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Gebet in einer Ditib-Moschee. Über die Rolle der von der Türkei entsandten Imame ist ein Streit entbrannt. Foto: Gebet in einer Ditib-Moschee. Die Imame kommen meist aus der Türkei. dpa
Ditib

Schwieriger Partner

Seit Imame in Deutschland für den türkischen Präsidenten Kritiker ausspioniert haben, ist das Vertrauen zerstört. Wie umgehen mit dem Verein?

19.09.2017
  • ELISABETH ZOLL

Ulm. Die Entfremdung ist unübersehbar. Kaum eine Woche, da nicht neue Provokationen das deutsch-türkische Verhältnis erschüttern. Und mitten drin: die türkischstämmigen Muslime hierzulande. Spätestens seit dem vereitelten Putsch im Sommer 2016 existiert ein Riss zwischen Erdogan-Befürwortern und -Kritikern. Er zieht sich auch durch Familien und Paare. Gesellschaftliche Ächtung und Boykottaufrufe für Erdogan-Kritiker oder -Anhänger der Bewegung von Fethulla Gülen, den Erdogan zum Staatsfeind erkoren hat, gibt es auch in Deutschland. Niemand weiß, wer verdächtigt wird, seit Denunzianten auch in Deutschland fröhliche Urständ feiern.

Als Zuträger agierten auch Mitarbeiter von Ditib, der Türkisch Islamischen Union der staatlichen Anstalt für Religion, mit Sitz in Köln. Ihre Imame sind als Beamte der staatlichen türkischen Religionsbehörde Diyanet unterstellt. Die überwiegende Mehrheit wird in der Türkei ausgebildet, von Ankara bezahlt und für fünf Jahre nach Deutschland entsandt. Diese enge Rückbindung ist heute das Problem.

„Präsident Erdogan hat das unbedingte Bedürfnis, nach Deutschland durchzuregieren“, sagt die Islamwissenschaftlerin Susanne Schröter, Leiterin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam. Deshalb müsse es in Deutschland eine Neubewertung von Ditib geben. Der Verein ist ein wichtiger Ansprechpartner für die Politik. Er wird einbezogen bei der Entwicklung von islamischem Religionsunterricht an Schulen, beim Aufbau von Lehrstühlen für Islamwissenschaftler, ist Mitglied der Islamkonferenz auf Bundesebene und in Räten für Religionen in den Kommunen. „Der Islam der türkischen Religionsbehörde hat sich unter Erdogan in eine politisierte Richtung verändert. Er hat sich entfernt vom gemäßigten türkischen Staatsislam früherer Jahre“, diagnostiziert Susanne Schröter. Deshalb müssten bisherige Kooperationen „auf Eis gelegt“ werden.

Tatsächlich steckt der Verband in Umwälzungen. Liberale Imame und Gemeinden stehen unter hohem Druck. Beobachter gehen davon aus, dass in den vergangenen Monaten ein Viertel aller Vorbeter ausgetauscht wurden. Ob sie neue Aufgaben in der Türkei erhalten haben oder wegen angeblicher Nähe zur Gülen-Bewegung inhaftiert wurden, weiß niemand. Auch bisherige Dialogpartner der Kirchen und engagierte Frauen sind vielerorts aus führenden Positionen verschwunden. Die Säuberung verunsichert – die Moscheegemeinden und die Gesprächspartner. Ihnen fehlt das Gegenüber.

„Ditib versucht die Krise auszusitzen“, meint Susanne Schröter. Sie weist darauf hin, dass der Verband wegen seiner Haltung schon vor dem Putsch nicht unumstritten war. So sei der Aufbau von Lehrstühlen nur mühsam vorangekommen, nicht genehme Professoren wurden teils schwer verunglimpft. Dabei galt Ditib jahrzehntelang als gemäßigt, im Gegensatz zu anderen Gruppierungen. „Islamische Verbände in Deutschland wollen keinen deutschen Islam“, betont Schröter. Mehr noch: „Sie versuchen liberale Kräfte auszubremsen.“

Islamverbände wie die Ditib sind die organisierten Gesprächspartner für die deutsche Politik. Doch nur 20 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime sind Mitglied in den konservativen Vereinigungen. Die große Mehrheit geht auf Abstand. Von diesen Personen ist nicht bekannt, wie eng sie ihrer Ursprungsreligion noch verbunden sind, bemerkt der Islamwissenschaftler Michael Blume, dessen Buch „Islam in der Krise“, gerade veröffentlicht wurde. Im Gegensatz zum Christentum, zu dem man sich individuell bekennt oder nicht, werden Muslime mit Geburt zur Weltreligion einfach dazu gezählt. Ein Austritt ist nicht vorgesehen. Das verfälscht die Zahlen. Der stille Rückzug von der Religion werde ignoriert, sagt Blume. Er mahnt: „Wir übersehen so die Säkularisierung der Muslime.“ Das heißt, ein großer Teil von ihnen wird über die organisierten Gesprächsformen gar angesprochen. „Von deutscher Seite müssten wir uns viel mehr Gedanken machen, wie man die 80 Prozent einbezieht“, betont auch Susanne Schröter.

Noch debattiert die Politik darüber, wie der Umgang mit Ditib zu gestalten ist. Der CDU-Politiker Thomas Bareiß glaubt, dass die Zusammenarbeit „auf Dauer nicht mehr aufrechtzuerhalten ist.“ Nach seiner Einschätzung agiert Ditib heute als „verlängerter Arm des Präsidentenpalastes“. Auch der Grünen-Politiker Cem Özdemir räumt ein, es werde „immer schwerer“ im Gespräch zu bleiben. Man wisse, dass die türkische AKP mit ihrem deutschen Ausläufer der Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD) mit sehr viel Geld versuche, alle Organisationen, inklusive der Moscheegemeinden, gleichzuschalten, um hier eine Art Parallelgesellschaft zu errichten. Wenn Ditib-Moscheen benutzt würden, um Leute auf Erdogan-Kurs zu bringen, sei das ein Problem. „Ditib muss sich abnabeln von Ankara und zu einer inländischen Vertretung von in Deutschland lebenden Muslimen werden“, fordert Özdemir. Wenn das nicht erfüllt ist, seien der Zusammenarbeit Grenzen gesetzt. Derzeit erfülle Ditib jedenfalls nicht die Voraussetzung für eine Körperschaft des öffentlichen Rechts und damit für das Recht, Religionsunterricht zu erteilen.

Diese Linie gilt nicht überall. Während Rheinland-Pfalz die Einbeziehung von Ditib bei der Ausgestaltung islamischen Religionsunterrichts kritisch prüft, will Hessen an der Zusammenarbeit festhalten. Baden-Württemberg fährt zweigleisig. „Wir starten keine neuen Projekte, aber wir brechen bestehende Kooperationen auch nicht ab“, sagt Arne Braun, stellvertretender Pressesprecher im Staatsministerium. Das würde sonst jene treffen, die den Dialog wollen.

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19.09.2017, 06:00 Uhr
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