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"Wo ist Ai Weiwei?"

Sitz-Protest für Freilassung des Künstlers

Weltweit wird gegen die Inhaftierung des berühmten chinesischen Künstlers Ai Weiwei protestiert, auch in Berlin und in der documenta-Stadt Kassel. Das Regime in China weist die Rufe als "Einmischung" zurück.

18.04.2011

Von ANDREAS LANDWEHR, DPA KATJA SCHMIDT, DAPD

Mit Stühlen haben sich gestern auch in einigen deutschen Städten Menschen vor chinesische Repräsentanzen gesetzt. In Berlin waren es 150 Demonstranten, die so die Freilassung von Ai Weiwei forderten. Der chinesische Künstler und Regierungskritiker war am 3. April am Pekinger Flughafen festgenommen geworden und ist seitdem verschwunden. Unter dem Motto "1.001 Stühle für Ai Weiwei" wurde auf der Internetplattform Facebook weltweit zu Solidaritätsaktionen aufgerufen. Vor Botschaften und Konsulaten Chinas in zahlreichen Ländern fragten Demonstranten: "Wo ist Ai Weiwei?"

Die Idee geht auf Ai Weiweis Arbeit "Fairytale" (Märchen) für die documenta in Kassel zurück. Dort ist für morgen eine ähnliche Sitz-Aktion geplant. Zur documenta 12 im Jahr 2007 hatte der Künstler 1001 Chinesen aus seinem Land nach Kassel eingeladen. In fünf Etappen kamen unter anderen Studenten, Arbeiter, Bauern, Lehrer und Musiker - Menschen mit sehr unterschiedlichen sozialen Hintergründen. Zudem holte Ai Weiwei damals ebenso viele Stühle aus seiner Heimat nach Nordhessen. Während sich die besonderen Gäste aus China unter die Bevölkerung und das internationale Kunstpublikum mischten, markierten die 1001 Holzstühle aus der Qing-Dynastie das Werk in der Ausstellung.

Mit der Festnahme von Ai Weiwei vor zwei Wochen wurde das "soziale Gewissen Chinas" zum Schweigen gebracht. Die Verfolgung des weltberühmten Künstlers trifft eine alte, renommierte chinesische Familie. Sein Vater Ai Qing war einer der berühmtesten Dichter Chinas. Selbst Regierungschef Wen Jiabao zitierte gerne aus dessen Gedichten, um den Patriotismus zu beschwören. So etwa diese Verse von 1938: "Warum füllen sich meine Augen immer wieder mit Tränen? Weil ich mein Land so sehr vermisse." Seit der Festnahme von Ai Weiwei zirkuliert im Internet eine bittere Abwandlung der Antwort des Poeten: "Weil mein Sohn verschwunden ist."

Mit der Haft tritt Ai Weiwei unfreiwillig in die Fußstapfen seines Vaters, der lange politisch verfolgt und erst nach der Kulturrevolution rehabilitiert wurde. Er hatte eine Vorahnung. Denn schon lange verfolgt ihn die Staatssicherheit. Wenige Tage vor seiner Festnahme erinnerte Ai Weiwei in einem Interview mit dem Hongkonger Magazin "Time Out" an das Schicksal seines Vaters und räumte ein: "Ich habe Angst vor dem Gefängnis." Er habe seinen Vater weniger als Dichter bewundert, sondern wie er zwei Jahrzehnte Verbannung und Arbeitslager ertragen und überlebt habe.

Jetzt steckt der 53-Jährige erstmals selbst in Haft. Um internationale Kritik wegen politischer Verfolgung abzuwehren, werden ihm offiziell "Wirtschaftsverbrechen" vorgeworfen. Es ist in China eine beliebte Anklage, um Kritiker hinter Gitter zu bringen. In der Kampagne gegen Ai Weiwei geht es um angebliche Steuerhinterziehung, Verbreitung von Pornografie und "Bigamie".

So wenig das Regime auf sein Volk hört, so wenig lässt es sich vom internationalen Proteststurm beeindrucken. Wie beim inhaftierten Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo und dessen unter Hausarrest stehender Frau Liu Xia wird die Forderung nach Freilassung als "Einmischung" zurückgewiesen. Die Festnahmen sind der vorläufige Höhepunkt einer der schlimmsten Verfolgungswellen in China seit der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung 1989. Mehr als 100 Bürgerrechtler, Anwälte und Aktivisten sind seit den ersten Rufen nach "Jasmin-Protesten" nach arabischem Vorbild festgenommen worden, verschwunden, unter Hausarrest gestellt oder bedroht worden. "Du kannst hier festgenommen werden, nur weil du eine Twitter-Botschaft schreibst", hatte Ai Weiwei noch vor kurzem in einem Interview gesagt.

In Deutschland und vielen anderen Ländern demonstrierten Bürger für die Freilassung von Ai Weiwei. Unser Bild zeigt eine Aktion in Hongkong. Foto: dapd

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Erstellt:
18. April 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
18. April 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 18. April 2011, 12:00 Uhr

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