Astrazeneca

Sehr selten – und trotzdem zu häufig

Der vorläufige Stopp für das Corona-Vakzin belastet die ohnehin schon schleppende deutsche Impfkampagne zusätzlich. Die Ärzteschaft befürchtet einen Monat Verzug.

17.03.2021

Von HAJO ZENKER

Verimpfung gestoppt: Vakzin von Astrazeneca. Foto: ©Marc Bruxelle./shutterstock.com

Berlin. Diskussionen um die Wirksamkeit und um den Einsatz bei Senioren, heftige Impfreaktionen, andauernde Lieferprobleme – und nun der Verdacht, im Hirn für Thrombosen sorgen zu können. Der Ärger um den Corona-Impfstoff von Astrazeneca belastet die ohnehin schon schleppende deutsche Impfkampagne zusätzlich.

Um welche Krankheitsgefahr geht es beim Impfstopp eigentlich? Bei Sinus- und Hirnvenenthrombosen kommt es zu einem Verschluss von Venen im Gehirn durch Blutgerinnsel. Die Erkrankung tritt bei Frauen mit zirka 75 Prozent aller Fälle deutlich häufiger auf als bei Männern, was offenbar hormonelle Gründe hat. Das Durchschnittsalter der Betroffenen liegt um die 40 Jahre. Eine solche Thrombose äußert sich meist durch Kopfschmerzen, häufig treten epileptische Anfälle oder Lähmungserscheinungen auf, auch Seh- und Sprachstörungen sind typisch. Der aktuell zudem beobachtete Mangel an Blutplättchen führt zu einer erhöhten Blutungsneigung. Hirnthrombosen führen im Schnitt in zehn Prozent der Fälle zum Tod, bei weiteren zehn Prozent der Patienten bleiben Spätfolgen.

Aber es handelt sich doch um nur wenige Fälle. Sieben Fälle, darunter drei mit tödlichem Ausgang, bei 1,7 Millionen Impfungen scheinen natürlich zunächst einmal sehr wenig zu sein. Das Problem daran ist, dass auch diese spezielle Thromboseform im Hirn überaus selten ist. Die Angaben darüber schwanken, es gibt aber Untersuchungen, die pro Jahr von drei bis fünf Betroffenen pro eine Million Einwohner ausgehen. Wenn es also in den sechs Wochen, in denen bei uns Astrazeneca verimpft wurde, bereits sieben Fälle gibt, ist das auffällig.

Deutschland hat Meldungen über Thrombosen aber zunächst für nicht gefährlich gehalten . Anfangs war bei Berichten aus Österreich oder Italien allgemein von Thrombosen nach Impfungen die Rede gewesen. Thrombosen gibt es am häufigsten in den Beinen, wobei dort als Ursachen etwa längere Flugreisen oder die Einnahme der Antibaby-Pille in Kombination mit Nikotinkonsum gelten. Die zunächst genannten Zahlen hatten laut Europäischer Arzneimittelbehörde (EMA) keine auffällige Häufung ergeben, da der Anteil der Thrombose-Kranken nach einer Astrazeneca-Impfung dem spontanen Auftreten der Erkrankung in der Normalbevölkerung entspreche.

Das Bild änderte sich, als etwa aus Norwegen von Thrombosen im Kopf junger Leute berichtet wurde. Das hat in Irland und Holland und schließlich, nach Bekanntwerden der deutschen Fälle, auch beim hierzulande zuständigen Paul-Ehrlich-Institut (PEI) zum Umdenken geführt. Die Bundesregierung folgte der PEI-Empfehlung wohl auch wegen rechtlicher Bedenken – da es sich um eine staatliche Impfkampagne handele, wären Klagen wegen Körperverletzung bei weiterem Astrazeneca-Einsatz möglich gewesen, verlautete aus Berlin. Selbst in Schweden ist mittlerweile das Vakzin des britisch-schwedischen Konzerns gestoppt worden. Die EMA will an diesem Donnerstag beraten, hat nach eigenem Bekunden bisher aber keine Hinweise darauf, dass der Impfstoff von Astrazeneca die Blutgerinnung und damit Thrombosen befördere.

Wie wichtig ist denn Astrazeneca für uns? Von 9,66 Millionen bisher verimpften Dosen stammten 7,59 Millionen von Biontech und 1,75 Millionen von Astrazeneca. Der Rest entfällt auf Moderna. Da gerade erst 250 Menschen die Zweitimpfung von Astrazeneca erhalten haben, steht für mehr als 1,7 Millionen Bürger noch nicht fest, wie es weitergeht. Da die zweite Dosis laut Ständiger Impfkommission möglichst erst nach zwölf Wochen verabreicht werden soll, eilt die Entscheidung zunächst nicht. Aber wenn das Vakzin wieder erlaubt werden sollte: Werden die Erstgeimpften die zweite Dosis dann noch wollen? Und wenn Astrazeneca vom Markt genommen wird: Woher soll eine zweite Dosis kommen?

Es gibt bereits Überlegungen, die Immunität, die man etwa mit Astrazeneca ausgelöst hat, etwa durch Biontech zu verstärken, allerdings, um die Mutationen im Zaum zu halten. Dazu laufen Studien. Erste Daten deuten darauf hin, dass die Wirkung sehr gut ist, wenn einmal mRNA-Impfstoffe (wie Biontech und Moderna) und einmal Vektorimpfstoffe (wie Astrazeneca oder Sputnik) verwendet werden. In der EU erlaubt ist das aber noch nicht.

Für die Impfkampagne ist dies alles ein weiterer Rückschlag. Denn der Astrazeneca-Impfstoff ist für die Verimpfung in Arztpraxen, mit der es eigentlich bald in größerem Umfang losgehen sollte, besser geeignet als etwa Biontech. Bund und Länder haben deshalb die Entscheidung über den Impfstart in den Praxen, die an diesem Mittwoch fallen sollte, vertagt. Bis Ostern sollten von Astrazeneca eigentlich noch einmal 2,15 Millionen Dosen geliefert werden. Das Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung geht von einem verlorenen Monat aus – statt im August würden wohl erst im September alle Impfwilligen eine zweite Dosis erhalten. Das Versprechen der Politik, bis zum Ende des Sommers jedem Bürger ein Impfangebot gemacht zu haben, gerät ins Wanken. Für Bayerns Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) wäre der komplette Wegfall von Astrazeneca denn auch „eine ganz bittere Sache“.

Muss ich mir als Geimpfter Sorgen machen? Geimpfte haben laut PEI-Präsident Klaus Cichutek nichts mehr zu befürchten, wenn ihre Impfung 16 Tage zurückliegt. Davor sollte man einen Arzt aufsuchen, wenn man sich noch mehr als vier Tage nach der Impfung unwohl fühlen sollte, etwa mit starken oder anhaltenden Kopfschmerzen oder punktförmigen Hautblutungen.

Kann ich mich trotzdem freiwillig impfen lassen, weil ich mehr Angst vor Covid-19 als vor Thrombosen habe? Der Chef der Linksfraktion im Bundestag, Dietmar Bartsch, fordert das. Man dürfe den Bürgern „den Schutz vor Corona nicht verwehren, die Prüfung kann parallel laufen“, findet er. Dagegen glaubt Roland Stahl, Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, nicht, dass man einen Haus- oder Facharzt findet, der einem jetzt noch Astrazeneca verimpft. Der „abrupte Stopp“ sei zwar bedauerlich, aber die Haftungsfragen stünden jetzt einer Impfung im Wege. Selbst wenn der Arzt den Impfwilligen unterschreiben lasse, dass der sich des Risikos bewusst sei, sei unklar, wie gesetzesfest solch ein Dokument wäre, wenn es zu Komplikationen kommen sollte. Er hoffe, so Stahl, dass die EMA die Hängepartie schnell beende.

Foto: Grafik: Reichelt / Quelle: afp

Dem Rat des Paul-Ehrlich-Instituts gefolgt: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Foto: John Macdougall/afp

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Erstellt:
17. März 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
17. März 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. März 2021, 06:00 Uhr

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