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Ausstellung deutscher und israelischer Studierender zur Holocaust-Erinnerungskultur

Sind Selfies in KZ-Gedenkstätten okay?

Deutsche und israelische Studierende haben sich gemeinsam mit den Holocaust-Erinnerungskulturen in beiden Ländern beschäftigt. Am Freitag stellten sie ihre Ergebnisse vor.

31.07.2017

Von Fabian Renz

Darf man sich grinsend vor dem Schriftzug „Arbeit macht frei“ ablichten? Solche Fragen stellten sich Studierende aus Deutschland und Israel. Bild: Renz

Darf man vor dem Schriftzug „Arbeit macht frei“ in der KZ-Gedenkstätte Dachau ein Selfie machen? Kann man Souvenirs aus ehemaligen Konzentrationslagern bei Ebay verkaufen? Und was passiert eigentlich mit Deutschen, die gemeinsam mit Israelis die Gedenkstätte Yad Vashem besuchen?

Mit diesen und ähnlichen Fragen haben sich im letzten Jahr 18 Studierende der Universität Tübingen und der israelischen Ben-Gurion-Universität in einem gemeinsam Lehrforschungsprojekt beschäftigt. Die Ergebnisse stellten die Studierenden und ihre Professoren am Freitag im Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft (LUI) vor. Zur Eröffnung der Ausstellung, die den Titel „Performing Memory“ trägt, kamen rund 80 Besucher.

Wie gedenken Deutsche, wie Israelis?

„Die Erinnerung an den Holocaust beziehungsweise die Shoa ist für Deutsche und Israelis gleichermaßen ein fundamentales Thema“, sagte Thomas Thiemeyer, Professor am LUI und einer der Leiter des Projekts. „Wir wollten nicht über die jungen Leute von heute reden, sondern sie anregen, selbst zu erforschen: Was fällt uns auf an unserer Erinnerungskultur? Was verändert sich? Wie unterscheiden sich Deutsche und Israelis in ihrem Gedenken?“

Wie fruchtbar diese Kooperation war, machte die Ausstellungseröffnung deutlich. In einem kurzen, aber hochwertigen Video fassten die Studierenden die Erlebnisse einer gemeinsamen Woche in Israel im April zusammen. Eine israelische Studentin sagt darin, dass es eine „einzigartige Erfahrung“ sei, wenn deutsche und israelische Studierende gemeinsam Gedenkstätten besuchten. Und der israelische Anthropologe Jackie Feldman, der zweite Projektleiter, beschreibt, wie man dabei in neue Rolle schlüpfe, plötzlich „Botschafter seines Landes“ werde oder zum ersten Mal
wirklich die Sicht des anderen einnehme. Das Video zeigte auch, wie sich die Studierenden beider Länder zum Abschied lange
umarmten.

Bei der Arbeit entstanden Freundschaften

„Wir sind eng zusammengewachsen, richtige Freundschaften sind entstanden“, sagte die Tübinger Studentin Marlene Kirschbaum. Gerade die Besichtigung der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem sei sehr bewegend gewesen. „Während wir Deutschen den Holocaust sehr analytisch betrachten und uns vor allem fragen, wie es dazu kommen konnte, weckt Yad Vashem Mitgefühl mit den Opfern.“ Unter den israelischen Studierenden seien auch welche gewesen, deren eigene Familien betroffen waren. „Da blickt man nochmal ganz anders auf das Thema“, so Kirschbaum.

In sechs Sektionen hält die Ausstellung die Ergebnisse des Lehrforschungsprojekts fest. Unter der Rubrik „Creating Iconic Images“ stellen die Studierenden zwei typische ikonische Motive in ehemaligen Konzentrationslagern dar: die Gleisanlagen und die Tore mit der Aufschrift „Arbeit macht frei“. Das Besondere sei, dass diese Motive mittlerweile häufig in den sozialen Netzwerken auftauchten, vor allem in Form von Selfies, so Kirschbaum. „Solange man dabei Respekt vor dem Ort hat, finde ich Selfies vor Gleisanlagen auch in Ordnung.“

Wie soll man heute an die Shoa erinnern?

Der israelische Anthropologe Jackie Feldman hob die Bedeutung eines gemeinsamen Gedenkens von Deutschen und Israelis gerade in der heutigen Zeit hervor. Manche Deutsche sagten: „Wir haben genug! Warum können wir nicht stolz sein auf andere Teile der deutschen Geschichte?“ Und in Israel wittere man ständig einen „neuen Hitler“. Feldman fragte: „Wie kann die Erinnerung an den Holocaust wach gehalten werden in einer Zeit, in der er nicht mehr relevant zu sein scheint?“

Die Studierenden haben dazu nun einen wichtigen Beitrag geleistet. Gemeinsam besuchten sie auch Gedenkstätten in Baden-Württemberg: Grafeneck, Stuttgart und Biesingen. Am Beispiel Grafeneck lässt sich der Ausstellungs-Aspekt der Souvenirs verdeutlichen: Dort können Besucher eine Tonfigur mitnehmen. Die Ausstellung fragt nun: Ist das nur eine billige Form der Entschuldigung? Darf ich die Figuren bei Ebay verkaufen? Oder
gar entsorgen?

Antworten gibt die Ausstellung meist nicht, sie regt zum Nachdenken über das eigene Gedenken an. Besucher können sich im LUI noch bis zum 14. September selbst einen Eindruck machen.

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Erstellt:
31. Juli 2017, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
31. Juli 2017, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 31. Juli 2017, 01:00 Uhr

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