Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Faszinierendes Säuferinnen-Drama: „Paradies“ am LTT

Sex, ex und hopp

Tübingen. Dies Paradies ist droben unterm Dach, und es ist die Hölle. Zumindest für Hannah, eine erprobte Kampftrinkerin und Komasäuferin. Dass L.

29.09.2009

Von Wilhelm Triebold

A. Kennedys Romanfigur ihre unsentimentale, lange Tagesreise in die alkoholumnebelte Nacht auf dem eher abseitigen Nebenspielörtchen des „LTT-oben“ unternimmt, in das höchstens 30 Zuschauer passen, hat weniger mit Geringschätzung zu tun. Sondern wohl eher einen anderen Grund: So bleibt das Publikum immer dicht dabei, kann sich den inneren und äußeren Verwüstungen eines verpfuschten Säufer(innen)lebens kaum entziehen.

Ein packendes, intensives Kammerspiel. Extrem, exhibitionistisch, exzessiv: Der scham- und hemmungslose Ritt auf der Rasierklinge; zwischen Beziehungsparcours und Entziehungskur. Und in der heiklen Rolle der Trinkerin, die todesverachtend auch Unmengen an Textmassen herunterspülen muss, um sich daraufhin wieder zu erleichtern, eine diesmal wahrlich grandiose Schauspielerin: So gut hat man Katja Gaudard am Landestheater selten gesehen.

Die schottische Autorin Alison Louise Kennedy schont in ihrem vor fünf Jahren entstandenen „Paradies“ nichts und niemanden: Hannah, bei der sich die Aussetzer und Ausraster mit zunehmendem Verfall (auch der Sitten) bedenklich häufen, ist eine tragische, darin aber eingebettet auch verzweifelt komische Figur. Wie sie sich ans entglittene, entgleiste Leben und dessen Rest-Lust klammert, wie sie sich vergiftet und abdriftet, das bekommt, eigentlich traurig genug, mitunter eine lustige Note.

Paarlauf auf Erbrochenem

Das einzige, was hier noch trocken bleibt, ist der – an A.L. Kennedys eigenen Stand-up-Comedy-Versuchen geschulte – Humor. Wie Katja Gaudard nicht nur ihn in eine herb-eckige, knochige Körpersprache umsetzt, ist beeindruckend – bis ins masken- oder fratzenhaft verzerrte Gesicht; ein Mi(e)nenspielfeld, das neben der entstellenden Frohsinnsgrimasse aber auch Regungen tiefster Traurigkeit und Vereinsamung preisgibt.

Hannah, die bereits eine beachtliche Trinkerkarriere durchlaufen hat und sich im Endstadium an einem kaum minder versoffenen, dafür verheirateten Zahnarzt namens Robert festkrallt, verkommt zur hochnotpeinlichen Gestalt. Und behält, wie Katja Gaudard sie spielt, einen entscheidenden Bodensatz an Würde, den auch alle Filmrisse und Paarläufe auf Erbrochenem, all die Peinlichkeiten und Exzesse nicht zerstören. Erschreckend klar und hellsichtig bleibt sie, stocknüchtern noch im Sturzbetrunkensein. Gaudard kennzeichnet diese sich um Kopf und Kragen in den Abgrund saufende Frau ganz ohne die üblichen darstellerischen Spiel- und Stilmittel, die einen Trinker sonst halt effektvoll torkeln und auch glasigen Blickes lallen lassen. Und die Inszenierung verzichtet auf solche Mätzchen, um lieber hinter der Sucht den Sehnsüchten der Protagonisten nachzuspüren.

Gastregisseurin Jenke Nordalm hat andernorts gehörig Erfahrung gesammelt, wie sich Prosatexte in Theater umwandeln lassen; zeigte am Zürcher Schauspielhaus keinerlei Angst vor Virginia Woolf und ließ in den Berliner Sophiensälen sogar Rhett und Scarlett „Wie vom Winde verweht“ schmachten.

Ein Erzähltext wird Theater

Zur Zeit hat es mächtig Konjunktur, alle möglichen und unmöglichen Nicht-Theatertexte für die Bühne zu ertüchtigen. Hier, mit Kennedys „Paradies“, ist das sogar geglückt. Nordalms Fassung, die den Roman auf eindreiviertel Stunden Spieldauer herunterzont, ist tatsächlich ein Theatertext geworden, selbst wo er Erzähltext bleibt. Allmählich erst entwickelt er sich dann (dia)logischer, indem er Hannahs inneren Monolog aufbricht und andere Figuren, die Udo Rau allesamt mit stichwörtlicher Gelassenheit beziehungsweise im Therapeutensound souffliert, mehr oder minder ins Spiel bringt. Doch nur Saufkumpan Robert, der Hannah stützt und gleichzeitig ins Verderben stürzt, befindet sich mit Gegenüber Hannah auf Augenhöhe – und das ist oft genug knapp überm Fußboden. Es wird ausgiebig und ausgelassen gezecht, gekübelt und gerangelt, selbst wenn es die Regie da klugerweise oftmals nur bei Andeutungen belässt.

Keine Paradiesvögel, sondern Schnapsdrossel und Schluckspecht, denen die Flügel (Sex? Ex und hopp!) gehörig gestutzt wurden. Die Zeche zahlt schließlich die von allen, auch den besten Geistern, verlassene Hannah. Denn deutlich wird auch, wie sich die Umgebung, von der Familie bis zum Chef, zunehmend ratlos von der so hilfsbedürftigen wie halt- und hemmungslosen Person abwendet.

Optisch gibt im Bühnenhintergrund (Ausstattung: Jelena Nagorni) ein Fransenvorhang dem verfransten Leben einen Sinn: Gerade durchlässig genug, um es wie vom Winde verweht erscheinen zu lassen; und fest genug, um als Projektionsfläche für Filmeinspielungen zu fungieren. So sieht das Publikum gelegentlich ähnlich verschwommen oder doppelt, wie das bei Hannah öfter der Fall sein dürfte.

Ein weißes Sideboard dient zentral als Tresen und Haltepunkt. Am Schluss zieht sich Hannah dorthinein zurück wie ein waidwundes Tier. Und spricht vom Anfang, wo alles am Ende ist. Ein starkes Stück.

Info

Weitere Vorstellungen im Oktober am 1., 2., 10., 14. und 29. 10. jeweils um 20 Uhr im „LTT-oben“.

Unterm Strich

Die Klein-Produktionen sind im Theater oftmals die größten: Ein packender und klug ins dramatische Fach umgesiedelter Prosatext als Zweipersonenstück und als – allerlei Höhen und Tiefen auslotende – Fall-Studie eines Säuferinnenschicksals. Ganz großartig: Katja Gaudard.

Und hinter tausend Vorhang-Fäden keine Welt: Katja Gaudard als Hannah. Bild: LTT

Zum Artikel

Erstellt:
29. September 2009, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
29. September 2009, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 29. September 2009, 12:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.
Das Tagblatt bei Whatsapp & Co.
Wir liefern die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region immer aktuell aufs Smartphone: per Whatsapp & Co.

Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp  mit einem entsprechenden Mobilgerät.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+