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Siesta auf dem Rückzug
Zwar wird es um die Mittagszeit in Spaniens Gassen für gewöhnlich ruhiger. Die ausgedehnte Siesta gibt es aber allenfalls noch in Urlaubsorten. Foto: Imago
Das mittägliche Dreistundenloch in Spanien ist längst Vergangenheit

Siesta auf dem Rückzug

Die gerne auf drei Stunden ausgedehnte Mittagspause in Spanien war einmal. Nicht einmal jedem Fünften bleibt noch Zeit für ein Mittagsschläfchen.

29.08.2016
  • MARTIN DAHMS

Madrid. Wenn Spanier einen Wunsch frei hätten, dann vielleicht diesen: Bitte keine Mittagspause mehr! Oder nur eine ganz kurze! Ausländer schließen sich diesem Wunsch an. Isabelle zum Beispiel, eine Französin, die seit langem in Madrid lebt, fand vor einigen Jahren eine Stelle in einem Verlagshaus und musste sich an einen Arbeitstag gewöhnen, der mutwillig um 14 Uhr für drei Stunden unterbrochen wurde. Da der Verlag seinen Sitz in einem Industriegebiet am Rande der Stadt hatte, Isabelle aber im Zentrum lebte, waren die drei Stunden zu kurz, um eine entspannte Siesta zu Hause zu genießen. Weil es keine Betriebskantine gab, blieb ihr nichts anderes übrig, als sich auf die Suche nach einem Restaurant zu machen und dort die drei Stunden totzuschlagen. Nach einem Jahr kündigte sie.

Fiesta und Siesta, das zeichnet doch die Spanier aus, denkt man im Ausland, aber die Spanier selbst sind sich da nicht so sicher. Sie verstehen es zu feiern, das lassen sie sich gerne nachsagen, wer in Madrid am Wochenende nach Mitternacht in den Straßen der Innenstadt unterwegs ist, meint, dass da gerade ein Volksfest im Gange sei. Aber tagsüber wird gearbeitet, und wer es genau wissen will, schaue sich die eine oder andere Studie an, die alle darauf hindeuten, dass die Siesta auf dem Rückzug ist. Nach einer dieser Studien aus dem Jahr 2009 legen sich noch 16 Prozent der Spanier mittags zu einem kleinen Schläfchen hin. Zehn Jahre zuvor waren es noch mehr als 23 Prozent.

In Madrid herrscht zurzeit große Hitze, weswegen die ganze 3,2-Millionen-Stadt im Moment ein bisschen schläfrig geworden ist. Aber anders als auf den Dörfern ist die Mittagszeit in der Hauptstadt keine Auszeit, auf den Straßen pulsiert das Leben wie zu jeder anderen Stunde. Die Kneipen und Restaurants füllen sich, draußen wie drinnen, weil die Leute ja was essen müssen und der Weg nach Hause zu weit ist.

Früher war das aushäusige Mittagessen ein langwieriges Männer-Ritual, das mit einem hochprozentigen Chupito und einer Zigarre beendet wurde. Aber heute darf man in den Restaurants nicht mehr rauchen, Zigarren sind ziemlich aus der Mode gekommen, und die Frauen gehen genauso zur Arbeit wie die Männer. Letzteres ist wahrscheinlich einer der Gründe dafür, dass die alten Riten verschwinden, nicht nur Zigarre und Chupito, sondern langsam auch die Siesta.

Den Spaniern ist schon vor Jahren klar geworden, dass ihre unmöglichen Arbeitszeiten mit dem Dreistundenloch am Mittag ein normales Familienleben unmöglich machen, weil die Verdiener des Hauses erst spätabends von der Arbeit heimkehren. Die Betriebe beginnen sich umzustellen. Nach einer Umfrage von 2011 erlitten noch 40 Prozent der Beschäftigten den geteilten Arbeitstag mit ungewollter Siesta, die Tendenz ist aber abnehmend. Auf Initiative der sozialistischen Zapatero-Regierung ist Spaniens Beamten seit zehn Jahren die kurze Mittagspause und damit der frühere Aufbruch nach Hause gegönnt. Der jetzige Ministerpräsident Mariano Rajoy hat vor ein paar Monaten wieder einmal gedrängt, dass die Privat-Unternehmen dem Beispiel des Staates folgen und ihre Beschäftigten um 18 Uhr nach Hause schicken.

Das alte Argument, dass es mittags zum Arbeiten zu heiß sei, zählt nicht mehr. Es gibt schließlich Klima-Anlagen oder auch schon das eine oder andere gut gegen Hitze isolierte Bürogebäude. Spanien wird europäischer. Was nicht heißt, dass die Madrider sich jetzt wie Nordeuropäer alle in ihre Häuser verziehen. Sie sind gerne weiter auf der Straße unterwegs. Morgens, mittags und abends.

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29.08.2016, 06:00 Uhr
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