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Mit 27 Gängen geht’s bergauf

Seit einem Unfall ist Klaus Greif querschnittgelähmt

Sein Leben lang suchte Klaus Greif die sportliche Herausforderung: als Segler, Mountainbiker oder Marathonläufer. Sein Sportsgeist hilft dem 56-Jährigen, sein neues Leben mutig in die Hand zu nehmen. Seit einem Rad-Unfall auf Teneriffa ist Klaus Greif querschnittgelähmt.

19.08.2010

Von Angelika Bachmann

Heute ist Bergzeitfahren des RV Pfeil. Über gut zwei Kilometer geht die Strecke berghoch von der Sigwart straße bis zum Horemer. 140 Meter Höhe gilt es zu überwinden. Die Strecke ist Klaus Greif bei früheren Rennen schon unter 7 Minuten gefahren. „Vielleicht fahre ich dieses Jahr spaßeshalber wieder mit“, sagt der 56-Jährige. Sein Rad wäre mit Sicherheit die Attraktion des Rennens: eine Sonderanfertigung als Vorbau für seinen Rollstuhl, ausgestattet mit 27 Gängen und elektrischem Zusatzantrieb. Dieser kann die Leistung, die Greif auf die Handkurbeln bringt, um das bis zu Vierfache verstärken. „Eigentlich ist es ein frisiertes Pedelec“, erzählt Greif – der als Zweiradmechaniker und Radhändler („Rad & Tat“) sein Gefährt mit dem Blick des Experten begutachtet.

Die Bergung aus 1500 Meter war schwierig

Mit dem Rollstuhl-Rad erklimmt Klaus Greif die Zufahrt vor seinem Haus. Das so genannte Adaptiv-Bike wurde von einer Firma in Dotternhausen entwickelt, die sich auf Handbikes und Rollstuhl-Zubehör spezialisiert hat. Bild: Sommer

Ein Glück, dass Greif leidenschaftlicher Radfahrer und Freiluftsportler ist. Denn das Rollstuhl-Rad ist derzeit für ihn die einzige Möglichkeit, seine Hochhaus-Wohnung zu verlassen: Die lange Zufahrt, die zur Charlottenstraße führt, ist so steil, dass sie mit einem normalen Rollstuhl nicht zu bewältigen ist. Steigungen bis zu sechs Prozent sind in Ordnung. Alles andere ruiniert auf Dauer die Schultergelenke und ist zu strapaziös. Ein Grund, warum Greif derzeit auf der Suche nach einer neuen, behindertengerechten Wohnung ist.

Eigentlich wollte Greif dieses Jahr zusammen mit seiner Lebensgefährtin Karen Petersen die Trans Germany fahren und den Barcelona Marathon laufen. Gemeldet waren sie schon. Dann passierte der Unfall. Greif war auf Teneriffa unterwegs für das Mountainbike-Testzentrum der Firma Scott. Nicht etwa auf einer waghalsigen Abfahrt verunglückte der 56-Jährige, sondern als er vom Rad steigen wollte: Greif blieb mit dem Fuß hängen und fiel, rückwärts auf felsigen Untergrund. Zu oft hatte er mit einem guten Freund, der Pflegedienstleiter auf der Querschnittgelähmten-Station der BG-Klinik ist, über Wirbelsäulenverletzungen geredet, als dass er sich etwas hätte vormachen können. „Ich wusste gleich, dass ich querschnittgelähmt war. Das war ein Geräusch, wie wenn man einen trockenen Haselzweig zerbricht.“

Die Bergung – aus 1500 Meter – gestaltete sich äußerst schwierig. Greif wurde 24 Stunden später in die BG-Klinik nach Tübingen gebracht. Das war im Februar. Mitte Juli wurde er nach Hause entlassen.

Die ersten Tage und Wochen, wieder in der alten Umgebung, sind schwierig. „Wenn man zum ersten Mal wieder zum Bäcker geht oder zum Supermarkt. Manche Leute“, sagt Greif, „erkennen einen gar nicht wieder“. Weil sie in einem immer nur den sportlichen Radfahrer gesehen, aber sich nie das Gesicht richtig angeschaut haben. Anderen steht die Panik ins Gesicht geschrieben. Gerade Sportler, das hat Greif gelernt, haben große Schwierigkeiten im Umgang mit Behinderung – sie weckt die Angst und erinnert an die eigene Verletzlichkeit. „Aber ich mag die Vielfalt der Reaktionen“, kommentiert der frühere Psychologe diplomatisch.

Weniger zurückhaltend ist er, wenn er von Erfahrungen im Gesundheitssystem und mit Versicherungen berichtet. „Im Sozialrecht gibt es so verworrene Züge, das kann kein Mensch verstehen.“ Dabei ist er nach vielfachen Telefonaten mit Versicherungsträgern mittlerweile Profi in der Materie. Auch hat er gelernt, dass dasselbe Krankenbett, je nachdem, an wen die Rechnung geht, einmal 3700 Euro, ein anderes Mal 2300 Euro kosten kann.

In einem Rechtsstreit will er erreichen, dass sein Unfall als Berufsunfall anerkannt wird. Mit der Deutschen Rentenversicherung steht er in Verhandlungen um Zuschüsse für einen Umbau seines Ladens. Das ist derzeit eines seiner drängendsten Probleme. Die Fläche im alten Laden ist ohnehin schon eng – auch wenn man nicht mit dem Rollstuhl hindurch manövrieren muss. Und die Ladenfläche ist durch drei Absätze und Stufen auf Ebenen unterteilt.

Greif sucht deshalb seit Jahren nach neuen Ladenflächen für sein Radgeschäft. Am liebsten würde er in die Alte Silcherschule – ein Projekt, das er schon lange vor seinem Unfall betrieben hat. In einem der derzeit konkurrierenden Investoren-Projekte ist er als Mieter für die Erdgeschoss-Flächen vorgesehen. Dass die Entscheidung über die Zukunft der Silcherschule im Ausschuss jetzt erneut verschoben wurde, ärgert ihn.

Zurück in den Laden – zurück in den Sport? In jüngeren Jahren hat der am Bodensee aufgewachsene Greif Deutsche Meister-Titel im Segeln gewonnen und es bis in die Olympia-Auswahl geschafft. Später hat er vor allem mit dem Mountainbike und als Langstreckenläufer Titel (auch für den LAV) geholt.

Beim Nikolauslauf am Heuberger Tor

Nach der langen Therapie-Zeit an der BG-Klinik sorgt derzeit die Bewegung mit dem Rollstuhl-Rad wieder für erstes sportliches Training. Manche Freunde dachten anfangs, er könne es nicht ertragen, zu Sportveranstaltungen zu gehen. Das ist für Greif aber kein Thema. „Ich muss mich dem stellen. Ich kann sonst ja auch meinen Beruf nicht mehr ausüben“, sagt das langjährige Vorstandsmitglied im RV Pfeil. Beim Nikolauslauf war er in den vergangenen Jahren für die Streckenausschilderung zuständig. Ob er das weiterhin machen kann, weiß er nicht. „Mal schaun. Auf jeden Fall werde ich aber am Heuberger Tor sein, wenn die Läufer ankommen.“

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Erstellt:
19. August 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
19. August 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 19. August 2010, 12:00 Uhr

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