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Geordnete Flucht

Slowenen verwalten die Migrantentrecks und schimpfen auf die Behörden der Nachbarländer

Chaos herrscht keines: Die slowenischen Behörden bemühen sich, mit den Flüchtlingen korrekt umzugehen. Sie werden verwaltet, so lange sie da sind. Migranten vermissen jede Ansprache, ein freundliches Wort.

28.10.2015
  • NORBERT MAPPES-NIEDIEK

Slowenien macht es am ordentlichsten. Jeder wird registriert. Niemand muss in ein Taxi oder ein Privatauto steigen, um sich für einen Horrorpreis in die nächste Stadt fahren zu lassen - wie in Österreich. Niemand wird an der Grenze aus dem Zug geworfen und auf freiem Feld stehen gelassen - wie in Kroatien. Wer da steht, den sammeln die Slowenen sofort ein. Und schimpfen auf die Kollegen im Nachbarland, die ihnen - wie am Wochenende - ohne Ankündigung bis zu zehn Zugladungen mit jeweils mehr als tausend Menschen an die Grenze bringen.

Man kann das aber auch ganz anders sehen. "Slowenien ist am schlimmsten", sagt Nermin aus Aleppo und hustet. Die 27-Jährige ist schwanger und sitzt seit heute Morgen um drei mit ihrem Mann Hossam, 32, dem sechsjährigen Sohn und der vierjährigen Tochter auf einer Wolldecke, die auf dem schlammigen Untergrund klammer wird. Mitten in der Nacht haben sie die Familie hier abgesetzt. In den wenigen Armeezelten auf dem Gelände der Polizeistation von Breice war um drei kein Platz mehr.

"Es gibt da kein Licht", erzählt Nermin. "Ständig tritt man auf jemanden." Hinter dem Zaun fließt die Sawe und schickt ständig Nebelschwaden herüber. Sie mischen sich mit Hossams Zigarettenrauch und dem Dunst aus vier völlig verdreckten Klohäuschen. Die Sonne kämpft, schafft es aber nicht.

Slowenien, bekannt als Musterschüler der EU-Erweiterung, kommt den meisten Empfehlungen nach, auf die sich beim Krisengipfel am Sonntag zehn EU- und drei Balkanländer geeinigt haben. Der "Flüchtlingsstrom" wird aufgehalten, "verlangsamt", wie es Deutschlands Innenminister Thomas de Maizière verlangt hat. Statt beide Augen zuzudrücken, wie Mazedonier und Serben es tun, übernehmen die Slowenen Verantwortung.

Anfangs haben sie sich damit kräftig übernommen. Inzwischen hat sich ein bisschen etwas verbessert. Vorige Woche noch wurden Flüchtlinge von der kroatischen Grenze von Armee und Polizei in Marschkolonnen durch die Felder eskortiert. Jetzt fahren gecharterte Busse. Auch muss niemand mehr drei oder vier Tage auf dem schlammigen Gelände ausharren. "Es kann aber je nach der Anzahl neu Ankommender noch bis zu 36 Stunden dauern", sagt Hanna Spegel von Ärzte ohne Grenzen. Die Organisation lobt die Kooperation mit den slowenischen Behörden. Das Problem, so Spegel, sei einfach "die große Zahl".

"Geschlagen haben sie mich", sagt Ali, 19, Student aus Damaskus, kann sich dann aber nicht so richtig entscheiden wohin genau, und korrigiert sich: Gepufft hat ihn jemand, als er in die falsche Richtung ging. Aber wer? Egal; Ali hat von Slowenien die Nase voll. Von Breice haben sie ihn nach entilj an die österreichische Grenze gebracht - und wieder steht er eingepfercht und wartet, bis sich das Gatter öffnet.

Unter den Flüchtlingen hat Slowenien einen kaum besseren Ruf als Ungarn. Dabei will hier niemand abschrecken oder Zäune bauen, am wenigsten der liberale Regierungschef Miro Cerar. Nur geordnet soll es zugehen.

Um das Lager Breice herrscht tatsächlich Ordnung. Das Gelände ist eingezäunt und weiträumig mit Tatort-Klebeband abgesperrt. Soldaten patrouillieren rund um den Zaun wie in einem Weltkriegsfilm; auf dem Damm zur Sawe steht ein knallblauer Schützenpanzer. Wie eine Invasionsarmee rauschen die Fremden in Buskolonnen durch die verschlafenen Dörfer. Wer in Breice Zugang zu den Aliens hat, trägt Uniform oder Warnweste. Die Rotkreuzleute sehen mit ihrem obligatorischen Mundschutz wie anonyme Monster aus. "Niemand redet mit uns, niemand sagt uns etwas", schimpft Nermin in ausgezeichnetem Englisch. "Ist das überhaupt ein europäisches Land?" Doch; gerade. Der Zivilschutz, der hier die Versorgung verantwortet, "arbeitet mit einer eingeschliffenen Hierarchie", erklärt Nea Kogovek, Leiterin des Friedensinstituts in Ljubljana. Sie durfte sich die Verhältnisse in Breice gründlich anschauen und ist der Parteinahme für sture Behörden unverdächtig.

Zur Hierarchie gehört, dass nicht jeder irgendwelche Auskünfte gibt - etwa auf die drängende Frage, wann der Bus kommt. Die Leute vom Zivilschutz haben sich einfallen lassen, Proviant erst nach der Registrierung auszugeben. "Als diese dann Stunden dauerte", so Kogovek, "war es die Polizei, die dafür gesorgt hat, dass die Regel gebrochen wurde." Ganz behördenlogisch: Die Polizei spürt als erste, wenn sich unter den Wartenden Wut aufbaut. Mit privaten Initiativen tun sich Behörden und staatsnahe Organisationen schwerer als auf dem unordentlichen Balkan oder im liberalen Westen. "Zweimal sind wir aus dem Lager schon rausgeworfen worden", erzählt Philipp Janýr von der Wiener Gruppe "SOS Konvoi".

Mit Nermin und Hossam zu sprechen ist nicht erlaubt. Ein Polizist hat die Konversation über den Zaun beobachtet und schickt den Journalisten weg. Auf dem Polizeiposten kriegt man nur einen Zettel mit Namen und Rufnummer der Pressesprecherin im 50 Kilometer entfernten Novo Mesto - die nicht ans Telefon geht. Aber das ist nicht mehr nötig. Gerade fährt Nermin vorbei, ihre Tochter auf dem Schoß, und winkt. Neun Stunden "Verlangsamung" sind vorbei. Slowenien wird sie wohl kaum wiedersehen.

Slowenen verwalten die Migrantentrecks und schimpfen auf die Behörden der Nachbarländer
Flüchtlinge warten in Dobova an der kroatisch-slowenischen Grenze auf die Toröffnung. Foto: Getty

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28.10.2015, 12:00 Uhr
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