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Künstlerin

Sie zaubert mit Jalousien

Um Haegue Yang reißen sich die Ausstellungsmacher auf fünf Kontinenten. Das Museum Ludwig in Köln zeigt, warum das so ist. V

19.04.2018

Von BURKHARD MEIER-GROLMANN

Haegue Yang, unser Foto zeigt sie vor ihrem Werk „Mountains of Encounter“ im Museum Ludwig in Köln, holt ihr Material im Baumarkt und macht daraus Kunst, die mit dem Wolfgang-Hahn-Preis ausgezeichnet wurde. Foto: Marius Becker/dpa

Köln. Ja, so ist es, die 1971 geborene Koreanerin Haegue Yang geht in den nächstgelegenen Baumarkt und füllt ihren Einkaufswagen haufenweise mit Glühbirnen, Jalousien, Schornsteinventilatoren, Metallketten, Flutlichtstrahlern, Kleiderständern und Wäschetrocknern. Anderer Krimskrams kommt hinzu, Narrenglöckchen, Perücken, Pfauenfedern, Strickwolle, Strohgeflecht, marokkanische Halsketten und koreanische Brautkronen.

Im Handumdrehen entstehen aus diesen ansonsten nur heimwerkertauglichen Utensilien so ungewöhnliche, bezaubernde und museumswürdige Kunstobjekte und Kunstinstallationen, dass die Jury nach einer gar nicht mal kontrovers geführten Diskussion felsenfest davon überzeugt war, dass Haegue Yang der immerhin mit 100?000 Euro dotierte diesjährige Wolfgang-Hahn-Preis überreicht werden müsse – natürlich in Verbindung mit dem Ankauf einer größeren Arbeit und einer alle Schaffensphasen umfassenden Einzelausstellung im Kölner Museum Ludwig.

Gesagt, getan. Doch wo zieht man die Grenze zwischen der mit genügend güldenen Gütesiegeln und möglichst abgehobenen und kompliziert formulierten Expertisen versehenen Hochkunst und der immer mit dem Geruch des Dilettantismus verknüpften gefälligen und marktschreierisch bunten Volkskunst?

Haegue Yang zielt – ähnlich wie Isa Genzken – mit ihren immer total spielerisch angelegten und gleichzeitig frech und gewagt wirkenden Collagen von Glitzerzeug, Flitter, Tand und den meist als Tragegerüst dienenden technischen Gerätschaften wie beispielsweise mit Lenkrollen versehenen Kleiderständern genau auf diesen Punkt: Kitsch und Kunst liegen sich plötzlich in den Armen und wollen nicht mehr voneinander lassen: Die Alltagskultur gibt sich ästhetisch die Sporen und erobert mühelos und zur Freude aller Besucher die Museen.

Da darf man sich nicht wundern, wenn Haegue Yang inzwischen weltweit auf allen fünf Kontinenten von Mexiko bis Australien operiert und wenn die documenta-Macher und Biennale-Verantwortlichen ständig vor ihrer Tür herumlungern. Besonders verzückt reagieren Kunstkenner wie Kuratoren auf die Kunststücke, die Haegue Yang mit den Jalousien vollführt.

Die Koreanerin, die eine Professur an der Frankfurter Städelschule bekleidet, aber ihre Kunstideen lieber in ihren Ateliers in Berlin und in Seoul ausbrütet, bringt es tatsächlich fertig, den Betrachter mit den schrecklich billigen lichthemmenden Kunststoff-Lamellen derart zu verzaubern, dass er berauscht diesem von Suchscheinwerfern illuminierten Jalousien-Ballett folgt.

Natürlich gab es keine andere Lösung, als die Hauptattraktion im Museum Ludwig, Haegue Yangs Großinstallation „Mountains of Encounter“ von 2008 für das Haus anzukaufen. Keine Frage, dass bei dieser Arbeit vor allem Aluminiumjalousien zum Zuge kommen.

Für ihre Schau hat sich Haegue Yang eine besondere Morgengabe einfallen lassen: Für die Kölner Version ihrer Arbeit „VIP's Union“ von 2001 hat sie Prominente gebeten, ihre Lieblingsstühle ins Museum zu bringen. Der Aufruf hatte Durchschlagskraft, Oberbürgermeisterin Henriette Reker hat geliefert, Fernsehtalkerin Bettina Böttinger, Bap-Prinzipal Wolfgang Niedecken, TV-Oldie Alfred Biolek, Entertainerin Hella von Sinnen. Und der Fußball-Liebling Lukas Podolski hatte sogar einen Barhocker übrig.

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Erstellt:
19. April 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
19. April 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 19. April 2018, 06:00 Uhr

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