Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Hemingways "Paris - Ein Fest fürs Leben" erlebt eine Renaissance

Sehnsucht nach Leichtigkeit

Die Franzosen reißen sich derzeit um ein fast vergessenes Buch des amerikanischen Schriftstellers Ernest Hemingway: "Paris - Ein Fest fürs Leben" von 1964 beschwört den Zauber der Seine-Metropole.

11.02.2016

Von PETER HEUSCH

Hier machte Ernest Hemingway mit seinen Literaten- Freunden in den 1920er Jahren gern einen drauf: in der American Bar "Le Sélect" in der Avenue des Champs-Elysées, Ecke Rue de Berri. Das Foto ist 1926 oder 1927 entstanden. Foto: Albert Harlingue/Roger Viollet/Getty Images

Paris. "Wenn du das Glück hattest, als junger Mensch in Paris zu leben, dann trägst du die Stadt für den Rest deines Lebens in dir, wohin du auch gehen magst", schrieb Ernest Hemingway (1899-1961) nur wenige Monate, bevor er sich mit 61 Jahren eine Kugel in den Kopf jagte. Der Satz entstammt seinem letzten, posthum erschienenen Buch mit dem vielsagenden Titel "Paris - Ein Fest fürs Leben". Das beinahe vergessene Werk ist seit den Terror-Anschlägen von Paris am 13. November 2015 in Frankreich quasi über Nacht zu einem Symbol avanciert - und zum Bestseller geworden, von dem sich allein bis zum Jahresende 133 000 Exemplare verkauft hatten.

Dass ein Buch Trost spenden und Hoffnung geben kann, hatte sich bereits im Januar 2015 gezeigt. Nach dem Attentat auf die Redaktion des Satiremagazins "Charlie Hebdo" hatte im westlichen Nachbarland Deutschlands wochenlang Voltaires berühmte Streitschrift gegen den Fanatismus, "Abhandlung über die Toleranz" ("Traité sur la tolérance"), die Listen der meistverkauften Bücher angeführt. Ein Phänomen, welches sich nun mit Hemingways Hymne auf die Seine-Metrople zu wiederholen scheint, denn die findet jeden Tag rund 500 Käufer.

In "Ein Fest fürs Leben" zeichnet der 1899 geborene amerikanische Literaturnobelpreisträger das Paris der 1920er Jahre nach, jene Stadt, die er als unbekannter junger und eher mittelloser Auslandskorrespondent des "Toronto Star" erlebte. In autobiografischen Szenen schildert er die französische Hauptstadt als Stadt der Liebe, der Kultur und des Savoir-vivre. Es ist eine Zeit persönlichen Glücks, in der sich der ehemalige Kriegsreporter der Schriftstellerei verschreibt.

Nicht Nostalgie, sondern eine lebensfrohe Leichtigkeit prägt das Buch - eben jene Leichtigkeit, die bis zum 13. November auch Paris auszeichnete, und die seine Einwohner so gerne wiederfinden würden.

Eine 77-jährige Rechtsanwältin im Ruhestand war es, die kurz nach den Anschlägen mit einem kurzen Auftritt in den TV-Nachrichten den Run auf das Buch ausgelöst hat. Es sei "gerade jetzt sehr wichtig, Hemingways ,Paris - Ein Fest fürs Leben mehrmals zu lesen, um sich daran zu erinnern, dass wir eine sehr alte Zivilisation sind, die ihre Werte mit Stolz trägt", riet Danielle Merian ihren Mitbürgern.

Nun lesen die Franzosen also ein Buch über den Zauber ihrer Hauptstadt, dem bei seinem Erscheinen 1964, drei Jahre nach dem Freitod des unter der Erbkrankheit Hämochromatose leidenden Autors, keineswegs durchschlagender Erfolg beschieden war. Gern setzen sie sich dazu in ein Bistro, da auch Hemingway seine Pariser Jahre 1921 bis 1927 hauptsächlich in Cafés verbracht hatte, wo er eigenen Angaben zufolge gut schreiben konnte. Und feiern - in den bis heute angesagten Lokalen "Le Sélect" und "Closerie des Lilas" etwa, wo er mit seinen Literaten-Freunden, dem Iren James Joyce sowie den Amerikanern Ezra Pound, T. S. Eliot und F. Scott Fitzgerald, gern einen draufmachte.

Hemingway musste sich in jener Zeit meist lang an einem einzigen Glas festhalten, da ihm sein bescheidenes Einkommen keine großen Sprünge erlaubte. 1944, als er an dem im Buch literarisch nicht festgehaltenen großen Fest nach der Vertreibung der Nazi-Besatzer teilnahm, war das anders. Der längst berühmt gewordene Schriftsteller ließ es sich nicht nehmen, persönlich an der Befreiung von Paris mitzuwirken und brauste gemeinsam mit Résistance-Kämpfern in einem französischen Soldaten abgeluchsten Jeep am 25. August quer durch die Seine-Metropole bis vor das Nobelhotel Ritz an der Place Vendôme.

Auf Widerstand stieß sein Trupp dabei nicht: Die deutschen Soldaten hatten die Stadt kurz zuvor verlassen. Das feierte Hemingway ausgiebig in der Bar des Grandhotels: Nicht weniger als 51 "Dry Martini" weist die Rechnung aus, die er zu bezahlen vergaß. Vergessen hat er damals auch seine beiden Koffer, die er 1927 im Ritz abgestellt hatte und die zu holen er 1944 dorthin zurückgekehrt war. Die Koffer enthielten mehrere Notizbücher, welche später die Grundlage für "Paris - Ein Fest fürs Leben" bilden sollten. Sie nahm Hemingway erst 1956 mit, als er sein Paris zum letzten Mal besuchte.

Ernest Hemingway im Jahr 1924 vor seinem Haus in Paris: 113, Rue Notre-Dame-des-Champs. Foto: Picture Alliance

Zum Artikel

Erstellt:
11. Februar 2016, 08:30 Uhr
Aktualisiert:
11. Februar 2016, 08:30 Uhr
zuletzt aktualisiert: 11. Februar 2016, 08:30 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen?
Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung.
Aus diesem Ressort
Das Tagblatt bei Whatsapp & Co.
Wir liefern die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region immer aktuell aufs Smartphone: per Whatsapp & Co.

Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp  mit einem entsprechenden Mobilgerät.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+      Google+