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Österreichs rotes Herz wählt

Seit 95 Jahren wird Wien von Sozialdemokraten regiert - das könnte sich morgen ändern

In Wien regiert nicht das Geld, in Wien regiert die SPÖ. Seit 95 Jahren und mit gutem Ergebnis. Dennoch sind die Rechtspopulisten stark wie nie. Morgen entscheiden die Wiener über die Zukunft ihrer Stadt.

10.10.2015
  • NORBERT MAPPES-NIEDIEK

Wien Besonders charmant wird Wien, wenn man auf der Donauinsel nach Norden in die Natur spaziert. Zur Rechten Wiese, dann und wann ein Spielplatz, zum Greifen nah die mächtigen Türme der Uno-City. Schlägt man sich links durch die Sträucher, kommt man an die Donau. Hier, wo in jeder normalen Großstadt Villen stünden, ragen schlichte, selbstgezimmerte Holzstege in den Strom, dahinter verwunschene Anglerhüttchen. Was in Berlin Makler als teuerste Lage anpreisen würden, ist in Wien ein bezaubernder Ort, gebaut auf städtischem Grund, vergeben vom Fischereiverein. Kleine Leute haben hier ihr Paradies. Sonntags wird gegrillt.

Aber was den Charme der Stadt ausmacht, ist zugleich ihr Problem. Tausende Spaziergänger kommen hier an jedem Wochenende vorbei. Alle schwärmen sie: Die Gutverdiener aus der Josefstadt ebenso wie einfache Leute von der Südosttangente, die selbst nicht mehr haben als die glücklichen Freizeitangler. Warum haben die eine Hütte und ich nicht?, fragen sie sich. Auf jeden, der es ins Paradies geschafft hat, kommen zehn Neider.

"Wien ist anders" heißt der Slogan der Stadt, und das stimmt auch: In Wien regiert nicht das Geld, sondern die SPÖ. Sie tut es - mit der Unterbrechung durch sieben Jahre Nazizeit - seit 95 Jahren, und sie könnte ihre Sache kaum besser machen. In den 1920er Jahren war das "rote Wien" die modernste Stadt der Welt - mit einer vorbildlichen Sozial-, Gesundheits- und Bildungspolitik. Und den "Höfen", diesen riesigen Wohnanlagen. Seit Jahren wird Wien regelmäßig zur lebenswertesten Stadt der Welt gewählt.

Die Wiener SPÖ ist ihren Idealen treu geblieben. Am besten ist sie in der sozialdemokratischen Kernkompetenz: im Verteilen. Sie verteilt fair, und wo nicht, kommt es meistens heraus. Sie geht mit der Zeit, stellt sich auf moderne Bedürfnisse ein. Die Donauinsel ist ihr Projekt; aufgeschüttet wurde sie zwischen 1976 und 1988, ein fetter Brocken Natur mitten in der Stadt. Die Jahreskarte für öffentliche Verkehrsmittel kostet 365 Euro, ein Erfolg vor allem der Grünen, die seit fünf Jahren mit den Sozialdemokraten koalieren. Im gleich großen Hamburg kostet sie das Dreieinhalbfache.

Morgen könnte all dies anders werden. Morgen wird gewählt.

Dramatisch zoomt die Kamera in den schmucken Sofiensälen auf die von den Sendern angekündigten Titanen, und das sind vor allem zwei: Michael Häupl, der Bürgermeister, und Heinz-Christian Strache, der Herausforderer. Ganz Österreich darf zusehen; in Wien geht es immer auch ums ganze Land.

Häupl ist 66 Jahre alt und lächelt auf den Wahlplakaten selig gen Himmel. Wer den gemütlichen, im Fernsehen gelegentlich grantelnden Opa kennenlernt, trifft auf einen nüchternen und hochgebildeten Politiker, einen promovierten Biologen, der sich bei Marx und im Alten Testament gleichermaßen auskennt und im Kreise der Staats- und Regierungschefs der Welt eine blendende Figur abgäbe. Häupl regiert Wien seit 21 Jahren, länger als jeder Bürgermeister vor ihm. Strache, sein Gegenüber, kann ihm nicht das Wasser reichen. Der 20 Jahre jüngere Vorsitzende der rechtspopulistischen FPÖ hat nur zwei Themen, die ihm in der jüngsten Wahlprognose jedoch 35 Prozent der Stimmen sicherten: Die EU, die im Wiener Wahlkampf leider keine Rolle spielt. Und die Ausländer.

Aber selbst zu seinem dürftigen Spektrum fällt Strache nichts ein. Schon mit der Frage, was man in Sachen Integration besser machen könnte, erwischt die Moderatorin ihn auf dem falschen Fuß. Besser machen? Keine Ahnung. Strache will nicht integrieren, er will schimpfen - und legt gleich los über den Kindergarten, wo man wegen der Muslime angeblich keinen Nikolaus mehr auftreten lassen darf. Häupl runzelt die Stirn. Eine Kindergärtnerin sei entlassen worden, weil sie den Kindern die "eigentliche Bedeutung des Weihnachtsfestes" habe vermitteln wollen, erzählt Strache. "Unsinn", sagt Häupl und wird böse. Wie wenig es in Wien wirklich zu meckern gibt, macht ungewollt der Kandidat der konservativen ÖVP klar, die hier fast eine Splitterpartei ist: Von den Schulden fängt er an, die aber keinen interessieren - und die weniger als ein Viertel so hoch sind wie die von Hamburg.

Die einen verteilen die Grundstücke auf der Donauinsel, und die anderen schimpfen, dass sie keins gekriegt haben: Das ist der Gegensatz in der "Mutter aller Schlachten", zu dem die chronisch aufgedrehten Wiener Medien jeden Wahlkampf stilisieren. Ein Verteilungsproblem, und zwar ein grundsätzliches: Wo jeder seines Glückes Schmied ist, ist auch jeder an seinem Unglück selber schuld. Wo dagegen verteilt wird, fühlt sich immer einer ungerecht behandelt. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst, und wer zuletzt kommt, muss sich hinten anstellen.

Aber der Abend in den Sofiensälen gehört nicht Strache und auch nicht Häupl, sondern einer jungen Frau, deren Namen kaum jemand kennt. Beate Meinl-Reisinger, 37, tritt für die Neos an, eine neue, liberale Partei, von der nicht einmal sicher ist, ob sie morgen die Fünf-Prozent-Hürde überspringt. Ihre Sorge gilt "dem Michael", einem Freund, der "ganz tolle Kasnudeln" macht und die gerne verkaufen möchte, aber fast verzweifelt an den vielen Vorschriften, die er beachten muss, und den Genehmigungen, die er dafür braucht. Nicht einmal einen Stand auf dem Markt kriegt er. Alles schon weg; Filz womöglich.

Stimmt nicht, sagt der Bürgermeister: "Auf dem Naschmarkt, da gibt es noch eine leere Ecke", die würde bestimmt vermietet. "Schicken S' den jungen Mann vorbei!" Auf die Antwort hat die Liberale gewartet: Nicht zugeteilt kriegen will der Michael seinen Stand; kaufen will er ihn, der beste Standplatz für die besten Kasnudeln. "Soll ich ihm nun helfen oder nicht?", knurrt Majestix und packt das Dilemma des roten Wien in einen Satz: "Dann schicken S' ihn halt nicht!"

Seit 95 Jahren wird Wien von Sozialdemokraten regiert - das könnte sich morgen ändern
Seit 21 Jahren hat Michael Häupl das Sagen im Wiener Rathaus - jetzt machen ihm die Rechtspopulisten den Posten streitig. Foto: Eibner

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10.10.2015, 12:00 Uhr
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