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Türkei

Sieg am Bosporus

Ekrem Imamoglu hat die Bürgermeisterwahl in Istanbul klar gewonnen. Bewährt er sich, könnte er in der nächsten Präsidentenwahl gegen Erdogan antreten. Der Opposition gibt das Auftrieb.

25.06.2019

Von GERD HÖHLER

Die Faust in Siegerpose: Ekrem Imamoglu feiert vor Anhängern seinen Sieg. Foto: Onur Gunay/Imamoglu Media team/dpa

Vor ein paar Monaten kannten nur wenige Türken den Namen Ekrem Imamoglu – jedenfalls außerhalb des Istanbuler Viertels Beylikdüzü, wo er fünf Jahre lang Bezirksbürgermeister war. Jetzt ist der Name des 49-Jährigen in aller Munde, zwischen Edirne im Westen und Van im Osten der Türkei. Seit er am Sonntag im zweiten Durchgang die Kommunalwahl in Istanbul gewoannen hat, ist Imamoglu nicht nur der designierte Bürgermeister der größten Stadt der Türkei. Er wird auch als möglicher Herausforderer des Staatschefs Recep Tayyip Erdogan bei einer künftigen Präsidentenwahl gehandelt – und damit zum Hoffnungsträger einer bis vor kurzem noch verzagten Opposition.

Erdogan war es, der die Wiederholung der Wahl in Istanbul durchsetzte, nachdem Imamoglu im ersten Anlauf nur mit rund 13 000 Stimmen Vorsprung gewonnen hatte. Der Staatschef wollte „seine“ Stadt, wo er 1994 mit der Wahl zum Bürgermeister seine politische Karriere begann, unbedingt zurückerobern. Aber die Rechnung ging nicht auf. Im zweiten Durchgang behauptete sich Imamoglu sogar mit 777 000 Stimmen Vorsprung. Erdogan hat hoch gepokert – und verloren.

Auf seine Weise Paroli bieten

Bisher galt Erdogan als unbesiegbar. 13 Wahlen und Volksabstimmungen hat er in den zurückliegenden 16 Jahren gewonnen. Aber in Imamoglu hat er einen Widersacher gefunden, der ihm Paroli bieten kann – und zwar auf seine Weise. Während Erdogan polterte und polarisierte, führte Imamoglu einen positiven Wahlkampf. Statt, wie Erdogan, seine politischen Gegner ständig zu attackieren und zu dämonisieren, verzichtete Imamoglu auf Angriffe. Er ging auf die Menschen zu. Während Erdogan sich mit seinen pharaonischen Mega-Projekten brüstete, sprach Imamoglu über Kindergartenplätze, Grünanlagen und verkehrsberuhigte Zonen.

Der Betriebswirt und dreifacher Familienvater Imamoglu führte das familieneigene Bauunternehmen, bevor er vor neun Jahren in die Lokalpolitik ging. Dass er kein Berufspolitiker ist, dürfte Imamoglu ebenso geholfen haben wie der Umstand, dass er als gläubiger Muslim auch religiös orientierte Wähler anspricht. Der „Sohn des Imam“, so die Bedeutung seines Nachnamens, besuchte im Wahlkampf häufig Moscheen – eher ungewöhnlich für den Kandidaten der säkularen Oppositionspartei CHP, der Imamoglu angehört. Von seiner Familie heißt es, sie stehe der nationalistischen MHP nahe. Das macht Imamoglu auch für rechtskonservative Türken wählbar.

25 Jahre lang regierten Erdogans AKP und ihre islamistischen Vorgängerparteien die Bosporusmetropole. Sie knüpften dort im Laufe der Jahrzehnte ein enges Netz von Seilschaften, schanzten Günstlingen Posten zu und bedachten befreundete Unternehmer mit lukrativen Aufträgen. Imamoglu verspricht eine „saubere Stadtverwaltung“. Aber offen ist, wie sich Imamoglu in diesem AKP-Dschungel behaupten wird.

Er muss jetzt liefern. Keine türkische Großstadt hat so viele Probleme wie Istanbul. Die Wähler werden ihn daran messen, wie er sie löst. Wenn er das schafft, könnte die Bosporusmetropole auch für Imamoglu, wie vor 25 Jahren für Erdogan, zum Sprungbrett werden. Die nächste Präsidentenwahl ist regulär im Jahr 2023. Auf die Frage, ob er dann gegen Erdogan antritt, antwortet der gläubige Imamoglu: „Das weiß nur Allah!“

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Erstellt:
25. Juni 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
25. Juni 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 25. Juni 2019, 06:00 Uhr

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