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„Judas!“-Passion nach Walter Jens als grandioses Solo am Zimmertheater

Seelenqualen eines verhinderten Neinsagers

Tübingen. An was soll man eigentlich noch glauben, wenn sich sogar Päpste vorzeitig von Gottes Acker machen! Dagegen erweist sich der umstrittenste aller Jünger Jesu als geradezu pflichtschuldig. Denn er verschacherte den Messias keineswegs für einen Judaslohn von einer Handvoll Silberlinge. Sondern er lieferte ihn aus Gehorsam ans Messer, als treuer Gefolgsmann.

11.03.2013

Ein letzter Liebesdienst von Judas an Jesus, Sterbehilfe zugunsten des wichtigsten Projekts der Heilsgeschichte – muss jetzt die Legende umgeschrieben werden, und sämtliche Evangelien gleich mit? Der leidenschaftlichste Evangelist der steilen Judas-Antithese war immer schon der bibelfeste Walter Jens. Früh forderte er, als unermüdlicher Anwalt der Literatur, Gerechtigkeit und Genugtuung für seinen Klienten.

Bereits 1975 steuerte seine Erzählung „Der Fall Judas“ auf einen glatten Freispruch für den Delinquenten zu, sogar auf dessen Seligsprechung (nur gut, dass ihn der Kardinal Ratzinger damals nicht vor die Spruchkammer der Glaubenskongregation zitieren konnte).

Einer muss es machen

Bei Jens, so der Ansatz, ist der vermeintlich größte Erzschurke des Christentums kein Verräter, sondern im Gegenteil der größte Unterstützer vor dem Herrn. Kein Verschwörer, sondern ein Verschworener. Dazu lässt er den Geschmähten ausführlich zu Wort kommen. In der fernsehtauglichen Rechtfertigungstirade „Ich, ein Jud“ (Bruno Ganz hat’s 1988 gespielt) verteidigt sich Judas selber. Und plädiert gleichfalls auf nicht schuldig. Gerade weil er Schuld auf sich geladen hat. Gerade weil er sich opfert. Für den, der sich alle Sünden der Menschheit aufbürdet.

Im Zimmertheater übernimmt diese wohl undankbarste Rolle Welt der Schauspieler Endre Holéczy. Zuerst einmal blickt er sich jedoch prüfend um. Möchte vielleicht jemand anderes an seiner Stelle den Judas als Opfer und (Misse-)Täter darstellen? Weil am Premierenabend offenbar niemand dazu Lust hat, selbst Boris Palmer in der ersten Reihe nicht, drückt Holéczy dem OB kurzentschlossen die Eintrittskarte in die Hand, drückt das Kreuz durch und macht es halt selber. Alles nur Spiel, Schauspiel. Aber ein richtig packendes, wie sich zeigen wird.

Luzifer und Lazarus

Seit jeher ist die Bursagassen-Bühne, für die Walter Jens sogar einmal programmatische Leitlinien entwarf, eine Art Hausaltar des nicht immer nur glücklich agierenden Katheder-Dramatikers („Ein Jud aus Hechingen“ am LTT). Zuletzt hat man im Zimmertheater Jens’ frühes TV-Gedankenspiel „Der tödliche Schlag“, das aktenstaubtrocken das atomare Wettrüsten im antike Troja-Arena versenkt, nicht nur ausgegraben, sondern ganz schick und anschaulich wieder hergerichtet.

Damals spielte Endre Holeczy mit lauernder Powerschläue den listig-coolen Kalte-Kriegstreiber Odysseus, einen hellenischen Machiavell ohne Gewissensbisse. Seinem Judas sind dagegen alle Skrupel und Zweifel (mehr an sich selbst als im Glauben) ins sündenbockig verschlossene Gesicht geschrieben. Holéczy zeigt, wie sich hier einer mit Mühen und Nöten diese Selbstverteidigung abringt und abtrotzt.

In der Fassung von Christian Schäfer, der auch – letztmals – hier Regie führt, hadert Judas nicht so arg mit einem Schicksal wie noch in der Jens-Vorlage. Er gibt sich manchmal sogar richtig locker. Auf der Bühne legt er erst einmal die geschulterte Bürde ab: Das dunkle Luzifer-Gefieder, das ihn als gefallenen Engel ausweist, braucht er hier nicht. Statt dessen hantiert Judas mit den wenigen Utensilien, die ihm Jörg Zysiks kluges, rational reduziertes Bühnenbild überhaupt lässt. Ein Leichentuch, in das er sich wie Lazarus wickelt. Ein paar Reliquien, vom Flachmann bis zum Kelch. Ein flacher Teller, der zum selbst gewählten Heiligenschein ebenso tauft wie zum Silbertablett, auf dem sich der Kopf des Verräters servieren lässt. Damit lässt sich was herrichten, damit lässt sich spielen.

Am meisten aber weiß Holéczys Judas mit einigen Stahlwürfeln anzufangen, die auf der Bühne herumliegen. Auch wenn er nicht zu Kreuze kriecht, nimmt er sich ins Gebet. Identifiziert sich mit dem Gekreuzigten, lebt märtyrergleich die Leiden Christi auf dem Stahlskelett nach – liegt er bequem?

„Judas!“ ist als Konzentrat und Konsequenz aus Jens und anderem ein starkes Stück über seelische Konflikte und Zerreißproben, die aus Schuld und Sühne erwachsen, aus Buße, Erlösung, Vergebung und auch Vergeblichkeit. Der Gutmensch sieht sich als Bösewicht denunziert, als Verhängnis Jesu, und ist dabei „der einzige unter diesen Fischern und Zimmerleuten und Bauern, der ihn verstand, wirklich verstand“, wie es bei Jens heißt.

Sympathie für den Teufel

Musikalisch dekoriert wird das alles passend mit aus Bachscher Passionsmusik, mit dem kruden „Judas“-Song des bösen Pop-Mädchens Lady Gaga oder auch mit der eher entspannenden Countryversion von „Sympathy for the Devil“ durch die Gruppe „The Twang“. Überhaupt, der Beelzebub: Ungemein beeindruckend, wie der Teufel in den Schauspieler fährt und ihn dann gehörig durchschüttelt.

Das Neue Testament und der ruppige Judenhasser Luther kriegen ansonsten ihr Fett weg. Holéczys Judas litaneiert den katholischen Messe-Sound runter oder verflucht die Überlieferung. Und trägt als ewige Reizfigur schwer am Kreuz von Judenverfolgung, Holocaust und gelbem Stern. „Judas war der erste Jude, den man bezichtigen konnte“, hat Jens dem TAGBLATT dazu einmal gesagt.

Was wäre, fragt sich wiederum Jens’ Judas, hätte er kurz und bündig „Nein!“ gesagt zum abgekarteten Auslieferungsspiel. Wenn er beim göttlichen Vollstreckungsplan nicht freiwillig mitgemacht, sondern sich aus freien Stücken gewehrt und verweigert hätte.

Das Zimmertheater hat ein paar fremde Ergänzungen unter den erdachten Judas-Monolog von Walter Jens gemischt. Zum Beispiel, ganz am Schluss, einen Satz aus einem lange unveröffentlichten Interview, das der 80-jährige Jens vor seiner Demenzerkrankung dem „Stern“-Journalisten Arno Luik gegeben hatte.

Damals sagte Walter Jens: „Der Tod ist eine Premiere, und man weiß nicht, was nach dem letzten Vorhang kommt.“ Ein Satz fürs Jenseits, wie ein Vermächtnis zu Lebzeiten des Autors, der am Premierenabend 90 Jahre als wurde.

Im Zimmertheater endet es allerdings überaus friedlich und tröstlich. Mit dem Appell, die Zeit zu nutzen oder ein Judasbäumchen zu pflanzen. Das Jenseits kann warten. „ Das Theater gehört doch ins Diesseits“, befindet am Schluss der Schauspieler, der Judas war. Und, ans Publikum: „Ihr gehört in Diesseits.“ Er schnappt sich wieder seine Eintrittskarte, macht mit der Digitalkamera einen letzten Schnappschuss und geht ab.

Die Mission ist erledigt, die Pflicht erfüllt, der Job getan. Hosianna, und kreuziget ihn nicht länger.Wilhelm Triebold

Info. Weitere Vorstellungen am kommenden Mittwoch, 13. März, am Donnerstag, 14. März sowie am Samstag, 23. März und Donnerstag, 28. März, jeweils um 20 Uhr im Tübinger Zimmertheater.

Seelenqualen eines verhinderten Neinsagers
Es ist ein Kreuz mit der Verantwortung: Endre Holéczy als Judas beim Probeliegen.

Die „Judas!“-Aufführung am Tübinger Zimmertheater ist Teil des Projekts „Leidenschaft-Passion“, das bis zum 7. April gemeinsam von der Tübinger Stiftskirche, dem Bach-Chor, der Motette, der Hochschule für Kirchenmusik und dem Zimmertheater ausgerichtet wird. Am kommenden Samstag ist um 15 Uhr in der Stiftskirche Bachs Johannespassion zu hören, wie sie von der Kinderchorleiterin Friedhilde Trüün mit Hunderten von Grundschulkindern einstudiert wird. Die „Großen“ vom Bach-Chor führen danach die „Johannespassion für Kinder“ um 17 Uhr in einem Benefizkonzert in der Stiftskirche auf, und um 20 Uhr folgt am 23. März dann noch die Bürger-Aktion „Wir sind der Chor-Johannespassion-Sing along“. Die konzertante Profi-Version der Johannespassion mit dem Bach-Chor ist auf Sonntag, 24. März datiert, Beginn um 17 Uhr. An den folgenden vier Werktagen werden Passionsandachten nach Matthäus stattfinden, ehe am Freitag, 29. März um 15 Uhr Heinrich Schütz’ Matthäuspassion mit der Stiftskirchenkantorei erklingt. Schlussakkord ist die „Funeral-Music“-Motette am 30, März mit dem Jugendchor der Stiftskirche.

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11.03.2013, 12:00 Uhr
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