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Bericht

So wild ist der Südwesten

Der Jagdminister stellt erstmals in einem Wildtierbericht vor, was in Wald und Flur des Landes der Stand der Dinge ist.

11.04.2019

Von FABIAN ZIEHE

Ein Waschbär läuft auf einer Wiese. Foto: Patrick Pleul/dpa

Ulm. Wie wild ist der Südwesten? Erstmals gibt ein Wildtierbericht dazu Anhaltspunkte – wissenschaftlich fundiert auf 350 Seiten. Er liefert eine umfassende Übersicht, belastbare Zahlen und gut lesbare Einblicke. Fast schon vergessen scheint, dass das zugrundeliegende Gesetz für den Bericht in der vergangenen Legislaturperiode zu Streit zwischen den regierenden Grünen und der opponierenden CDU geführt hatte. Heute, unter Schwarz-Grün, stellt einer der damaligen Kritiker des 2005 verabschiedeten Jagd- und Wildtiermanagementgesetzes (JWMG) den Bericht vor: Landwirtschafts- und Jagdminister Peter Hauk (CDU).

Kormoran Paradox ist, dass Hauk sich ausführlich zu Tieren äußert, die de jure gar nicht Kern des Bericht sind: „Am Umgang mit Wolf, Biber und Kormoran haben sich bislang die Geister geschieden“, erklärt er zur Vorstellung des Berichts am Dienstag. „Im Rahmen der Erstellung des Wildtierberichts haben wir für diese drei für den Menschen nicht unproblematischen Tierarten vorerst tragfähige Kompromisse gefunden.“

Dabei gehört nur der Kormoran originär in den Bericht. Der von Fischern ungeliebte Vogel ist dem „Schutzmanagement“ des JWMG zugeordnet, jener von drei Stufen, die nicht bejagt, sondern nur beobachtet werden. Der Fischfresser darf laut Kormoranverordnung schon heute vergrämt und lokal zum Schutz der Fische sogar getötet werden. Hauk will dies stärker nutzen.

Wolf und Biber Hauk möchte Wolf und Biber gerne im JWMG sehen – und somit in seiner Zuständigkeit. Allerdings sind beide Tiere streng geschützt und somit Thema des grün-geführten Umweltministeriums. Versteckt auf Seite 287 des Berichts ist zu lesen, dass der Wolf nach Übereinkunft beider Ministerien nun nicht ins JWMG aufgenommen werden soll. Das Landwirtschaftsministerium will trotzdem prüfen, ob die Jägerschaft „aktiv“ in das Wolfs-Monitoring eingebunden werden kann. Tatsächlich ist sie das schon lange.

Bei den Bibern kann Hauk punkten: Angesichts der bereits 5000 Tiere und der verursachten Schäden an Bäumen und Infrastruktur müsse man handeln. „Wir werden dem nicht Herr werden, wenn wir den natürlichen, jährlichen Zuwachs nicht abschöpfen“, sagt Hauk. Künftig soll es in der „Grenzregion zu Bayern ein gemeinsames Modellprojekt zum Bibermanagement nach bayerischem Vorbild“ geben. Für auffällige Tiere wird es dann eher eng.

Ansonsten gibt es im Bericht kaum mehr zu Biber und Wolf. Mit der Resonanz, die das Duo im Rahmen der Vorstellung des Berichts erfahren hat, hat das wenig zu tun. Jagd-Fachmann Reinhold Pix schmeckt die Diskrepanz zwischen medialem Drumherum und Inhalt des Berichts nicht: „Der Wildtierbericht ist mehr als Wolf, Biber und Kormoran.“ Der Grünen-Abgeordnete betont, dass der Wildtierbericht „zentrales Element des flexiblen und innovativen JWMG“ ist.

Wildschwein Wegen der Afrikanischen Schweinepest (ASP) sind Wildschweine ein heißes Thema. Der Bestand wächst: Wurden 1985/86 noch gut 7000 Wildschweine erlegt, waren es 2015/16 schon fast 70 000 – die Schäden steigen entsprechend. „Als Hauptgrund wird der Klimawandel mit veränderten Umweltparametern angesehen“, steht im Bericht. Das Schwarzwild profitiert etwa vom größeren Nahrungsangebot. Man versucht, das Wild effektiver zu bejagen. 2018 wurde ein Zwölf-Punkte-Maßnahmenplan verabschiedet, um das Risiko einer ASP-Einschleppung zu verringern.

Auch ein zweiter Aspekt zeigt, dass der Südwesten nicht isoliert betrachtet werden darf: Die radioaktive Cäsium-137-Belastung von Schwarzwild ist auch 30 Jahre nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl noch hoch.

Rotwild Sein Geweih ziert das Wappen Württembergs – dennoch darf er seit 1958 nur in fünf Arealen leben: der Rothirsch. Das Tier gilt wegen des Verbisses als Waldschädling. Das Tier darf entsprechend der Rotwildverordnung aktuell nur im Nord- und Südschwarzwald, im Schönbuch, im Allgäu und im Odenwald leben. Außerhalb muss es geschossen werden.

Der Landesjagdverband (LJV) nennt die Rotwildverordnung ein „Relikt der Nachkriegszeit“ – und begrüßt, dass der Wildtierbericht eine liberale Praxis anregt – auch um einen genetischen Austausch zwischen den Populationen zu ermöglichen. „Für den LJV gibt es jetzt nur eine Option: Die Rotwildverordnung muss abgeschafft werden“, sagt Landesjägermeister Jörg Friedmann.

„Die Rotwild-Konzeption ist ein gelungenes Instrument, um einen fairen Interessensausgleich zwischen allen Beteiligten zu erreichen“, widerspricht Pix. Erst solle man sich innerhalb der Rotwild-Gebiete überlegen, wie man mit dem Tier umgehen will. Erst dann könne man „barrierefreie Rotwildlebensräume“ andenken.

Waschbären Ein weiterer Aspekt sind „invasive gebietsfremde Arten“. Das meint neben etwa Marderhund, Nilgans und Nutria auch den Waschbär. Das nordamerikanische Tier gilt als Überträger von Krankheiten und gefährdet die Population von Vögeln, Reptilien und Amphibien. Abschuss alleine wird die Population nicht eindämmen. Auch der Einsatz von Lebendfallen sei notwendig. Hege verbietet sich: Ein Anfüttern der Tiere ist kontraproduktiv – egal, wie putzig sie aussehen.

Ein Rothirsch steht am 08.10.2017 in einem Rotwildgehege bei StuttgartFoto: Sina Schuldt/dpa

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Erstellt:
11. April 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
11. April 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 11. April 2019, 06:00 Uhr

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