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„Sehen, hören und schweigen“
Rubén Donaire neben seinem Škoda Octavia, mit der er Kundschaft durch Madrid chauffiert. Foto: Martin Dahms
Verkehr

„Sehen, hören und schweigen“

Der Taxifahrer Rubén Donaire setzt auf Freundlichkeit.

08.09.2017
  • MARTIN DAHMS

Madrid. Wir sind für 11 Uhr verabredet, Rubén Donaire ist fünf Minuten früher da. Der 41-Jährige ist seit zehn Jahren Taxifahrer in Madrid, ein ausnehmend freundlicher. „Es ist leichter, sympathisch und angenehm zu sein als unsympahtisch und unhöflich“, sagt er. „Wenn in einer Bar der Kaffee nicht besonders gut ist, aber die Bedienung ausgezeichnet, kommst du wieder. Wenn die Bar den besten Kaffee der Welt hat, aber die Bedienung ist unfreundlich, bleibst du weg.“ Um im Bild zu bleiben: Donaire bietet neben der freundlichen Bedienung auch den besten Kaffee. Er fährt seinen Škoda Octavia entspannt und ohne zu fluchen durch den Madrider Verkehr, der jeden anderen ins Schwitzen bringt.

„Ich habe zwei Onkel, die Taxifahrer sind, einer seit 30 Jahren“, erzählt Donaire. „Ihretwegen hat mein Vater diesen Beruf angenommen. Ich wollte in den Polizeidienst, aber ich hatte bei den Aufnahmeprüfungen kein Glück und am Ende bin ich im Taxi gelandet. Ich habe 140 000 Euro für die Lizenz und das Auto bezahlt, die ich von meinem früheren Chef übernommen habe.“

Donaire hat einen langen Tag. Er steht morgens um 6 Uhr auf und arbeitet 12 bis 14 Stunden. „Wenn du den Kredit für die Lizenz abbezahlt hast, kannst du dich entspannen, aber am Anfang musst du Stunden schieben wie in jedem anderen Geschäft auch. Ich gehöre zu denen, die sich durch die Stadt bewegen und nicht am Taxistand auf Kundschaft warten. Das lohnt sich in der Regel mehr, aber man weiß nie. Im Taxi spielt das Glück eine große Rolle.“

„Wenn ich im Taxi sitze, arbeite ich und kann nicht die Stadt genießen“, erzählt Donaire. Den meisten Kunden gehe es ähnlich: „Sie nehmen ein Taxi, weil sie es eilig haben, sonst würden sie mit dem Bus oder der Metro fahren, das ist billiger. Das Kind ist krank geworden: ein Taxi. Ich bin spät aufgestanden: ein Taxi.“

Der Madrider Verkehr mache ihn nicht nervös, sagt Donaire. Er empfinde in solchen Situationen eher mit dem Kunden, der zu spät zu einer Sitzung oder zum Flughafen kommt. „Ich will es so gut wie möglich machen, aber manchmal geht es nicht.“

Sein Englisch ist nicht besonders gut. Wenn er ausländische Kunden fährt, versucht er dennoch, ihnen die Bauwerke zu erklären, an denen sie gerade vorbeifahren. „Und ich empfehle ihnen, sich zum Essen nicht in ein Restaurant mit Vor- und Hauptspeise zu setzen, sondern auf Tapas-Tour zu gehen, in La Latina, in der Cava Baja“, präzisiert er. „Es gibt nichts Typischeres in Madrid, als durch die Straßen zu laufen und Tapas zu essen und dazu eine caña zu trinken, ein kleines Bier.“

Andere Kunden sagen kein Wort. Oder arbeiten mit dem Tablet. Oder telefonieren. „Meine Politik ist: sehen, hören und schweigen“, sagt Donaire. Er habe berühmte Kunden gehabt. „Der einzige, den ich um ein Foto gebeten habe, war Di Stéfano, der Fußballer.“ Andere Promis habe er in Ruhe gelassen. „Einmal habe ich zwei bekannte Schauspieler befördert, die im Taxi etwas geprobt haben, und in der nächsten Woche sah ich den Sketch im Fernsehen. Aber ich habe nicht mit ihnen gesprochen, du kannst sie nicht stören.“

Vor einigen Jahren hatte sich eine ältere Frau ins Taxi gesetzt und gesagt, sie fahre zum Arzt, „mal sehen, ob ich mit etwas Glück nur noch wenige Tage zu leben habe“. Ihr habe nichts gefehlt, aber sie sei seit 15 Jahren Witwe, habe keinKind und rede manchmal tagelang mit niemanden. „Ihre Krankheit war die Einsamkeit“, sagt Donaire. „Ich sagte ihr, sie solle mehr ausgehen, neue Freundschaften schließen. Aber was kannst du in 10 oder 20 Minuten tun, wenn du die Person nie wieder siehst? Das ist es, was mir am Taxifahren nicht gefällt: Du lernst viele Leute kennen, aber immer nur flüchtig.“

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08.09.2017, 06:00 Uhr
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