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Falsche Polizisten: Anklage gegen Anrufer

Am Tübinger Landgericht steht erstmals ein sogenannter „Keiler“ vor Gericht: Er soll sich am Telefon als falscher Polizist ausgegeben und Seniroinnnen um über 100.000 Euro betrogen haben. Video: Bleeser

01:35 min

Falscher-Polizist-Trick: Packt der „Keiler“ aus?

Senioren abgezockt · Am Donnerstag begann in Tübingen der Prozess · Erstmals Anrufer vor Gericht

Dieser Prozess am Tübinger Landgericht dürfte bundesweit einmalig sein: Zum ersten Mal sitzt dabei mutmaßlich ein „Keiler“auf der Anklagebank. So nennen die Ermittler jene Anrufer, die rhetorisch äußerst gewandt bundesweit Senioren um ihr Vermögen bringen, indem sie sich als Polizeibeamte ausgeben. In der Regel arbeiten die „Keiler“ vom Ausland aus. Meist vermutlich aus der Türkei, die keine Staatsbürger nach Deutschland ausliefert.

09.11.2018
  • Jonas Bleeser

Dass der 31-jährige Türke, der bei München aufgewachsen ist, nun in Tübingen wegen des Vorwurfs des gewerbsmäßigen Bandenbetrugs vor Gericht steht, hat zwei Gründe: Einerseits die Gründlichkeit der Ermittler bei der Auswertung von Telefondaten, andererseits die Liebe zwischen dem Angeklagten und seiner Freundin.

So akribisch arbeitete die Kripo

Auf die Spur kamen die Fahnder dem Mann und fünf seiner Komplizen nach einem Betrug in Mössingen. Dabei hatte ein Anrufer, mutmaßlich der Angeklagte, einer älteren Frau eingeredet, ihr Vermögen sei in Gefahr: Eine angebliche rumänische Einbrecherbande habe sie im Visier. Nur bei der Polizei sei ihr Geld noch sicher. Stundenlang bearbeitete der angebliche Polizist die Frau, bis sie völlig verängstigt und überzeugt, das Richtige zu tun, 18000 Euro abhob und einem Komplizen übergab. Weil das so gut funktionierte, überredete sie der Anrufer, der sich als „Kommissar Neumann“ von der Polizei Mössingen ausgab, auch ihr Sparbuch mit nochmals 12000 Euro aufzulösen. Ähnlich erging es einer Frau aus Stockach am Bodensee und einer weiteren aus Königsbronn. Den Betrug an einer Frau aus Waiblingen und an einer Tübingerin konnte die Polizei im letzten Moment verhindern.

Mössinger Fall brachte heiße Spur

Der Mössinger Fall war der Ansatzpunkt für die Kripo: Die Ermittler des Dezernats für Organisierte Kriminalität aus Esslingen stellten die Nummer fest, von der aus die alte Frau in Wahrheit angerufen worden war. Auf ihrem Display wurde durch einen technischen Trick die „110“ angezeigt. In Wahrheit handelte es sich um eine Handynummer, die aber nie in Deutschland im Mobilfunknetz auftauchte. Die Ermittler prüften nun deren Telefonkontakte. Dabei stießen sie auf ein Mobiltelefon, das genau zu dem Zeitpunkt in Mössingen ins Handynetz eingebucht war, als die Frau das Geld an einen angeblichen Polizisten aus der Bande übergab. Auch dieses Handy wurde überwacht, die Verbindungsdaten ausgewertet. Langsam formte sich für die Kripo ein Bild, wer hier mit wem in Kontakt stand.

Eines der häufig aus dem Ausland angewählten Handys gehörte einer Münchnerin. Sie war früher einmal erkennungsdienstlich behandelt worden, weshalb die Polizei Fotos von ihr hatte. Oberhalb der Brust und auf der Wade der Frau war ein Name tätowiert – der des

Angeklagten. „So ergab ein Puzzlestück das andere“, sagte der leitende Ermittler als Zeuge.

Die Polizei nahm im Juni 2017 fünf Männer fest, die als Abholer das Geld der Senioren einsammelten. Das koordinierte der jüngere Bruder des nun angeklagten mutmaßlichen „Keilers“. Daraufhin setzte sich letzterer nach Marokko ab, wo er nach eigener Aussage ein neues Leben beginnen wollte. Und erneut brachte die Freundin die Ermittler ungewollt auf seine Spur: Als auch die Frau ihre Ausreise nach Casablanca vorbereitete, beantragte die Tübinger Staatsanwaltschaft einen internationalen Haftbefehl gegen den nun namentlich bekannten Verdächtigen. Er wurde am Flughafen verhaftet. Im Gefängnis, so schilderte der 31-Jährige vor Gericht, herrschten furchtbare Bedingungen: Gewalt durch Wärter, Vergewaltigung von Gefangenen, nie Kontakt nach außen. Nach sieben Monaten wurde er im Mai 2018 nach Deutschland ausgeliefert. Das Gericht bietet dem 31-Jährigen nun einen Deal an: Sollte er gestehen, damit den teils hochbetagten Opfern die Aussage ersparen und umfassend Angaben machen, erwarten ihn höchstens fünfeinhalb Jahre Haft.

Großes Interesse an der Aussage

Gestern stand noch nicht fest, ob sich der Mann darauf einlässt. Die Ermittler haben großes Interesse an seinen Insiderinformationen. Denn bislang wissen sie nicht, wie die nach ihren Vermutungen in regelrechten Callcentern organisierten Banden tatsächlich arbeiten – und wer im Hintergrund die Fäden zieht.

Wer ist der Mann mit der überzeugenden Stimme?

Der Angeklagte wuchs als Sohn türkischer Einwanderer in München auf. Als sein Bruder bereits als Jugendlicher an Krebs erkrankte, so schilderte er es vor Gericht, sei er durch diesen Schicksalsschlag immer mehr in die Drogensucht abgeglitten. Es folgten Gewalt- und Drogendelikte, dann die Ausweisung in die Türkei. Da er kaum Türkisch konnte und wenig Sozialkontakte hatte, habe er weiter ständig Drogen genommen. Um das zu finanzieren, so deutete er es vor Gericht an, ohne direkt die Anklagevorwürfe einzuräumen, habe er sich auf Illegales eingelassen. Er wolle gerne erstmals eine Drogentherapie machen – und am liebsten wieder bei der Familie in München leben.

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09.11.2018, 01:00 Uhr
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