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Soziales

Sie machen die Stadt etwas wärmer

Einmal im Monat stricken und häkeln Freiwillige im Stadtteil Fasanenhof Socken, Schals und Mützen für Obdachlose. Der jüngste „Wooligan“ ist die neunjährige Olivia.

25.01.2020

Von CAROLINE HOLOWIECKI

Olivia kommt mit ihrer Mutter Denise Nürnberg regelmäßig zu dem Strick-Treff. Foto: Caroline Holowiecki

Stuttgart. Die Augen können nicht erfassen, was Raffaela Pax‘ Hände da zaubern. In rasender Geschwindigkeit lässt sie die vier Stricknadeln klappern, die im Wollschlauch stecken. Masche um Masche wächst die Socke, doch so kompliziert das Ganze aussieht, die 40-Jährige schaut nicht mal hin. Stricken im Blindflug. „Ich bin Waldorfschülerin“, sagt Raffaela Pax erst, ohne eine Miene zu verziehen, dann lacht sie herzhaft, und andere Frauen am Tisch stimmen ein.

Die Stimmung ist bestens bei den „Wooligans“. Einmal im Monat treffen sich Handarbeitsfans jeden Alters im Nachbarschaftscafé im Stuttgarter Ortsteil Fasanenhof zum kollektiven Stricken und Häkeln. Bei Kaffee und Keksen fertigen sie Strümpfe, Schals, Handschuhe, Stulpen und Mützen an. Die landen jedoch nicht in den eigenen Schränken, sondern sind für Obdachlose bestimmt. Hier entstehen Kleidungsstücke für den guten Zweck – und nebenbei noch nette Gespräche und Freundschaften.

Ein TV-Bericht gab den Anstoß

Ingrid Fink aus Möhringen hat die „Wooligans“ in ihrem Heimatbezirk ins Leben gerufen, nachdem sie einen TV-Bericht über das Hamburger Pendant gesehen hatte. „Ich fand die Idee so großartig und dachte mir, das brauchen wir auch.“ Seit April 2019 trifft sich die offene Gruppe, und bis Dezember haben es die Mitglieder inklusive fertiger Waren, die passionierte Stricklieseln gespendet haben, auf 736 Einzelteile geschafft, die sie an Bedürftige weitergeben konnten.

Längst sind die „Wooligans“ derart produktiv, dass Ingrid Fink nach jedem Treffen Sachen weiterreichen kann. Abnehmer gibt es. Zum einen kooperieren die schwäbischen „Wooligans“ mit der Caritas und geben ihre Kreationen an eine Tagesstätte für Obdachlose, auch der Kältebus des DRK, der in Frostnächten Schlafplätze im Freien abklappert und die Menschen versorgt, wird mit Warmem bestückt. Die Tafel profitiert ebenfalls.

Wer nicht stricken kann, lernt es hier. „Wir haben genug Expertinnen da“, sagt Ingrid Fink. Garn liegt kistenweise bereit, Nadeln kann man sich ausleihen. Die Wollmaus unter den „Wooligans“ ist die neunjährige Olivia. Konzentriert arbeitet sie an einem Schal in Pink und Lila. Das habe ihr die Mama beigebracht, sagt sie strahlend. Denise Nürnberg sitzt ihrer Tochter gegenüber. Das Mutter-Kind-Duo kommt regelmäßig zum Benefiz-Stricken. „Ich habe sie vorher mal gefragt, ob sie weiß, was ein Obdachloser ist. Dann habe ich es ihr erklärt“, sagt die Frau aus Möhringen.

Sie findet es wichtig, dass Kinder lernen, dass es Menschen gibt, die nicht so viel haben. Der Gedanke an jene, die auf der Straße leben, treibt alle „Wooligans“ an und um. Sie machen die Stadt etwas wärmer.

Die Sonne geht allmählich unter. Heike Fink, eine Verwandte der „Wooligans“-Stuttgart-Initiatorin, ist Arzthelferin und hat schon Obdachlose behandelt. „Meine Kinder sind mit Socken gut versorgt“, sagt sie, so könne sie ihr Hobby sinnvoll einbringen. Auch die super flinke Raffaela Pax, die von ihren Mitstreiterinnen „wandelndes Stick-Lexikon“ genannt wird, engagiert sich schon lang für Wohnsitzlose und strickt seit geraumer Zeit ehrenamtlich für die Tafel, wie sie sagt. Übung macht die Meisterin. Für einen 1,70 Meter langen Schal brauche sie nur einen Tag, sagt sie und lässt wieder die Nadeln klappern. Ganz ohne hinzuschauen.

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Erstellt:
25. Januar 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
25. Januar 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 25. Januar 2020, 06:00 Uhr

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