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Extremismus

Signale erkennen, bevor es zu spät ist

Immer wieder radikalisieren sich Jugendliche zu Dschihadisten. Das Land bildet nun Schulpsychologen fort, um in solchen Fällen eingreifen zu können.

06.02.2018

Von AXEL HABERMEHL

IS-Flagge auf dem Bildschirm: Die Radikalisierung von Jugendlichen geschieht oft schleichend und unbemerkt. Foto: Imago Stock&People

Stuttgart. Fälle wie der von Sarah O. sind ein Horror für alle Beteiligten. Die damals 15-jährige Gymnasiastin aus Konstanz war eines Tages verschwunden. Ihre Eltern: verzweifelt, die Lehrer: schockiert, Freunde: erschüttert. Sarah, eine Zehntklässlerin, war im Herbst 2013 heimlich nach Syrien gereist, in den Dschihad.

Vorangegangen war, weiß man heute, ein Radikalisierungsprozess wie aus dem Lehrbuch. Die gebürtige Deutsche mit algerischen Wurzeln hatte sich Stück für Stück verändert. Sie kleidete sich schwarz, gab Männern nicht mehr die Hand, verweigerte die Teilnahme am Schwimmunterricht und wollte in der Schule Schleier tragen. Ihrer Umgebung fiel die zunehmend radikale Religiosiät auf, doch ein hartes Einschreiten blieb aus. 2013 waren solche Fälle noch neu.

Fünf Jahre später sind fast 1000 „Personen mit Deutschlandbezug“ in die Kriegsgebiete in Syrien und Irak aufgebrochen, darunter mindestens 50 aus Baden-Württemberg. Der überwiegende Teil war jünger als 30 Jahre, viele gingen noch zur Schule.

Radikal oder nur pubertär?

Damit Lehrer solche Entwicklungen bei Jugendlichen besser erkennen und Gegenmaßnahmen ergreifen können, bildet das Land nun Schulpsychologen fort. Im Dezember fand das erste Seminar statt, organisiert vom Kultusministerium und dem „Kompetenzzentrum zur Koordinierung des Präventionsnetzwerks gegen Extremismus“ (KPEBW) am Innenministerium. Drei Tage lang klärten zwei KPEBW-Referenten 55 Schulpsychologen aus allen vier Regierungsbezirken über salafistischen Extremismus auf. In einem geplanten zweiten Modul sollen Links- und Rechtsextremismus behandelt werden, 2019 das Ganze mit neuen Teilnehmern wieder stattfinden. Auch das LKA hat bereits Kurse zu diesem Thema für Lehrer gegeben.

„Bei vielen Lehrern gibt es in diesem Zusammenhang eine große Unsicherheit. Sie wissen oft nicht: Was ist normales Verhalten, vielleicht einfach Pubertät, und was ist Radikalisierung“, sagt KPEBW-Referentin Asiye Sari-Turan, die das Seminar gehalten hat. Schwerpunkte waren die Gefährdungslage, Psychologie der Radikalisierung sowie dschihadistische Symbole und Codes. Beispiele für Symbole, die Jugendliche etwa im Internet posten, seien die IS-Flagge, Bilder von Löwen, schwarzen Reitern oder einem grünen Vogel als Symbol für Märtyrertum. Sari-Turan erinnert sich: „Bei der Schulung haben Teilnehmer gesagt: Jetzt, wo Sie die Codes und Symbole erklärt haben, erinnere ich mich, das schon gesehen zu haben.“

Daniel Köhler, ebenfalls KPEBW-Referent und Experte für Radikalisierung und Extremismus, erklärt, warum gerade Schulpsychologen geschult wurden. Ihnen komme eine Scharnierfunktion zu, „eine zentrale Vermittlerrolle zwischen kommunaler Verwaltung, Polizei, Beratungs- und Ausstiegsprogrammen“. Zudem hätten sie „hilfreiche Kenntnisse und Erfahrung, beispielsweise mit Amoktätern und im Umgang mit Sicherheitsbehörden“. Gerhard Mahler, Leiter der Schulpsychologischen Beratungsstellen in Ulm und Biberach, bestätigt das. „Lehrer suchen bei uns Unterstützung für eine Einschätzung oder Beratung.“

Besonders Lehrer in Flüchtlingsklassen hätten Bedarf. „Bei denen ploppt das Thema Radikalisierung immer mal auf.“ Ihm habe das Seminar genutzt, auch wenn er islamistische Radikalisierung „zwar für ein Thema, aber kein sehr großes“ hält. Aktuell stehe es eben im Fokus von Politik und Medien. In seinem Bereich kämen vielleicht zwei oder drei Fälle pro Schuljahr vor. „Aber sicher kommt nicht alles bei uns an.“

Die Ausreisen nach Syrien haben inzwischen deutlich abgenommen. Die Reiserouten sind besser blockiert, das IS-Kalifat zerfällt. Doch die Propaganda gehe weiter, sagt Köhler. Jugendliche würden nun eben für andere Ziele oder Aufgaben rekrutiert. „Die pop-dschihadistische Jugendkultur spricht die Zielgruppe stark an.“

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Erstellt:
6. Februar 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
6. Februar 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 6. Februar 2018, 06:00 Uhr

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