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Sehnsuchtsfrau bleibt ein Traumbild
Regina Fritsch (rechts) und Christopher Nell in Peter Handkes Stück. Foto: dpa
Claus Peymann inszeniert neuen Handke in Wien: Wächter der Landstraße als Hüter der alten Welt

Sehnsuchtsfrau bleibt ein Traumbild

Claus Peymann ist ans Wiener Burgtheater zurückgekehrt. Als Handke-Spezialist inszenierte er die Uraufführung des neuesten Stücks des Autors.

01.03.2016
  • MATTHIAS RÖDER, DPA

Wien. Der Ort ist Google unbekannt, und schon damit ein Ort der Freiheit. Die Rede ist von einer stillgelegten Landstraße im Nirgendwo. Ihre Besonderheit: Sie hat einen Wächter, der an ihrem Rand in einem Unterstand haust, der eine alte Bushaltestelle oder die Ruine einer Rinderbesamungsanstalt sein könnte. Im neuen Stück von Peter Handke "Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße: Ein Schauspiel in vier Jahreszeiten" verteidigt der Wächter seinen vom Gewese der Welt verschonten Schauplatz gegen das Eindringen der "Unschuldigen", die trotz ihres Namens gefährlich sind.

Das dreistündige Stück feierte jetzt eine viel beklatschte Uraufführung am Wiener Burgtheater. Der Erfolg ist dem Ensemble, beeindruckend Christopher Nell als "ich" (Wächter), genauso zu verdanken wie Regisseur und Handke-Spezialist Claus Peymann. Der 78-Jährige hat seit der legendären "Publikumsbeschimpfung" 1966 im Frankfurter Theater am Turm bereits zehn Stücke von Handke uraufgeführt.

Peymann fügte Handkes handlungsarmes Sinn- und Themen-Mosaik gekonnt und effektvoll zusammen. Ohne Perspektive und ohne rechte Orientierung sind viele Menschen überfordert und beten die Information an. "Auch Gott liebt die Neuigkeiten", sagt der Anführer der Unschuldigen. "Ihr Unschuldigen seid die Armee des Systems, ihr seid die letzte Weltmacht", ruft der Wächter, der so gerne nicht mehr einsam wäre, aber mit der Mehrheit nichts anfangen kann. Die dumpfen Unschuldigen stolpern - unentwegt in ihre Handys quatschend - die Landstraße entlang und grußlos an den ausgebreiteten Armen des Wächters vorbei.

Sie sind Experten, Profis, Spezialisten und damit dem Wächter zutiefst suspekt. Und überhaupt: "Es ist eine Zeit, in der man gar nichts mehr weiß vom anderen." Handkes hin und wieder auch augenzwinkerndes Loblied aufs Gestern gipfelt im Satz: "Ich sehne die Zeiten zurück, als man die Briefträgerin noch an ihren Schritten erkannte." Die stimmige Bühne (Karl-Ernst Herrmann) kippt leicht schräg in den Zuschauerraum. Die aufgemalte Straße bekommt Tiefe und Weite. Im Herbststurm wehen auch verbrannte Papierbögen auf die Bühne - weiteres Zeichen für die aktuell oft misslingende Kommunikation.

Im neuen Werk des 73-jährigen Kärntners, der immer wieder auch für den Literatur-Nobelpreis gehandelt wird, spielt wie so oft auch eine Sehnsuchtsfrau eine wichtige Rolle. Der Wächter will sie unter den Unschuldigen entdecken, aber die Unbekannte (Regina Fritsch) bleibt ein Traumbild. Für die besonders heiteren Momente sorgt die Frau des Anführers der Unschuldigen (Maria Happel) schon allein mit ihrem vom Autor verlangten Koloratur-Lachen. Beide Schauspielerinnen erhielten vom Publikum Sonderapplaus.

Wie delikat die Umsetzung von Handkes Stück sein kann, musste das Münchner Residenztheater erleben, wo die für März geplante Premiere wegen unüberbrückbarer künstlerischer Differenzen abgesagt wurde. In Wien geriet die poetische Abrechnung mit der Welt am Ende doch überraschend mild.

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01.03.2016, 08:30 Uhr
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