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Südhanglage für die Oberschicht

Die „Villa Rustica“ in Stein war das Beverley Hills von Rottenburg

Seit Ostern ist die Villa Rustica in Stein wieder geöffnet. Auch 40 Jahre nach ersten Grabungen ist die Sommerfrische für reiche Rottenburger nicht ganz erforscht.

04.04.2018

Von Mario Beißwenger

Die Villa Rustica in Hechingen-Stein ist mit weitem Blick in die Umgebung gebaut. Die Anlage gilt als eine der wichtigsten Fundstätten aus der Zeit der Römer in ganz Süddeutschland. Bild: ST

Villa rustica gibt eine völlig falsche Vorstellung. Offiziell läuft die Römersiedlung bei Hechingen-Stein unter diesem ländlich-sittlichen, an einen Bauernhof erinnernden Namen. Es war aber eher das Beverley Hills von Rottenburg, also die Sommerfrische der Oberschicht aus Sumelocenna, wie Rottenburg zur Römerzeit hieß.

Ein ums andere Mal findet Gerd Schollian wieder einen neuen Teil der Anlage. Darunter mehrere Steingebäude mit Grundrissen von 60 Metern Länge. Nach der Stärke der Grundmauern zu urteilen war eines drei Stockwerke hoch. „Das waren keine Bauernhöfe. Die kamen wegen der schönen Aussicht“, sagt der 76-Jährige, der die Siedlungsreste „dem schrecklichen germanischen Wald entrissen“ hat, wie es in Würdigung seiner Arbeit in Latein an einem Eingangstor steht.

Gerd Schollian (rechts) hat ein Gespür für römische Bodenfunde. Wo andere einen Fichtenwald sahen, hatte er schon die klare Vorstellung , dass sich in einer Erdsenke ein römisches Haus findet. Es ist einer seiner vielen Funde rund um die Villa Rustica in Hechingen-Stein. Bild: Beisswenger

Schollian hat schon in seiner Kindheit immer wieder von den seltsamen Dachziegeln oder den Schüsselchen gehört, die Bauern auf dem Hang oberhalb von Stein fanden, wenn mal wieder ein Obstbaum herausgenommen wurde. Als er 1971 zum Bürgermeister der damals noch selbständigen Gemeinde Stein gewählt war, begann er die Suche etwas systematischer.

Mittelalterlich sei das nicht, war der erste Bescheid von Tübinger Fachleuten, als er ihnen Funde brachte. Das sei römisch, aber nichts besonderes. Eine komplette Fehleinschätzung: Heute erhebt sich an seiner ersten Fundstelle eine hohe Mauer, die einst einen großen Tempelbezirk umfasste.

Hobbyarchäologen und Raubgräber

Dass es in Stein was zu holen gab, sprach sich bei Hobbyarchäologen herum. Raubgräber schleppten Funde ab. Schollian begann mit der politischen Lobbyarbeit, damit sein Fund gesichert wird. Ihm halfen gute Verbindungen zum damaligen Hechinger Bürgermeister Norbert Roth. Zusammen mit Heinrich Haasis, CDU-Abgeordneter, Landrat im Zollernalbkreis und späterer Sparkassen-Präsident holten sieden damaligen Innenminister und späteren Ministerpräsidenten Lothar Späth ins Boot.

1978 gab es dann die erste Grabung des Landesdenkmalamtes, der bis ins letzte Jahr weitere folgen sollten. Schollian organisierte einen Förderverein, der mit viel Einsatz die Erforschung der Fläche vorantrieb. Und Schollian, nach der Gebietsreform hauptamtlicher Ortsvorsteher, setzte eine geniale Idee um: Er baute auf einem Teil der Grundmauern, an Ort und Stelle, römische Gebäude wieder auf.

Erst Anpfiff, dann Denkmalpreis

„Das war ein Affront gegen sämtliche Bestimmungen.“ Er tat das auf eigene Verantwortung. Als die Aktion bekannt wurde, machte ihn der Präsident des Landesdenkmalamtes erst zur Schnecke, dann bekam Schollian den Denkmalpreis des Landes. Er wollte nie ein Museum unten in Stein, er wollte keine gläsernen Ausstellungsräume auf der Siedlungsfläche. „Da hätte niemand davon Notiz genommen.“

Am Zugang zur Villa Rustica in Hechingen-Stein ist die Arbeit von Gerd Schollian und seiner Familie gewürdigt, standesgemäß in Latein. Bild: Beisswenger

Was er wollte war, „die Sache so weit bringen, dass sie nicht mehr beiseite geschoben werden kann“. Das hat er wohl geschafft. 20.000 Besucher kamen allein 2017, um authentisches Römer-Gefühl zu tanken. Sie lassen sich vom großzügigen Speiseraum für die angesagten Gelage beeindrucken, vom Kinderspielzimmer oder bummeln rüber zum Tempelbezirk. Das macht mehr Eindruck, als Bruchstücke im Museum anzusehen.

Nur ein Drittel ist bekannt

Wer die ganze Bedeutung der Anlage ermessen will, braucht aber das Wissen, wie groß sie tatsächlich war. Selbst die jetzigen vier Hektar sind eine Schrumpfform. Deren Umfassungsmauern sind aus dem frühen 3. Jahrhundert. „Damals ging es den Römern schon schlecht“, sagt Schollian. Bekannt ist seiner Einschätzung nach nur ein Drittel aus der Zeit der größten Ausdehnung der „Villa rustica“ am Ende des 1. Jahrhunderts.

Schollian findet fast bei jedem Schritt über den Waldboden hinter der bisher erschlossenen Fläche Neues. Die Grundmauern eines weiteren großen Hauses oder den komplett erhaltenen Steingiebel eines großzügigen Anwesens. „Wir wissen immer noch nicht, wie groß die ganze Anlage war.“

Bauernhöfe waren es auf jeden Fall nicht. Zur Versorgung gab es ringsum Höfe auf besseren Böden. Am Rammertrand auf dem nach Süden abfallenden Stubenstandsteinhang finden sich unvollständig bearbeitete Sandsteine. Vielleicht war hier auch ein Schule für Steinmetze. Zur Sommerfrische der Rottenburger Oberschicht gesellten sich wohl auch die Künstler.

Die Öffnungszeiten

30. März bis 31. Mai, Dienstag bis Sonntag, jeweils 10 bis 17 Uhr. Montags geschlossen. Ausnahmen: Montage mit Feiertag ist geöffnet.

1. Juni bis 31. August, ohne Ruhetag täglich geöffnet, jeweils 10 bis 17 Uhr.

1. September bis 1. November, Dienstag bis Sonntag, jeweils 10 Uhr bis 17 Uhr, Montag geschlossen.

Das Keltenfest ist dieses Jahr am 12. und 13. Mai, das große Römerfest am 25. und 26 August.

Die nächste wissenschaftliche Führung mit Werner Reus, ist am Sonntag, 8. April, 11 Uhr.

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Erstellt:
4. April 2018, 21:00 Uhr
Aktualisiert:
4. April 2018, 21:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 4. April 2018, 21:00 Uhr

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