Ich war schon als Kind ein sehr genauer Beobachter.

Haben Sie sich die Perspektive eines Kindes erhalten können?

MITGUTSCH: Auf jeden Fall. Ich hatte allerdings eine sehr traurige Kindheit. Wir wurden in und nach dem Krieg viermal hin- und herevakuiert, dann kam ich in ein Allgäuer Dorf mit Zwergschule samt sadistischem Lehrer, der mich zum Freiwild erklärt hat. Ich wurde zum Prügelknaben, war völlig einsam. Am Nachmittag bin ich in den Lech-Auen herumgestromert, baute Baumhäuser, Höhlen und träumte mir eine Welt zusammen, in der ich etwas erlebte. In der Realität erlebte ich ja nichts, hatte keinen einzigen Freund. So habe ich mir zwei Begleiter erfunden: einen großen, starken, der mich beschützte, und einen kleinen, schlauen mit spitzer Nase, der immer die besten Ausreden fand. Mit denen zusammen erlebte ich Abenteuer. Und da ich keinen erfüllten, glücklichen Kinderalltag hatte, blieb dieses Traumleben wichtig, und meine Phantasien sind auch nicht in den Hintergrund geraten. So habe ich mir wohl eine wesentlich stärkere Erinnerung an die Vorstellungen, Sehnsüchte und Wünsche der Kindheit erhalten.

Ist Ihr Spitzname Ali - Sie heißen ja Alfons - damals entstanden?

MITGUTSCH: Das war noch in München, da war ich so sechs Jahre alt. Ich spielte in schmutzigen Hinterhöfen, in Speichern, alles war voller Braunkohle. Im Sommer lief ich bis auf eine schwarze Turnhose nackt herum, ich wurde schnell braun, hatte schwarze Locken. Wenn ich nach Hause kam, hat meine Mutter die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen: "Um Gottes Willen, wie schaust denn du aus, wasch dich sofort!" Das hab ich nie gemacht, höchstens symbolisch. Meine Mutter rief dann: "Du siehst aus wie Ali Baba und die 40 Räuber." Das hat mich geärgert und meine Geschwister haben mich damit aufgezogen. Irgendwann hab ich nicht mehr dagegen gekämpft, und der Name ist hängengeblieben.

Sie malen keine reinen Heile-Welt-Bilder: Da finden kleine Unfälle und Missgeschicke statt, Menschen streiten sich. Gehört das einfach dazu?

MITGUTSCH: Ich komprimiere eben das pralle Leben.

Und auf fast jedem Bild muss irgendwo einer stehen und pinkeln?

MITGUTSCH: Ich hab das halt in meinem ersten Buch gemacht, und jedem ist das aufgefallen. Das war damals noch ein Tabubruch, aber die Kinder fanden es so lustig. Da habe ich mir gedacht: Den kann ich ja sozusagen als Markenzeichen immer irgendwo pinkeln lassen.

Bekommen Sie nie Beschwerden, nach dem Motto: Muss das sein?

MITGUTSCH: Nur von amerikanischen Lizenzfirmen. Wildpinkeln ist in den USA etwas sehr Verwerfliches. Die haben sich auch über die kleinen Nackten aufgeregt. Auf einem Strandbild gibt es ein FKK-Eck, samt Figuren mit winzigen Pimmelchen. Das wollten sie jahrelang nicht nehmen, dann sind sie draufgekommen, dass man denen ein kleines schwarzes Höschen drüberdrucken kann. Es gibt auch eine Figur, die man an einer Umkleidekabine von hinten sieht: Die ist braun, hat aber einen nackten, hellen Po - auch der bekam im Mittelwesten eine schwarze Hose drüber.

"Komm mit ans Wasser": Ali Mitgutschs sommerlicher Aufforderung folgt man gern, auch wenn es hier sehr belebt zugeht. Foto: Ravensburger Verlag

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Erstellt:
12. August 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
12. August 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. August 2010, 12:00 Uhr

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