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Security-Leute wachen jetzt über die Rottenburger Stadtbibliothek
Am Donnerstagmiittag war es ruhig in der Rottenburger Stadtbibliothek, das Interesse an Smartphones und an Büchern hielt sich die Waage. Bild: Fleischer
Radau und aufgeschlitzte Sessel in der Bücherei

Security-Leute wachen jetzt über die Rottenburger Stadtbibliothek

Weil etliche Leute in der Rottenburger Stadtbibliothek lärmten und sogar drei Sessel aufgeschlitzt wurden, sorgen nun zwei Security-Leute für angemessene Lautstärke.

01.03.2018
  • Gert Fleischer

Die neue Rottenburger Stadtbibliothek sollte nicht nur zum Bücher- Ausleihen da sein, sondern auch Möglichkeiten bieten, dass Besucher an Ort und Stelle schmökern oder Zeitschriften lesen; dass Schüler dort die Zeit bis zur Abfahrt ihres Busses verbringen, dass sich Leute für kleinere Veranstaltungen treffen. Weil nicht alle Gäste wissen, wie sie sich trotz aller Offenheit in solch einem Haus zu verhalten haben, gibt es jetzt Eingangskontrollen.

Ninja Benz, der stellvertretenden Bibliotheksleiterin, ist die Sache unangenehm. „Eigentlich wollen wir so etwas gar nicht“, sagte sie am Donnerstag. Jugendliche, die keinen Bibliotheksausweis haben, dürfen derzeit nicht mehr rein. Das ist der Versuch, jene Leute fernzuhalten, von denen sich typische Büchereikunden offenbar so sehr gestört fühlen, dass dies am Dienstagabend zu einer Anfrage von CDU-Stadtrat Michael Bay in der Gemeinderatssitzung führte. Doch Bibliothek und Stadtverwaltung haben bereits reagiert.

Kostenloses WLAN genutzt

Claudia Müller und Yasin Daud vom Ofterdinger Sicherheitsdienst Secom waren am Donnerstag im Foyer der Bibliothek in ihrer schwarzen Dienstkleidung kaum zu übersehen. Die beiden sorgen nötigenfalls auch dafür, dass die Erwachsenen in den oberen Etagen ungestört ihre Bücherlust pflegen können. Daud erzählt, dass es sich etliche Gruppen, meist vier, fünf Leute stark, mehrere Stunden, meist den ganzen Nachmittag bis zur Schließung um 18 Uhr gemütlich gemacht hatten. Zunächst belagerten sie die Jugendetage, als die voll war, auch die anderen Etagen. Einen Bibliotheksausweis habe keiner von ihnen gehabt. Sie hätten sich auch nicht für Bücher oder andere Medienangebote interessiert, sondern hätten das kostenlose WLAN für ihre Geräte genutzt und ansonsten „rumgehangen“ und palavert, wobei es recht laut geworden sei. Alkohol sei nicht im Spiel gewesen. Die jungen Leute hatten offenbar einfach einen neuen Treffpunkt fürs Winterhalbjahr gefunden.

Ungeliebt, aber erfolgreich

Ninja Benz bestätigt, dass drei der recht teuren Designer-Sessel aufgeschnitten wurden, zum Glück nur die kleinen. Laut Oberbürgermeister Stephan Neher seien die Verursacher bekannt und angezeigt worden. Benz sagte, mit dem Einsatz der Sicherheitsleute sei jetzt das Ziel erreicht, eine Bücherei-gemäße Lautstärke ins Haus zu bekommen. Auch wenn die Bibliotheksleitung solche Kontrollmittel nicht mag, seien sie zunächst der einzige Weg gewesen. Denn es gebe nicht so viel Personal, dass ständig auf allen Etagen jemand Aufsicht führen könnte.

Überwachungskameras, die CDU-Stadtrat Hermann Sambeth in die Debatte brachte, will OB Neher noch nicht in Betracht ziehen. Die Stadtverwaltung denke erst mal an Hinweisschilder, die zu sozialverträglichem Verhalten anleiten. Der städtische Streetworker soll öfter in die Bücherei schauen und Störer zu Rücksicht auf andere Besucher animieren. Kulturamtsleiter Karlheinz Geppert rät dazu, dass die Schulsozialarbeiter den Verhaltenskodex in die Schulen tragen. OB Neher: „Hoffen wir mal, dass sich die Einsicht durchsetzt.“ Das kommende Frühjahr werde für Entspannung sorgen, weil sich die Jugendlichen wieder mehr draußen aufhalten können. JA-Stadträtin Nehle Betz wies im Gemeinderat darauf hin, dass auch Erwachsene in der Bücherei laut seien.

Rottenburg noch harmlos

Mag Rottenburg auch erschrecken über diese Entwicklung in seiner seit Jahrzehnten herbeigewünschten Bücherei – es ist noch ganz gut dran. Schwarze Sheriffs in der Bibliothek – das gibt es auch woanders. Die 180.000-Einwohner-Stadt Hamm im Ruhrgebiet setzte sie vor einem Jahr in Gang, weil eine Gruppe „von Jugendlichen und jungen Erwachsenen zunehmend Besucher und Personal der Zentralbibliothek terrorisiert“ hat, schrieb der „Westfälische Anzeiger“. Und weiter: „Erst war es nur Müll in Form von zertretenen Chips, Getränke- und Essensverpackungen sowie Lautstärke, mit denen die Störer auf sich aufmerksam machten. Inzwischen sei es so weit gekommen, dass eine Person durch einen Gummiball am Kopf getroffen wurde, Bücher aus den Regalen flogen und sowohl Besucher als auch Personal durch mehr oder weniger unterschwellige Drohgebärden provoziert und auch angepöbelt“ wurden. Ältere Leute hätten sich nicht mehr zur Toilette getraut, weil diese jungen Leute davor saßen. Hausverbote hätten nichts bewirkt.

Unterschiedliche Abhilfen

Die Helene-Nathan-Bibliothek in Berlin-Neukölln setzte schon vor drei Jahren Security ein. Die Zeitschrift „Cicero“ bezeichnete die Bildungsinstitution als „Deutschlands gefährlichste Bibliothek“ und schrieb von Kondomen auf dem Klo als Folge der mit Sofas eingerichteten Jugendecke. Junge Leute warfen Müll aus dem Fenster, Drogen wurden gedealt, Mitarbeiterinnen sexistisch angemacht.

Nicht beachtete Hausverbote und Polizeieinsätze gibt es in der Stadtbibliothek in Stuttgart ebenso, wenn es dort auch Einzelfälle sind. Der 2011 eröffnete 80-Millionen-Vorzeigebau hat während der Öffnungszeiten zwei Security-Leute im Erdgeschoss, die sich die Besucher genau ansehen. WLAN gibt‘s dort nur mit Bibliotheksausweis ohne weitere Gebühr, aber auch das ist für viele Jugendliche genügend Anreiz, um stundenlang mit Smartphone oder Tablet im Internet zu surfen oder um miteinander „zu zocken“ (Computerspiele spielen). Tische, Stühle und offene Räume, berichtet ein Mitarbeiter, gebe es auf acht Etagen genügend.

Die Problemlage hat sich für die Bibliothek zugespitzt, seitdem das riesige Einkaufszentrum „Milaneo“ neben der Bücherei am Mailänder Platz eröffnet hat und junge Menschen in Scharen anlockt. Die Bibliotheksleitung wollte Streetworker einsetzen, kann sie aber nicht finanzieren. Den Wunsch, dass sich die Geschäfte an den Kosten beteiligen, lehnten diese ab.

Auch in Tübingen gab‘s Probleme

Selbst Tübingens Stadtbibliothek kennt die Konfliktsituationen zwischen Bücherfreunden klassischen Typs und Leuten, die die Räume als Treff und Kommunikationsort nutzen. Wie Bibliotheksleiterin Martina Schuler erzählt, versuchte sie in der Vergangenheit mit unterschiedlichen Eingriffen für Entspannung zu sorgen. Am erfolgreichsten sei das Umstellen der Einrichtung gewesen. Die Plätze für Begegnung und Kommunikation seien auf einen Ort konzentriert worden, so dass nur noch ein Lärm-Pol vorhanden ist. Die ruhigeren Bereiche finden sich in den Tiefen der Gänge.

Das, was Rottenburg gerade zu schaffen macht, spiele sich in Tübingen auch, aber „in geringem Maße“ ab. Das liege daran, dass die Schüler in die Zweigstellen der Bücherei gehen, und die seien in der Regel bei oder in den Schulen. Das sei ein Riesenvorteil, weil Bibliothekspersonal und Lehrer eng kooperieren und weil sie die Unruhestifter in der Regel alle kennen. Die Lehrer können sie sich dann vorknöpfen oder die Eltern informieren. Für das Bibliothekspersonal in Rottenburg, sagt Schuler, seien die Störer fast immer Unbekannte.

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01.03.2018, 23:00 Uhr
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