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Straßen im Kreis Tübingen

Simon-Hayum-Straße

Vor 70 Jahren, am 1. September 1941, wurde eine Polizeiverordnung erlassen, nach der Jüdinnen und Juden in Deutschland gezwungen wurden, einen gelben Davidstern an der Kleidung zu tragen. Diese Schikane blieb Hermine und Simon Hayum und ihren fünf Kindern erspart. Ihnen war noch in letzter Minute die Emigration in die USA gelungen.

01.09.2011

Andere Demütigungen hatten sie aushalten müssen. Unfassbar ist heute immer noch die Geschwindigkeit und die Konsequenz, mit der eine der angesehensten Familien Tübingens, Menschen, die jahrzehntelang als „Stütze der Gesellschaft“ respektiert und geachtet wurden, ausgegrenzt und isoliert wurde.

Umzug in die Uhlandstraße

Dr. Simon Hayum wurde 1867 in Hechingen geboren und ließ sich nach erfolgreich bestandenem juristischem Staatsexamen 1892 in Tübingen als Rechtsanwalt nieder. In seiner ersten Kanzlei im Haus an der Ecke Kirchgasse/ Kronenstraße rannten die Mandanten dem jungen Juristen zunächst nicht gerade die Türe ein.

Aber nachdem er als Mitglied der Museumsgesellschaft und des Bürgervereins gesellschaftliches, mit dem Eintritt in die Freisinnige Volkspartei politisches Engagement zeigte und sich in diversen Ehrenämtern profilierte, änderten sich die Verhältnisse. Schon 1905 konnte Hayum mit seiner Kanzlei in die Uhlandstraße 15 umziehen, die damals als erste Adresse für tüchtige und erfolgreiche Juristen galt (nebenan in die Uhlandstraße 13 zog in den 1920er-Jahren die Familie Haering; sie wohnte zuvor in der Hirschauerstraße, Vater Theodor war Theologe, der Sohn Theodor Philosoph).

Gegen Korruption gekämpft

Bis 1933 baute Hayum seine Kanzlei, die er in Sozietät mit seinem Neffen Julius Katz und seinem Sohn Heinz führte, zur größten der Stadt aus. In dieser Zeit hatte er das öffentliche Leben in Tübingen entscheidend mitgeprägt. Bereits 1908 wurde er Vorsitzender des Bürgerausschusses für kommunale Haushaltsfragen, 1919 wurde er in den Gemeinderat gewählt.

Im Finanz- und Rechtsausschuss oblag ihm die wichtige Aufgabe, die Gemeindefinanzen des steuerschwachen Tübingen einigermaßen sicher durch die Klippen der Inflation zu steuern. Er kämpfte gegen Korruption und für soziale Gerechtigkeit und setzte auch in den krisengeschüttelten 1920er-Jahren zusammen mit seinem DDP-Parteikollegen, dem Oberbürgermeister Adolf Scheef, sein Vertrauen in eine demokratische und bürgerliche Sachpolitik.

Darüber hinaus saß Hayum im Vorstand des Oberschulrates, engagierte sich in der Selbstverwaltung der jüdischen Gemeinde und bekleidete ein Amt im Präsidium der Israelischen Landesversammlung.

SA bedrohte Mandanten

Den Machtwechsel im Januar 1933 nahm Simon Hayum mit großer Sorge zur Kenntnis. Aber das, was folgen sollte, überstieg in diesem Moment noch seine Vorstellungskraft. Bereits am 1. April standen zwei SA-Leute mit aufgepflanzten Bajonetten vor dem Eingang zur Kanzlei und bedrohten Hayums Mandanten. Es folgten jede Menge beruflicher Schikanen.

Schließlich verlor Hayum seine Zulassung, und am 1. September 1933 schraubte er resigniert das Firmenschild vom Hauseingang der Uhlandstraße 15 ab. Seinen Sitz im Tübinger Gemeinderat hatte er bereits im März zurückgegeben.

Tübinger wandten sich ab

Noch schlimmer, demütigender und bitterer als die berufliche und damit auch finanzielle Situation ist die gesellschaftliche Ausgrenzung. Langjährige Freunde, politische Weggefährten, Geschäftsleute, die sich von der Kanzlei Hayum jahrzehntelang bestens vertreten wussten, wendeten sich von der Familie ab und grüßten sie nicht einmal mehr auf der Straße.

Das ganze, dicht gewebte Netz aus Nachbarn, Freunden, Bekannten und Kollegen, das in über 40 Tübinger Jahren entstanden war, brach in wenigen Monaten auseinander. Besuche in der Synagoge und bei anderen jüdischen Familien waren das Einzige, was ihnen noch blieb.

Vor Verhaftung gewarnt?

Die Emigration schoben die Hayums jedoch immer wieder auf. Erst im Januar 1939 verließen Simon und Hermine Hayum Tübingen. Angeblich soll sie der ehemalige Parteifreund Adolf Scheef, der sich nach 1933 den Nationalsozialisten aufgeschlossen zeigte, um Oberbürgermeister bleiben zu können, telefonisch vor der bevorstehenden Verhaftung durch die Gestapo gewarnt haben.

Simon Hayum ist 1948 im amerikanischen Exil gestorben. 2009 beschloss der Tübinger Gemeinderat, einen Teil der Hundskapfklinge auf dem Österberg in Simon-Hayum-Straße umzubenennen. Und der erste Samstag im September ist seit 1999 der europäische Tag der jüdischen Kultur.

Andrea Bachmann

Rechtsanwalt Simon Hayum. Bild: Archiv

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Erstellt:
1. September 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
1. September 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 1. September 2011, 12:00 Uhr

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