Überleben war unwahrscheinlich

Shalom Stamberg berichtete von seiner Zeit im KZ Bisingen

1187 Menschen kamen von August 1944 bis April 1945 in Bisingen im Konzentrationslager „Unternehmen Wüste“ und in der Ölschieferabbaustätte im Kuhloch um. Der 85-jährige Shalom Stamberg hat das Bisinger Lager überlebt. Am Freitagabend erzählte er anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Vereins „Gedenkstätten KZ Bisingen“ aus seinem Leben.

02.12.2013

Von Amancay Kappeller

Bisingen. Dass Shalom Stamberg den Holocaust überlebt hat, grenzt nicht nur an ein Wunder: Es ist wohl wirklich eines. In mindestens sieben Nazi-Lagern war der heute 85-jährige gebürtige Pole, darunter Auschwitz, Buchenwald, Dachau. Bisingen, das hat er bei einem seiner früheren Besuche gesagt, war „das schlimmste Lager von allen. Es gab überhaupt keine Organisation. Wir mussten schuften bis zum Umfallen, und viele waren danach auch tot“. Zum vierten Mal reiste Stamberg heuer als Zeitzeuge von Israel nach Bisingen; 2003 war er mit seiner Frau Selda das erste Mal zu Besuch. Am Freitagabend blickte der 85-Jährige im Bisinger Heimatmuseum zurück auf die Zeit, in der er in Deutschland als Jude verfolgt wurde. Viele kamen, um sich die bewegenden Worte von Stamberg anzuhören.

„Kann es sein, dass ich hier sitze, obwohl ich durch so eine Hölle gegangen bin? Es kann doch nicht sein, dass ein Mensch sowas überlebt“, wunderte sich Stamberg wiederholt im Interview mit Uta Hentsch, Erste Vorsitzende des Vereins Gedenkstätten KZ Bisingen. Wie er habe durchhalten können, fragte Hentsch. Der 85-Jährige erzählte von seinem Antrieb: „Im Herzen drin habe ich einen kleinen Dynamo, der hat mir Luft und Kraft gegeben.“ Außerdem habe er immer die Sehnsucht gehabt, nach dem Krieg jemanden aus seiner Familie wiederzufinden. Einen Bruder und drei Schwestern hatte Stamberg, viele Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen: Außer ihm überlebte niemand die Verbrechen der Nazis.

Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs lebte Shalom Stamberg in Warschau. „Wie hat die Familie den Einfall der Deutschen in Polen am 1. September 1939 erlebt?“, fragte Hentsch. Furchtbare Erinnerungen habe er an die Zeit, an das Warschauer Ghetto, antwortete der 85-Jährige: „Überall tote Menschen, nichts zu essen und trinken, alles war abgeriegelt.“ Stambergs Vater war Hausmeister in der berühmten „Mila-Straße 18“, dem Hauptquartier der Jüdischen Kampforganisation (ZOB). 13 Jahre alt war Stamberg damals. Dem Jungen gelang die Flucht aus dem Ghetto, „über die Mauer“. In Plonsk, nordwestlich von Warschau, lebte eine Tante, bis dahin schlug er sich durch. Der Vater hatte eine kleine Eletrowerkstatt, und auch Shalom fühlte sich als „geborener Elektriker“. Er verdiente sich mit seinen Fertigkeiten ein bisschen Geld, sparte es und kaufte schließlich seine Mutter und seinen Bruder aus dem Ghetto frei. Im Dezember 1940 wurden die drei nach Auschwitz abtransportiert. „Das war die Hölle an der Rampe, überall Reflektoren, Hunde, Geschrei, Menschen in einer Reihe.“ Seine Mutter und seinen Bruder hielt er an der Hand, als „selektiert“ wurde. Die Familie wurde „nach rechts“ geschickt, in die Gaskammer; er nach links, zu den Arbeitern. Er habe zurücklaufen wollen, sei aber daran gehindert worden. „Ich höre bis heute, wie mich meine Mutter ruft“, sagt Stamberg. In den Buna-Werken der IG Farben musste der 85-Jährige schuften. Ende Januar 1945 wurde Stamberg zusammen mit drei anderen Elektrikern auf einem Lastwagen nach Bisingen gebracht. „Die ganze Elektrik“ habe er da gemacht, Masten aufgestellt, erinnert sich Stamberg. Und daran, dass es „sehr, sehr schlimm hier“ war: „Menschen wurden erschossen, verhungerten.“ Der 85-Jährige ist überzeugt davon, dass auch heute noch irgendwo Massengräber existieren: „Es gibt hier in der Erde noch Menschen, die damals umgebracht wurden.“

Von Bisingen ging es für Stamberg im April 1945 weiter nach Dachau. Im Mai erlebte er die Befreiuung durch amerikanische Truppen mit. Im DP-Lager Feldafing bei Starnberg heiratete er 1949 seine erste Frau, später emigrierte er mit ihr nach Israel; sie starb an Krebs. Mit seiner zweiten Frau Selda ist Stamberg seit 30 Jahren zusammen. Seinen Kindern gegenüber hat der Rentner lange geschwiegen, was seine Vergangenheit anbelangt – wie so viele andere auch. „Wie erzähl ich?s meinen Kindern?“ lautete der Titel einer Veranstaltung im Mai 2007 im Bisinger Heimatmuseum mit Stamberg und seinen beiden Töchtern Esther und Haya.

Extra aus der Schweiz angereist war Schwester Silvia Pauli, Enkelin von Johannes Pauli, der im KZ Bisingen SS-Hauptscharführer und Lagerführer war. Sichtlich bewegt lauschte Pauli Stambergs Ausführungen. Bürgermeister Joachim Krüger zeigte sich beeindruckt von der Begegnung mit Stamberg und Pauli. Man könne sehen, wie traumatisiert die Familien von Opfern und Tätern auch heute noch seien. Niemand aus den Nachkriegs-Generationen sei schuld an dem, was geschehen sei, betonte Stamberg. Zugleich äußerte er eine Bitte: „Nicht vergessen und verleugnen, sondern Verantwortung für die Geschichte tragen“.

Einen Bruder und drei Schwestern hatte Stamberg, viele Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen: Außer ihm überlebte niemand die Verbrechen der Nazis. Bild: Kappeller

Gegründet wurde der Verein am 28. November 2003. Den endgültigen Anstoß zur Vereinsgründung gab der Besuch von Shalom Stamberg, Überlebender des KZ Bisingen, im September 2003. Heute gilt Stamberg als der einzige noch lebende Überlebende des Lagers. Der Verein „Gedenkstätten KZ Bisingen“ hat sich zum Ziel gesetzt, die Erinnerung an die menschenverachtenden Geschehnisse im Zusammenhang mit dem Bisinger Lager wach zu halten. Er widmet sich vor allem dem Erhalt und der Weiterentwicklung des Heimatmuseums und des Geschichtslehrpfads zum ehemaligen KZ Bisingen. Der Verein hat rund 50 Mitglieder. Die Mössinger Stadtarchivarin Franziska Blum arbeitet seit Sommer 2012 als Kuratorin für das Heimatmuseum in Bisingen.

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Erstellt:
2. Dezember 2013, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
2. Dezember 2013, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 2. Dezember 2013, 12:00 Uhr

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