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Nepals Hoffnung heißt Sonish

Sechs Monate nach dem verheerenden Erdbeben: Zu Besuch beim "Baby aus dem Staub"

Ein halbes Jahr nach dem Erdbeben in Nepal ist der Säugling Sonish ein Hoffnungszeichen. Die Regierung aber hat mit dem Wiederaufbau noch nicht begonnen. Bürokratie behindert Hilfsorganisationen.

20.10.2015
  • PHILIPP HEDEMANN

Als Soldaten den staubbedeckten Sonish vorsichtig aus den Trümmern zogen, gab das vier Monate alte Baby Millionen Menschen Hoffnung. Am 25. April um 11.56 Uhr ließ das schwerste Beben seit 1934 in Nepal rund 900 000 Gebäude einstürzen. Auch das Haus von Sonishs Eltern hielt den Erschütterungen nicht stand, begrub das Baby unter sich. Beim Beben der Stärke 7,8 starben im Himalaya-Staat rund 8800 Menschen, mehr als 22 000 wurden verletzt. Doch Sonish wurde nach 22 Stunden fast unversehrt geborgen.

Ein halbes Jahr später liegen Teile des Landes immer noch in Trümmern, viele der bis zu drei Millionen obdachlos gewordenen Nepalesen leben nach wie vor in Zelten und Notunterkünften - und sind wütend auf ihre Regierung. Zu wenig und zu langsam kümmere sie sich um den Wiederaufbau des 27 Millionen Einwohner-Landes. Doch Sonishs Mutter Rasmila hofft, dass ihr Baby den vielen Trauernden, Traumatisierten und Verzweifelten auch jetzt wieder Kraft geben kann.

Zufrieden trinkt Sonish an der Brust seiner Mutter. Auch als die Soldaten ihn vor einem halben Jahr aus den Trümmern befreiten, hatte Sonish zunächst nur einen Wunsch: Milch. "Nie zuvor hat Sonish so gierig getrunken. Nie zuvor habe ich so vor Glück geweint", sagt seine Mutter, während sie ihren Sohn in der Königsstadt Bhaktapur stillt.

Sobald Sonish satt ist, schnappt seine ältere Schwester Soniya sich ihren kleinen Bruder und drückt ihm einen Kuss auf die Stirn. Als die Erde bebte, war sie mit Sonish allein zu Hause. In Panik rannte die Zehnjährige zur Tür, dann kehrte sie um, um auch ihren Bruder in Sicherheit zu bringen. Doch bevor sie ihn raustragen konnte, fiel das Haus in sich zusammen. Soniya wurde nach vier Stunden leichtverletzt geborgen, ihren Bruder erreichten die Retter 18 Stunden später.

Zeitungen und Fernsehsender aus aller Welt berichteten über das "Glückskind", das "Wunder von Bhaktapur". Die Artikel nepalesischer Zeitungen hat die Mutter ausgeschnitten. Sobald Sonish alt genug ist, will sie ihm erklären, dass er das weltberühmte "Baby aus dem Staub" ist. Aus dem Jäckchen, das er bei seiner Rettung trug, ist er rausgewachsen. Seine Mutter hat es gründlich gewaschen und einer Freundin geschenkt, die gerade ein Baby bekommen hat. "Sonishs Kleidung soll auch diesem Kind Glück bringen. Und seine Geschichte soll unserem ganzen Land Hoffnung machen", sagt die stolze Mutter.

Hoffnung - die kann Nepal in diesen Tagen gut gebrauchen. Vor allem in den schwer zugänglichen Gebirgsregionen sieht es vielerorts noch so aus, als hätte die Erde gerade erst gebebt. Zehntausende Menschen wohnen noch in zugigen, aus Planen, Wellblech und Holz zusammengezimmerten Notunterkünften, viele traumatisierte Menschen schlafen wegen der immer noch anhaltenden Nachbeben in Zelten.

Divya Shresta möchte zurzeit auch nicht unter einer Betondecke schlafen. Sie saß am 25. April mit Bekannten im 4. Stock ihres Elternhauses, als das sechsstöckige Gebäude in der nordnepalesischen Kleinstadt Mankha wie ein Kartenhaus zusammenfiel. "Die vier Kinder neben mir waren sofort tot. Mit einem Mann konnte ich mich am Anfang noch unterhalten, aber bald antwortete er nicht mehr", erinnert sich die Studentin. Ihr Kopf war zwischen Steinen eingeklemmt, ihr linker Arm lag unter einer Betonstrebe. Nach drei Stunden drang schließlich ein Soldat zu ihr vor. Er zerrte an der schwerverletzten Frau, bekam sie jedoch nicht frei. Als er ihr sagte, dass er den eingeklemmten Arm abtrennen müsse, schrie Divya. Dennoch nahm der Soldat eine Sichel und amputierte der Nepalesin den Arm oberhalb des Ellenbogens. Ohne Schmerzmittel. Drei Tage später erreichte die junge Frau schwerverletzt das Krankenhaus in der 80 Kilometer entfernten Hauptstadt Kathmandu. Niemand hatte mehr damit gerechnet, dass sie überlebt.

Erst nachdem ihre Familie von der Diakonie Katastrophenhilfe Wellbleche und Planen erhalten hatte, um eine provisorische Notunterkunft zu errichten, kehrte die 22-Jährige in ihre Heimatstadt zurück. Zusammen mit ihren Partnern versorgte die Hilfsorganisation nach dem Beben mehr als 400 000 Erdbebenopfer - unter anderem mit Wellblech, Planen, Werkzeug, Decken, Wassertonnen, Hygienesets, Lebensmitteln und Saatgut.

Ausländische Hilfe ist auch noch ein halbes Jahr nach den Erdstößen dringend notwendig. Der nepalesische Staat hat bisher fast nichts für den Wiederaufbau des Landes getan - obwohl es in hoch gelegenen Regionen jederzeit zu schneien beginnen kann.

Im September musste der Vorsitzende der neu gegründeten nationalen Behörde für Wiederaufbau zugeben, dass die Regierung noch keinen Cent der umgerechnet 3,6 Milliarden Euro, die im Juni auf einer internationalen Geberkonferenz zugesagt wurden, ausgegeben habe. Das liegt unter anderem daran, dass die Politik bis Mitte September vor allem mit der Verabschiedung einer neuen Verfassung beschäftigt war. Zudem gab es keine Notfallpläne, und eine umständliche Bürokratie führte dazu, dass die Einfuhrzölle auf die sich am Flughafen stapelnden Hilfsgüter erst Tage nach dem Beben aufgehoben wurden. Gewalttätige Proteste, Streiks, Diesel- und Benzin-Engpässe führten zu weiteren Verzögerungen.

Die in Nepal tätigen internationalen Hilfsorganisationen versuchen, die Regierung zu schnellerem Handeln zu bewegen. "Wir haben Pläne für den Bau preiswerter und erdbebensicherer Wohnhäuser ausgearbeitet, aber wir können erst mit dem Bau beginnen, wenn die Regierung die Pläne endlich absegnet hat", sagt Pinar Gökgün, Koordinatorin für Notfallhilfe und Wiederaufbau der Diakonie Katastrophenhilfe. Sollte die Regierung den Baubeginn weiterhin verzögern, werden viele Nepalesen, spätestens wenn die ersten Schneeflocken fallen, auf eigene Faust ihre zusammengestürzten Häuser ohne vernünftigen Zement wiederaufbauen, befürchtet die erfahrene Helferin. Beim nächsten schweren Erdbeben würden diese Häuser dann wieder zu tödlichen Fallen. Und das nächste Beben kommt in Nepal ganz bestimmt.

Sechs Monate nach dem verheerenden Erdbeben: Zu Besuch beim "Baby aus dem Staub"
Der kleine Sonish mit seiner Mutter Rasmila (hinten) und seiner Schwester Soniya: Vor sechs Monaten wurde Sonish 22 Stunden nach einem schweren Erdbeben in Nepal unter Trümmern geborgen (oben). Noch heute sieht es in dem Land vielerorts so aus, als ob die Naturkatastrophe erst gestern stattgefunden hätte. Fotos: Philipp Hedemann/dpa (2)

Sechs Monate nach dem verheerenden Erdbeben: Zu Besuch beim "Baby aus dem Staub"

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20.10.2015, 12:00 Uhr
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