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Mal 70 Kühe im Stall, mal 1500

So geht Landwirtschaft im Allgäu und in Oberschwaben heute

Wer lebt auf den Bauernhöfen, wie wird da geschafft? Das Buch "50 Höfe" zeigt das richtige Landleben. Von industriell bis kleinbäuerlich, von Bio bis Masse. Ganz ohne Magazin-Idylle und "Bauer sucht Frau".

21.11.2015
  • ALFRED WIEDEMANN

Kißlegg Streichelzoo, Ponyhof, Ferien-Idyll. Geschenkt. Alles nur Klischees, nicht das alltägliche Bauernleben. Landwirte müssen sich heute eine Menge anhören und viel aushalten. Beschwerden von Neu-Dörflern über Güllegestank oder Kuhglocken sind nur zum Heulen. Beschimpfungen als Subventionsabzocker, Wasserverschmutzer und Tierquäler können aber gehörig auf den Magen schlagen. Oder das Verramschen früher wertvoller Lebensmittel wie Fleisch und Milch, das globale Gefeilsche um billigen Weizen und noch billigeres Gen-Soja.

Kein Wunder, dass in den letzten 35 Jahren 100 000 landwirtschaftliche Betriebe in Baden-Württemberg ihre Ställe geräumt, Maschinen versteigert und aufgegeben haben. Übrig sind gut 41 000, und die Höfe mussten gewaltig zulegen: 34 Hektar werden im Schnitt bewirtschaftet. 1980 waren es 10,4 Hektar.

Das Ergebnis: Maisfeld an Maisfeld, Biogas und Turbokühe, von morgens bis in die Nacht Vollgas-Produktion mit 500-PS-Traktoren.

Wirklich? Reiner Metzger und Otto Kettemann zeigen, wie es heute tatsächlich aussieht auf dem Bauernhof. Oder besser: Landwirte von 50 Bauernhöfen haben sich von beiden fotografieren und befragen lassen. Bilder und Antworten, gesammelt in dem Buch "50 Höfe. Bäuerliches Leben im Allgäu, am Bodensee und in Oberschwaben", zeigen: Die Vielfalt ist riesig. Der eine schafft auf ein paar Hektar, der andere mit Ziegen, viele verdienen Geld mit Biogas, noch mehr leben vom Milchvieh, wie es Tradition war in Oberschwaben und im Allgäu. Und viele machen vieles, um die Lebensgrundlage ihrer Familie zu sichern: Hofladen, Käserei, Schnapsbrennerei, Nebenjob beim Maschinenring. Vielfalt eben, ganz normal.

Reinhold Stützenberger, Jahrgang 69, hat Landmaschinenmechaniker gelernt und die Landwirtschaftsschule angehängt, als sich die Hofübernahme abzeichnete. Mit Frau Heidi treibt er den Beckeshof in Oberriedgarten bei Kißlegg (Kreis Ravensburg) um. Jahrelang hat Reinhold Stützenberger nebenher in der Autowerkstatt geschafft. Als Landmaschinenmechaniker kann er viele Fuhrparkreparaturen erledigen.

Vor 40 Jahren der kleinste von fünf Höfen im Ort, ist der Beckeshof nun der einzige Milchviehbetrieb - mit 70 Kühen und 35 Stück Jungvieh. Die Kühe haben Namen und dürfen auf die Weide, sogar mit Stier. Statt Silofutter gibt es Heu, die Milch geht an die genossenschaftliche Allgäuer Emmentalerkäserei Leupolz. Dass ihr Hof und ihre Familie fürs Buch ausgewählt wurden, "das macht ein bisschen stolz", sagt Heidi Stützenberger. So ein Buch könne helfen, um sich eine handfeste Meinung zu bilden über Bauern. "Wer das liest, sieht, dass so ein Hof viel Arbeit macht, trotz der Maschinen." Vorurteile über die Landwirtschaft? Ja, natürlich, gibt es, alles schon gehört. Aber auch andere Reaktionen: "Immer wieder kommen Leute auf den Hof und erzählen, dass sie extra zur Käserei fahren und sich den Emmentaler aus unserer Milch kaufen, weil der viel besser schmeckt als der abgepackte im Laden", sagt Heidi Stützenberger.

Ganz andere Dimensionen in Bad Grönenbach, bei Familie Endres: 1500 Kühe stehen hier in den Ställen, 35 000 Liter Milch liefern sie Tag für Tag. Und dazu Mist für eine große Biogasanlage. 450 Hektar werden bewirtschaftet, 14 Personen beschäftigt. Landwirtschaft, sagt Franz Endres, Jahrgang 57, sei heute eingebettet in die Gesetze einer globalisierten Welt. Die Zukunft? Wird gestaltet von Besseren, Schnelleren oder von Anderen. Immerhin zehn Familien versorge sein Hof.

Normalbauer, Großbauer, für alle ist Platz. Auch für Bergbauern wie Sepp und Christl Steurer von der Alpe Berg bei Balderschwang oder Matthäus und Alice Karg aus Bad Oberdorf. 14 Milchkühe haben Steurers, 12 Kargs. Sepp Steurer macht Käse selber, eine Zimmervermietung bringt Geld und im Winter sein Skilehrer-Job. Matthäus Karg arbeitet auch im Forst. Er lässt seinen Kühen, Deutsches Braunvieh, die Hörner. Inzwischen fast schon eine Ausnahme. Nicht aber in Oberdorf: Dort sind sich alle zwölf Bauern einig, alle halten sie "Hörnerkühe".

Viele Höfe, viele Lebensentwürfe, viele Unterschiede. Die meisten Landwirte haben aber ein Familienerbe angetreten, den elternlichen Hof übernommen. Gemeinsamkeiten und Unterschiede dokumentieren Reiner Metzgers Fotos in schwarz-weiß und Otto Kettemanns angenehm spröde Texte in "50 Höfe". Fotograf und Kulturwissenschaftler haben die Höfe getrennt für Gespräche und Fotos besucht. Die anderen Blickwinkel sind nur ein Aspekt, der das Resultat so sehens- und lesenswert macht. Wer sich für die Situation der Betriebe interessiert, erfährt eine Menge - weit weg vom Wiederkäuen der üblichen Vorurteile über Bauern.

Ob die Bilder und Texte in ein par Jahrzehnten genauso nostalgisch überholt daherkommen werden, wie heute die Bildbände vom untergegangenen Bauernleben der 1950er? Geht es mit Höfesterben im Südwesten so rasant weiter wie in den letzten Jahrzehnten, macht der letzte Bauernhof schon im Jahr 2028 dicht, in 13 Jahren. Aber nur, wenn man Zahlen einfach so fortschreibt. Wer "50 Höfe" liest, lässt sich von Zahlen nicht bange machen. Landwirte, die brennen für Hof und Vieh, lassen sich nicht zu Landschaftspflegern oder Biomasseproduzenten degradieren. Sondern machen weiter. Arbeiten für die, denen Lebensmittel mehr bedeuten als nur Pfennigware im Plastikpack.

Bei den Stützenbergers in Oberriedgarten hat der Sohn gerade ein Praktikum gemacht, der 15-Jährige will sich um eine Landwirtschaftslehre bewerben. Gute Aussichten für den Beckeshof, freut sich Mutter Heidi. Aber: "Was in zehn Jahren ist, können wir nicht wissen", sagt sie. Auch bei den Endres' will der Sohn den Großbetrieb einmal übernehmen. Er leitet schon die Produktion. Die Letzten ihres Standes? Noch lange nicht.

So geht Landwirtschaft im Allgäu und in Oberschwaben heute
Der Sohn will den Hof einmal übernehmen: Familie Stützenberger vom Beckeshof im oberschwäbischen Oberriedgarten: Reinhold und Sarah Stützenberger vorne, Heidi, Lukas, Markus, Silke und Anja (hinten von links) . Foto: 50 Höfe/Reiner Metzger

So geht Landwirtschaft im Allgäu und in Oberschwaben heute
Alle ihre Kühe dürfen Hörner tragen: Familie Karg aus Bad Oberdorf, Gemeinde Bad Hindelang im Oberallgäu: Alice, Matthäus, Barbara (Enkelin) und Barbara Karg (von links). Foto: 50 Höfe/Reiner Metzger

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21.11.2015, 12:00 Uhr
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